05. Oktober 2017, 11:00 Uhr

Tag des Lehrers

Tag des Lehrers: Redakteure erinnern sich an ihre Favoriten und Alpträume

Zum Tag des Lehrers erinnern sich unsere Redakteure an ihre Schulzeit. Es geht um faule Säcke, mit der Flöte prügelnde Lehrer und Sternstunden.
Zum Tag des Lehrers berichten unserer Redakteure von ihren Erlebnissen. (Foto. fotolia/darkbird)
Über kaum einen Beruf wird derart kontrovers diskutiert wie über den des Lehrers. Dass viele­ ­Pädagogen ihren Dienst engagiert und voller ­­Einfühlungsvermögen versehen, steht aber außer ­Frage. Deshalb hat die »Unesco« den 5. Oktober zum »Tag des Lehrers« ausgerufen. Auch die Kollegen, die sich hier an die Schulzeit erinnern, haben unterschiedliche Erfahrungen mit ihren Paukern gemacht. Die reichen von der prügelnden Klassenlehrerin bis zum verständnisvollen Pädagogen.

 

Karola Schepp: Magisches Dreieck

Karola Schepp
Es mag zwar langweilig klingen, aber meine Erinnerungen an die Schulzeit sind durchweg positiv. Und daran haben besonders drei Lehrer einen großen Anteil. Da ist zum einen mein ehemaliger Lateinlehrer Rainer Högy. Bis zum elften Schuljahr war er mein Klassenlehrer und ein echtes Original. Stets trug er Fliege zum Anzug und hatte die schwarzen Haare so in die Stirn gekämmt, dass sie ein Dreieck formten. Und vor allem hat er uns Schüler in den jüngeren Jahrgängen mit einem besonderen Ritual beeindruckt: Mit einem fröhlichen »salvete discipuli« betrat er den Klassensaal und wir antworteten im Chor »salve magister«. Wie habe ich diese allmorgendliche Begrüßung gemocht – und was war es für ein Gefühl, als uns diese Respektsperson mit Einzug in die Oberstufe nicht mehr duzte, sondern siezte. Da fühlte man sich plötzlich zum ersten Mal ein Stück weit erwachsen.

Dass ich nach dem Abitur Germanistik studiert habe und Kulturjournalistin geworden bin, daran haben zwei ­Lehrerinnen einen ganz großen Anteil. Da ist zum einen Dr. Tatjana Högy, hochgebildete und charismatische Ehefrau besagten Lateinlehrers und meine Deutschlehrerin, die leider noch während meiner Schulzeit verstorben ist. Zum anderen ist da aber auch Christina Hohenemser zu nennen, die mir im Deutsch­Leistungskurs gefühlt mehr über Literatur und Literaturgeschichte beigebracht hat, als ich in all meinen Semestern an der Universität erfahren habe.

 

Christoph Hoffmann: »Stern«­Stunde

Christoph Hoffmann
Ich war nicht unbedingt ein pflege­leichter Oberstufenschüler. Verschlafen, abwesend, Hausaufgaben vergessen. Das Übliche. Lediglich mein Deutschlehrer verzieh mir die Verfehlungen. Ich glaube es lag daran, dass ich in seiner ersten Stunde als einziger die Chefredakteure von »Spiegel« und »Stern« nennen konnte. Seither hatte ich bei ihm ein Stein im Brett. Wenn ich zu spät das Klassenzimmer betrat, blickte er großzügig in die andere Richtung. Meine Noten waren stets einen Tick zu gut und wenn die Hausaufgaben vorgelesen werden mussten, nahm er mich nur dran, wenn ich mich meldete. Letztlich habe ich ihm auch mein Abitur zu verdanken. Den schriftlichen Teil hatte ich in den Sand gesetzt, ich brauchte im mündlichen eine Eins, um nicht durchzufallen.

