09. August 2019, 21:41 Uhr

Symbol für den Neuanfang

09. August 2019, 21:41 Uhr
Bei »Rumreichschnitten« lässt sich prima plaudern. (Foto: bf)

An der Wand im Ausstellungsraum des Oberhessischen Museums hängen Karten. Dankeskarten, um genau zu sein. »Wir sind in Deutschland«, steht auf einer. »Herzlichen Dank für alles.« Die Schriftstücke stammen von ehemaligen Flüchtlingen, die im Gießener »Notaufnahmelager« im Meisenbornweg eine Unterkunft fanden. Zwischen 1945 und 1990 wurden hier insgesamt 900 000 Menschen untergebracht. Die ersten kamen damals aus Ostpreußen oder Schlesien. Aus der Heimat vertrieben oder nach der Kriegsgefangenschaft hofften sie in Westdeutschland auf einen Neuanfang. Besonders zur Zeit der DDR gab es große Flüchtlingswellen. Für die Neuankömmlinge war Gießen damals die erste Station. Im Aufnahmelager, das seit 1990 unter dem Namen »Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende« bekannt ist, bekamen Geflüchtete all das, was sie für ihr neues Leben benötigten. Einen neuen Ausweis, zum Beispiel. Und eine neue Sozialversicherungsnummer.

Nur wenige Zeitzeugen berichten

Damals galt unsere Stadt als das »Tor zum Westen«. Aber eben nur als das Tor. Nicht viele der ehemaligen Flüchtlinge sind in Gießen geblieben. Kein Wunder, dass zur »Rumreichschnitte« im Alten Schloss dieses Mal bloß wenige Zeitzeugen kommen konnten. Immerhin leben die heute über ganz Deutschland verstreut. Trotzdem: Gießen ist im Kopf geblieben. »Als ich damals meinen Kollegen in Berlin erzählt habe, dass ich nach Gießen gehe, gab es zwei verschiedene Reaktionen«, erinnert sich Katharina Weick-Joch, Leiterin des Oberhessischen Museums. »Die Menschen aus Westberlin haben gesagt: ›Gießen? Wo ist denn das?‹. Die Ostberliner aber kannten die Stadt. Da hieß es dann: ›Da gab es doch das Erstaufnahmelager.‹«

Schlechte Erinnerungen verbinde mit der Zeit in Gießen kaum einer. Zwar war das Aufnahmelager mit seinen metallenen Doppelhochbetten keine besonders luxuriöse Unterkunft, die Offenheit und Gastfreundlichkeit der Gießener habe das aber schnell wettgemacht. Die Neulinge aus der DDR seien gut aufgenommen worden, große Unruhen oder Proteste habe es nie gegeben. Klar, ein paar Aufnahmegegner gab es.

Tatsächlich stieg die Kriminalitäts- und vor allem Diebstahlsrate mit großen Flüchtlingsschüben an, was wohl manchen Bürger verunsicherte. Und doch sahen die meisten die »neuen Gießener« nicht als Bedrohung. Vielmehr bemühte man sich darum, ihnen den Neubeginn zu erleichtern. So wurden Flüchtlingsfamilien beispielsweise eingeladen, mit Gießener Familien Weihnachten zu verbringen. Außerdem fanden in der Notaufnahmeeinrichtung zahlreiche Veranstaltungen statt: zum Beispiel Tanz- oder Spielabende. Zur Begrüßung gab es Geldzuschüsse und Süßigkeiten für die Kinder.

Obwohl Gießen für die meisten Geflüchteten aus der DDR nur eine Zwischenstation war, erinnert man sich gern zurück, hieß es. Für viele wurde das »Notaufnahmelager« im Meisenbornweg damals zum Symbol für Neuanfang und Freiheit - und ist es bis heute geblieben.

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