25. November 2009, 10:16 Uhr

Studenten: Zwischen Konkurrenzkampf und vollem Stundenplan

Gießen (fd). Mit der Ankündigung einer Bafög-Erhöhung zum kommenden Wintersemester haben die bundesweiten Studentenproteste eine erste Reaktion der Politik provoziert. Doch wofür treten die Demonstranten eigentlich genau ein? Drei Protestler erklärten der Allgemeinen Zeitung anhand persönlicher Erfahrungen, warum sie den Streik unterstützen.
25. November 2009, 10:16 Uhr

Martin Wagner* studiert im fünften Semester »Außerschulische Bildung« und steht damit kurz vor seinem Bachelor-Abschluss. Was danach kommt, weiß er noch nicht: »Gerne würde ich einen Master draufsetzen, aber für 240 Absolventen aus unserem Jahrgang stehen wohl nur 30 Masterplätze zur Verfügung«, erklärt er. Strenge Zulassungsbeschränkungen sind zu erwarten. »Momentan herrscht purer Konkurrenzkampf«, beschreibt er sein Studium. Alternativ könnte er sich nach der bestandenen Bachelor-Prüfung auch auf dem Arbeitsmarkt umschauen - doch qualifiziert für die Branche fühlt er sich nicht. Die vielen theorielastigen Seminare bereiten ihn nur bedingt auf die Arbeit mit Jugendlichen vor, erklärt er: »Ich habe zwei Praktika gemacht, aber ich konnte mich nicht vollends einbringen, weil zeitgleich auch zwei Hausarbeiten geschrieben werden mussten.« Ohnehin seien ein paar Wochen praktische Arbeit viel zu wenig in einem Studiengang, der als »berufsqualifizierend« ausgeschrieben ist. Und die Frage, wie Absolventen auf dem Arbeitsmarkt im Allgemeinen aufgenommen werden, blieb bisher weitgehend unbeantwortet. Wagner arbeitet daher wie die meisten 240 Kommilitonen seines Studiengangs darauf hin, dass er als einer von 30 Glücklichen die Zulassungsbedingungen erfüllen und einen Master draufsetzen kann. Optimistisch ist er jedoch - wie viele Protestler auch - nicht. Sie alle fordern, dass für jeden Bachelor-Absolventen auch ein Masterplatz zur Verfügung gestellt werden.

Entstraffung der Prüfungsordnung

Für Stephanie Lustig* ist die Frage, was nach bestandener Bachelor-Prüfung kommt, eigentlich noch Zukunftsmusik: Sie studiert Biologie im dritten Semester und hat damit noch zwei Studienjahre vor sich. Doch tatsächlich muss sie bereits jetzt volle Leistung bringen, denn ab dem ersten Semester gehen ihre Bewertungen in die Abschlussnote ein: »Ich kann es mir nicht leisten, mal gerade eben mit Ausreichend zu bestehen«, erklärt sie. Dabei hätte sie gerade das gebraucht: Denn die Ergebnisse der ersten beiden Semester, so berichtet die Studentin, seien nicht gerade vorzeigbar gewesen. »Eine Eingewöhnungsphase hätte da gut getan.« Während ein solcher »Welpenschutz« insbesondere von protestierenden Erstsemestern häufig gefordert wird, hat Lustig als Studierende im dritten Semester mittlerweile andere Sorgen: Jeden Monat schreibt sie mittlerweile eine Modul-Abschlussprüfung, gleichzeitig muss sie immer wieder Referate vorbereiten und Protokolle abgeben - und das neben 40 Stunden Präsenzzeit in Seminaren, bei denen strikte Anwesenheitspflicht herrscht. »Das allein ist schon ein Vollzeitjob.« Fehlen darf sie pro Seminar höchstens dreimal, ansonsten muss sie das Modul wiederholen. »Ich schlimmsten Fall ist man drei Tage erkältet und muss ein ganzes Jahr nachholen.« Gerne würde sie sich zudem in einem Nebenjob ein wenig Geld verdienen, doch das ist momentan unmöglich: »Jeden Monat bekommen wir wegen unserer Blockmodule einen neuen Stundenplan. Selbst wenn ich die Zeit hätte, ist kein Arbeitgeber so flexibel«, sagt sie resignierend.

Wie viele andere Protestler auch fordert Stephanie Lustig eine Entstraffung des Studiums und insbesondere der Prüfungsordnung. Sie sind damit nicht allein: Bereits 2007 bezeichneten Psychologen des Deutschen Studentenwerk das »Burnout-Syndrom« unter Studierenden als »Newcomer des Jahres«. Kurz darauf boten bereits 43 der 58 Studentenwerke in Deutschland psychologische Beratung an. Brisant war damals, dass der Trend in einer Zeit einsetzte, als auch die Universitäten auf Bachelor- und Masterstudiengänge umsattelten.

Selbstbestimmtes Lernen statt Verschulung

Matthias Pohl* leidet als Erstsemester im Bachelor-Studiengang »Social Science« nicht an Überbelastung. Vielmehr protestiert er dagegen, dass er seine Ausbildung nicht selbst auf sein persönliches Berufsziel speziell ausrichten kann: »Ich könnte mir vorstellen, etwas mit Jugendlichen zu machen. Sozialarbeiter wäre so eine Sache«, erklärt er. Doch weil es die Studienordnung vorgibt, muss er Module belegen, die Titel wie »Vergleichende Regierungsforschung« tragen. Er finde auch solche Themen interessant, aber seinem Ziel bringen ihn diese Seminare nicht näher. »Gerne würde ich hier persönliche Akzente setzen.« Das kann er auch, indem er freiwillig Seminare beispielsweise der Pädagogik belegt. Da er sich auch gut vorstellen kann, seine Zukunft in Skandinavien zu verbringen, besucht er zudem Schwedisch-Kurse. Nur angerechnet auf eine Endnote werden diese Leistungen nicht. Stattdessen muss er viel Energie in Veranstaltungen investieren, die eigentlich nicht auf seiner persönlichen Agenda stehen - wie eben »Vergleichende Regierungsforschung«. Ohnehin würde Pohl liebend gerne einige Seminare streichen und stattdessen praktisch arbeiten: »Wer in die Jugendarbeit möchte, der muss auch Erfahrungen auf der Straße und in den Jugendclubs aufweisen«, zeigt er sich realistisch und fügt an: »Aber wie bei so vielen anderen erlaubt mir auch mein Stundenplan keinen Nebenjob, der im Lebenslauf dann später aber eingefordert wird.« 40 Stunden pro Woche verbringt er im Philosophikum. Er tritt daher wie viele andere Protestler auch für ein freieres Studium mit mehr individuellen Auswahlmöglichkeiten ein. Ein verschultes System, dass viele gleich ausgebildete Arbeiter produziere und keine persönlichen Spezialisierungen erlaube, solle man spätestens nach dem Abitur hinter sich lassen können.

* Die Namen der Studierenden wurden redaktionell geändert, da alle drei negative Konsequenzen nach ihren Äußerungen befürchten.

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