Neben meinem Deutschlehrer saßen noch zwei andere Prüfer am Pult, um meine Ausführungen zu bewerten. Ich schlug mich auch ganz gut, aber gewiss nicht »sehr gut«. Trotzdem überreichte mir der Direktor wenig später das Zeugnis. Bestanden. Am Abend feierte ich den Erfolg auf der Abi­Party. Plötzlich gesellte sich mein Deutschlehrer zu mir. »Wollen Sie mir nicht ein Bier ausgeben«, fragte er mich lächelnd. »Ich glaube, das habe ich mir verdient.« Nach einigen weiteren Gläsern erzählte er mir, dass die anderen Prüfer das Buch meiner Mündlichen nicht gelesen hatten. Es oblag also nur ihm, mein Gestammel zu bewerten. Leider habe ich ihn danach nie wieder gesehen, seinen Namen habe ich auch vergessen. Dass ich 15 Jahre nach meinem Abi für die Zeitung schreibe, dürfte ihm aber gefallen.

 

Stephan Sippel: Humanist und Motivator

Stephan Sippel
Schmunzeln muss ich, wenn ich an damals denke. An »das Fräulein Heiland« etwa, meine Musiklehrerin, eine spindeldürre alte Dame, die auf dem »Fräulein« bestand. Oder Religionslehrerin Tappeser, von der mir vor allem ihr starkes Lispeln in Erinnerung geblieben ist. Weltfremd, dabei hochintellektuell, was mir erst viel später richtig klar wurde. Überhaupt: In der Distanz sieht manches Urteil anders aus. Die Jungen, »Coolen«, von denen wir in den frühen 70ern begeistert waren, kommen bei mir heute längst nicht mehr so gut weg.

Der Referendar, der den Vietnamkrieg auf unseren Wunsch im Unterricht behandelte, war im Grunde genommen ein fauler Sack. Denn er verteilte einfach lieblos ein paar Skripte, die aus seinem Studium stammten und die uns völlig überforderten. Oder der braun gebrannte Sportlehrer, der uns jederzeit Fußball spielen ließ. Von ihm kam später raus, dass er auf pubertierende Mädchen stand und sie heimlich mit zu sich nach Hause nahm. Das ist die eine ­Seite. Auf der anderen Seite steht zum Beispiel mein Kunstlehrer Mihm, ein ganz unauffälliger Mensch. Er sah Talente dort, wo niemand etwas davon ahnte. Es war die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich selbst gerne malte. In bester Erinnerung habe ich auch meine Grundschullehrerin, Frau Lange. Die war freundlich, geduldig – und gab uns genau das, was Kinder am meisten brauchen.

 

Jens Riedel: Mit der Flöte verprügelt

Jens Riedel
Ich bin in einem kleinen Dorf im Vogelsberg aufgewachsen. Die Landschaft war rau, die Winter waren rauer und die Lehrer am rausten. Regelmäßig prügelte meine Klassenlehrerin – eine sehr resolute, ältere Dame – auf uns Kinder ein. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal nachsitzen musste, weil ich nicht gut Flöte spielte. Irgendwie konnte ich dem Instrument nicht die richtigen Töne entlocken. Meine Klassenlehrerin, die zugleich auch Musiklehrerin war, zeigte sich davon so sehr genervt, dass sie mir plötzlich die hölzerne Flöte entriss und mir damit mehrmals auf den Kopf schlug.

Gewalt als Erziehungsmittel praktizierte auch der Dorfpfarrer, der zugleich unser Religionslehrer war: Der große, kräftige Mann zerrte Kinder, die nicht brav genug waren, von ihrem Sitzplatz nach vorn, packte sie am Ohr und hob sie fast daran hoch. Einem Mitschüler riss er das Ohr dabei ein, es blutete. Das war 1973. Heute wäre so etwas unvorstellbar. Von meiner Grundschulzeit sind mir sonst nur vier Dinge in Erinnerung geblieben: Aus dem Lehrerzimmer roch es immer nach Kaffee. Samstag war noch Unterrichtstag. Auf dem Schulhof musste man höllisch aufpassen, nicht von älteren Schülern schikaniert oder gequält zu werden. Und Läuse an der Schule waren auch damals schon weit verbreitet.

