28. September 2016, 10:53 Uhr

Studenten als Feuerwehrleute

Gießen (srs) Tagsüber sitzen sie in Vorlesungen. Nachts retten sie Leben. Jede zehnte Kraft in den Reihen der freiwilligen Brandbekämpfer der Stadt ist Student. »Erst seitdem ich bei der Feuerwehr bin, fühle ich mich als Gießener«, sagt einer von ihnen
28. September 2016, 10:53 Uhr
Bis zu 160 Einsätze im Jahr fahren Alexander Lampe (l.) und Benedikt Ehmann (r.), im Bild mit dem Kleinlindener Wehrführer Martin Hoffmann. (Fotos: dpa/srs)

Alexander Lampes Augen sind klein. Eine leichte Müdigkeit ist ihm anzusehen. Der 26-Jährige steckt im Prüfungsstress. Lampe studiert Medizin an der Justus-Liebig-Universität, im zehnten Semester. In zwei Wochen steht das Staatsexamen bevor. Für ein Gespräch über seine ehrenamtliche Tätigkeit aber hat er sich Zeit genommen. Vor allem abends und am Wochenende rückt er zu Bränden und Unfällen aus. Und rettet Leben. Der 26-jährige Student ist in der Freiwilligen Feuerwehr in Kleinlinden aktiv.

»Das ist der perfekte Ausgleich zum Studium«, sagt er. Nur vor Referaten und Prüfungen bleibt der Piepser ausgeschaltet. »Bei Pflichtveranstaltungen gesteht uns die Feuerwehr zu, dass wir von Einsätzen befreit sind.«

Ursprünglich kommt Alexander Lampe aus der Nähe von Dortmund. Das Medizinstudium hat ihn 2011 nach Gießen verschlagen. »In Dortmund war ich mit 13 in der Jugendfeuerwehr. Mit 17 habe ich dort dann bei der Freiwilligen Feuerwehr angefangen.« In Gießen dachte er nicht auf Anhieb daran, auch hier der Freiwilligen Feuerwehr beizutreten. Vor zwei Jahren aber zog er nach Kleinlinden. Seine Wohnung ist nur 50 Meter von der Wache entfernt. Und so entschloss er sich, wieder regelmäßig in die Uniform der Feuerwehr zu schlüpfen, Helm und Atemschutzmaske überzuziehen und Brände zu bekämpfen.

Erst seit seinem Engagement in der Feuerwehr, erzählt der 26-Jährige, »lerne ich Menschen kennen, die schon immer in Gießen leben. Ich werde vertraut mit den Eigenheiten der Hessen und Spezialitäten wie Handkäs’ und grüne Soß’. Dank seiner ehrenamtlichen Tätigkeit betrachte er Gießen als seine Heimat. »Vorher war ich vor allem Student. Jetzt bin ich Gießener.«

Die Feuerwehr sucht ihren Nachwuchs gezielt unter Studenten. Bereits die Erstsemester werden während der Orientierungswoche an einem Stand gezielt angesprochen. »Studenten sind flexibel. Mehrere sind schon in ihrer Heimat zu Feuerwehrkräften ausgebildet«, hält der Kleinlindener Wehrführer, Martin Hoffmann, fest. »Und im Gegensatz zu Berufstätigen sind sie öfter spontan einsetzbar.« Aus dem Hörsaal habe er noch nicht zu einem Brand eilen müssen, berichtet Student Lampe. »Tagsüber rückt meistens die Berufsfeuerwehr mit ausreichend Kräften aus.«

Im vergangenen Jahr allerdings, erinnert sich Lampe, sei er mit den Kameraden vier bis fünf Mal in der Woche nachts zur Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung ausgerückt. »Da hatte ich als Student schon einen Vorteil«, sagt der 26-Jährige. »Ich musste am nächsten Morgen eben nicht arbeiten.«

Einsätze führen die Blauröcke auch zum Uniklinikum. Das ein oder andere Mal sei er von Professoren in Feuerwehruniform schon erkannt worden, erzählt der Medizinstudent. »Das sind aber fast immer Fehlalarme.«

Zwischen 120 und 160 Einsätze im Jahr sind es für den 26-Jährigen. Hinzu kommen über 30 Ausbildungs-Termine. Jeden zweiten Tag habe er mit der Feuerwehr zu tun. Während viele Studenten nebenbei Geld verdienen, widmet er seine Freizeit der Brandbekämpfung. Auf die Frage, ob die Arbeit in der Freiwilligen Feuerwehr nicht eigentlich ein zeitaufwändiger Job sei, nur ohne Bezahlung, schüttelt Lampe den Kopf. »Das ist nicht mein Job. Das ist mein Hobby.«

Zahlreiche Studenten sind unter den Brandbekämpfern der Stadt im Einsatz. In den Freiwilligen Feuerwehren der Stadt stellen sie zehn Prozent der Kräfte, wie Martina Klee, Leiterin des Amts für Brand- und Bevölkerungsschutz berichtet. Die studierenden Blauröcke kommen aus allen Fachbereichen von Medizin über Theologie bis zu Jura. Die meisten waren schon vor ihrem ersten Semester in ihrer heimischen Wehr aktiv. Vor allem in Gießen-Mitte sowie in Kleinlinden und Wieseck profitiere man von Studenten, sagt Klee – »und die Studierenden wiederum von ihrem Dienst bei der Feuerwehr «. Damit meint sie den »freundschaftlichen Zusammenhalt und ein Netzwerk«. Gerade für Studenten, die nicht aus Gießen kommen, sei dies ein großer Vorteil.

»Studenten kommen und gehen«, sagt Benedikt Ehmann. »In der Feuerwehr aber erfahre ich Kontinuität. Hier gibt es Menschen, auf die man sich verlassen kann. Und mit denen man über etwas anderes reden kann.« Ehmann studiert an der Technischen Hochschule Umwelt-, Hygiene und Sicherheitsingenieurwesen. In der Freiwilligen Feuerwehr Gießen-Mitte ist er aktiv, wo Studenten im Vergleich zu anderen Feuerwehren in der Stadt den größten Anteil stellen. »Ein Fahrzeug ist auch schon mal akademisch besetzt«, erzählt der 30-Jährige.

Aus der Nähe von Nürnberg stammt er, aufgrund des Studiums ist er nach Gießen gezogen Wie Alexander Lampe war er in seiner Heimat bereits als Jugendlicher in der Feuerwehr engagiert. Ehmann hebt vor allem einen Vorzug der ehrenamtlichen Tätigkeit hervor: Kameradschaft. »In der Klausur, bist du alleine. Einen Brand löschst du im Team.«

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