09. Dezember 2012, 17:18 Uhr

Tanzstück »Hypnotic Poison« auf der TiL-Studiobühne

Premiere auf der TiL-Studiobühne hatte nun das Tanzstück »Hypnotic Poison« von Tarek Assam und Robert Przybyl: Es war eine fulminante Arbeit der Tänzer, eine komplizierte Choreografie der Abläufe, aber als Ganzes nicht durchweg überzeugend.
09. Dezember 2012, 17:18 Uhr
Artistisch und exakt verzahnt: Bodenturnen mit Yuki Kobayashi, Marco Barbieri, Esteban Barias, Michael Bronczkowski. (Foto: Dietmar Janeck)

Drei Frauen und vier Männer aus sieben Ländern haben einen neuen Tanzabend gestaltet, zu dem Ballettchef Tarek Assam
Robert Przybyl als Gast-Choreograf eingeladen hat; der 35-jährige gebürtige Pole ist dem Gießener Publikum in seinen Auftritten bei TanzArt ostwest schon begegnet. »Hypnotic Poison – Dinge, die ich keinem erzählte« ist der Titel der aktuellen Produktion. Am Samstag war Premiere des etwas über einstündigen Stücks im Löbershof.

Die Bühne ist hell ausgekleidet; eine Wand mit einem kreisrunden Durchschlupf links, eine Schräge rechts, in der sich der Kreis als Schacht wiederfindet, eine dunkle Rückwand mit Leuchtschrift »Show«. In Alltagskleidung tanzt die Gruppe synchron zu
Disco-Rock, bevor sich einzelne Szenen interaktiv entwickeln. Man mag nicht von Pas de deux sprechen, denn was Lea Hladka und Michael Bronczkowski bald zeigen, ist ein fulminant sportiv aufgelegter Sex-Kampf mit bedrohlicher Klangkulisse. Die Tänzerin bleibt erschöpft am Boden. Nun entwickeln sich weitere Konstellationen, die ineinander greifen. So tritt ein christliches Trio (angeführt von »Priester« Marco Barbieri) stark pantomimisch in Aktion, oder ein kleines Mädchen (Caitlin-Rae Crook) im sternenverzierten Schlafanzug vollführt mit Hladka zu sanfter Musik einen ausgefeilten, echten Pas de deux. Nicht erschließt sich, warum das Mädchen dann Schreiattacken anheimfällt.

Bei der Musikauswahl (unter anderem von Lenny Kravitz, Skunk Anansie, Amy Winehouse, Lord of Acid, Peter Gabriel und Kasia Nosowaska) nehmen die polnischen Lieder einen Sonderstatus ein, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass (nicht nur) hier Autobiografisches von Robert Przybyl einfließt, so persönlich und kaum entschlüsselbar wirken manche Szenen. Erzählerischer geht es dann zu, wenn Sven Krautwurst als Impresario mit Aids-Schleifchen und roten Stöckelschuhen ein Klischeebild des homosexuellen Showmasters gibt und mit Gesang und Spracheinlagen sein komödiantisches Talent offenbart. Unter seiner Ägide nimmt die Show äußerlich Gestalt an; das flachbrüstige Mädchen im Schlafanzug mutiert dabei zu einem Sternchen in güldener Busenkorsage, Lea Hladka und die kraftvolle Yuki Kobayashi geben der Frauenriege weitere Farben. Man macht »Cheeeese« für das Publikum, doch wie’s dahinter aussieht, geht niemand was an... Bis der Showmaster nach einem missglückten Hochglanzauftritt hysterisch ausflippt und heulend eine beeindruckend akrobatische Bodennummer vollführt – Körperarbeit von geradezu masochistischer Qualität.

Eine andere Variante von Sinnlichkeit demonstrieren Michael Bronczkowski und Esteban Barias. Schon durch die unterschiedliche äußere Erscheinung bringt dieses männliche Paar Spannung in die fließenden Bewegungen seiner Annäherung.

Das Stück besticht tanztechnisch durch äußerst kraftintensiven Anspruch und komplizierte und abwechslungsreiche Ensemblechoreografie der meist miteinander verzahnten Szenen, einmal abgesehen von einem stereotyp wiederkehrenden Bewegungskanon, der mit ruckartigen Arm- und Kopfbewegungen Automatismus suggeriert. Das im Titel so lockend Geheimnisvolle will sich nicht offenbaren. Und wenn am Schluss der zuvor so gepeinigte Impresario zu einzelnen Personen im Publikum tritt und fragt: »Hat es Ihnen gefallen? Und Ihnen auch?«, so ist das vorgetäuschte Heiterkeit, denn ein Quäntchen Verzweiflung schwingt mit.

»Hypnotic Poison« – Gift oder Parfüm? Im Stück geht es nicht nur »sanft, verführerisch und sinnlich« (Dior-Duft) zu. Im Programmblatt ist die Rede von Sein und Schein, von Schleiern und Schichten, die verhindern, dass wir uns preisgeben müssen. »Die Wahrheit, die Nacktheit bedeutet Verletzlichkeit und Ausgeliefertsein und damit unseren Untergang« – eine Anleitung für’s Leben oder die Kapitulation des Individuums vor der Gesellschaft? Die neue Produktion wirkte in diesem Sinn bruchstückhaft. »Dinge, die ich keinem erzählte« – zugegeben, die lassen sich auch tänzerisch kaum in geschlossene Form bringen. Am Ende gab es Jubel für ein konditionsstarkes Ensemble und herausragende Einzelleistungen.

Olga Lappo-Danilewski

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