Karen Werner: Singend in die Klasse

Karen Werner
Alles war neu, alles war Aufbruch, alles war aufstrebender Mittelstand damals in den Siebzigerjahren. Sputnik­Schock und Bildungsoffensive ebneten uns schwäbischen Dorfkindern den Weg zum Abitur. Zwei Jahre vor meinem Übergang in die fünfte Klasse eröffnete »mein« betongraues Mittelpunkt­Gymnasium im Nachbarort. Unverbraucht waren auch die Lehrer. Das habe ich als Kind natürlich nicht bewusst wahrgenommen. Aber beim Schulfest zum 25­jährigen Jubiläum konnte ich mich endlich bei meiner ersten Englischlehrerin Ursula Petzold bedanken: Für ihre Fröhlichkeit, mit der sie singend ins Klassenzimmer rauschte, während wir einstimmten in »Good morning to you«. Für ihr pädagogisches Einfühlungsvermögen und die Kartenspiele, die sie zum Einprägen der unregelmäßigen Verben erfand. Über ihr Lieblingswort konnte sie sich ausschütten vor Lachen: »To put, put, put«, und sie begeisterte uns für die Arche­Noah­Lied­Zeile: »The big hippopotamus stuck in the door…« Wir alle lernten gern und leicht Englisch. Als ich ihr 20 Jahre später von diesen Erinnerungen erzählte, wurde Frau Petzold ein bisschen wehmütig. »Die meisten Kollegen kamen direkt von der Uni. Wir waren voller Elan. Heute ist das nicht mehr so.« Eine gute Lehrerin ist sie sicher geblieben – freundlich, klug, zugewandt, einfühlsam. Es kann indes sein, dass ihre jüngeren Schülergenerationen nicht mehr beim Anblick der Uhrzeit 13.58 Uhr lächelnd an die Lehrerin denken, die sich so wunderbar amüsieren konnte über »two to two«.

Guido Tamme: Der Raucher in der Tür

Guido Tamme
Am Gymnasium habe ich in den Sechzigerjahren einige Originale erleben und erleiden müssen, die heute vermutlich aus dem Dienst entfernt würden. Aber als Mensch besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir Herr Hilkenbach, weil er mich durch die ersten vier Jahre meines Schülerdaseins in Bremen geführt hat und weil er auf äußerste Disziplin in seiner Klasse achtete. Ein großer schlanker Mann, schwarze, glatt zurückgekämmte Haare, Hornbrille und Kettenraucher. Und was für einer. In jeder kleinen Pause stellte er sich in den Türrahmen des Klassensaals und blies den Rauch per Nase in den Flur. Zu den 35 Kindern der Klasse gehörte auch seine Tochter Angela. Was für das arme Mädel eindeutig ein Nachteil war, weil er sie noch strenger als alle anderen behandelte. Manchmal fühlte auch ich mich von ihm benachteiligt, weil ich glaubte, eine bessere Note verdient zu haben, vor allem in Deutsch. Erst später habe ich erfahren, dass er meiner Mutter anvertraut hatte, er wolle mir nicht ständig Einsen geben, damit ich nicht übermütig werde. Ein guter Pädagoge war er wohl doch.

Armin Pfannmüller: Humanist und Motivator

Armin Pfannmüller
Ein Pädagoge, der einen jungen Menschen von der Stufe sieben bis zur zehn als Klassenlehrer begleitet und in diesen vier Jahren im Lateinunterricht auch noch in die Geheimnisse von Cäsar und Cicero einführt: Kein Wunder, dass der vor vier Jahren verstorbene Alfons Urban mir besonders (gut) in Erinnerung geblieben ist. Dabei war die erste Begegnung der Klasse 7b der Herderschule mit ihrem neuen Lehrer nicht gerade von Sympathie auf den ersten Blick geprägt. Der stets korrekt gekleidete Experte für römische Geschichte wirkte streng. Und wenn er einen Klassenkameraden nach der eher freien Übersetzung einer Passage aus den Punischen Kriegen als »großen« oder »erbärmlichen Schwätzer« bezeichnete, schien sich dieses Bild zu bestätigen. Aber nur für fünf Sekunden. Dann merkte man, dass er sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen konnte. Je länger sich Klasse und Lehrer kannten, desto stärker spürte man, dass Urban die humanistische Bildung, die er selbst genossen hatte, auch als Richtschnur für sein Leben diente.

Größter Motivationskünstler war Rüdiger Büger. Noch heute frage ich mich manchmal, wie der Physiklehrer es geschafft hat, einen naturwissenschaftlich  allenfalls mittelmäßig begabten Schüler wie mich dazu zu bringen, bei ihm einen Physik­Leistungskurs zu belegen.

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