08. Juni 2009, 23:32 Uhr

Streuobstwiesen-Pflege immer ein Kompromiss

Gießen-Allendorf (tma). Der größte zusammenhängende Streuobstbestand in Oberhessen stand dieser Tage im Mittelpunkt einer Veranstaltung des NABU-Kreisverbands Gießen.
08. Juni 2009, 23:32 Uhr
Ingrid Moser, Geschäftsführerin der Landschaftspflegevereinigung Gießen, erklärte die Bedeutung der Obstwiesen für Naturschutz und die Kulturlandschaft. (Foto: tma)

Gießen-Allendorf (tma). Der größte zusammenhängende Streuobstbestand in Oberhessen stand dieser Tage im Mittelpunkt einer Veranstaltung des NABU-Kreisverbands Gießen. Unter der Führung von Ingrid Moser, Geschäftsführerin der Landschaftspflegevereinigung Gießen (LPV), begingen rund 30 Interessierte den Judenberg bei Allendorf. Roland Hels, Vogelschutzbeauftragter und zweiter Vorsitzender des NABU im Stadtteil, hieß die Anwesenden willkommen. Seit Ende der 1980er Jahre ist der Verein um den Erhalt des Obstbaumbestandes bemüht.

Eine Kartierung ergab seinerzeit rund 1700 Bäume am Judenberg und weitere 200 um das Dorf herum. Es wurden jährlich Bäume nachgepflanzt, um den Lebensraum beispielsweise für Steinkäuze zu erhalten, die mit drei Brutpaaren auf der Gemarkung vertreten sind. Vor wenigen Jahren nahm die LPV im Auftrag der Stadt Gießen dann das organisatorische Zepter in die Hand, die Obstwiesen als sogenannte Öko-Konto-Maßnahmen zu pflegen und zu entwickeln. »Was hier gemacht wird, ist einmalig im Kreis«, betonte Ingrid Moser.

Ebenfalls zugegen waren Ortsvorsteher Thomas Euler und der Leiter des Gießener Umweltamtes, Dr. Hans-Joachim Grommelt. Euler bezeichnete das Streuobstprojekt als wesentlichen Bestandteil der Bewerbung Allendorfs im Wettbewerb »Unser Dorf hat Zukunft«. Er sei sehr froh, dass die Stadt Gießen den Grundsatzbeschluss des Ortsbeirates zum Erhalt des Obstwiesengebietes übernommen habe. Grommelt hob hervor, dass ein Projekt dieser Größenordnung nur möglich sei, wenn man über Jahre daran arbeiten könne. Zudem seien mehrere positive Umstände vorhanden, die die Arbeit erleichterten. Euler und Grommelt lobten alle weiteren Beteiligten für ihren Einsatz.

Der Erhalt von Obstwiesen beinhalte nicht nur ein regelmäßiges Nachpflanzen junger Bäume. Es bedürfe vielmehr einer kontinuierlichen Pflege - nicht nur der Bäume, sondern auch des Grünlands darunter. »Die Obstwiesen sind ein vom Menschen geschaffener Lebensraum, und damit ist Pflege immer nötig«, betonte Moser. In Absprache mit den Eigentümern der überwiegend kleinen Grundstücke werden junge Bäume gepflanzt, alte geschnitten und das Gras abgeweidet. Teilweise habe es kriminalistischer Feinarbeit bedurft, die Eigentümer mancher Fläche ausfindig zu machen. Nahezu alle Eigentümer zeigten sich zur Teilnahme bereit, und manche stellten ihr nicht geerntetes Obst zur Verfügung. Gerade im vergangenen Jahr - »einem Apfeljahr, wie ich mich an kein anderes erinnern kann«, wie Euler sagte - sei die Ernte überschüssigen Obstes durch die Jugendwerkstatt und die anschließende Vermarktung sehr positiv aufgenommen worden. In diesem Jahr sollen die Jugendlichen zuerst Kirschen und Zwetschgen ernten, die sie dann an Brennereien verkaufen und so neben der praktischen Tätigkeit auch wirtschaftliches Handeln erlernen sollen. Wenn möglich, soll auch wieder Apfelsaft gekeltert werden. »Einen besseren naturtrüben Apfelsaft bekommen Sie nirgends«, warb Moser. Eigentümer, die ihr Obst nicht selbst ernten und zur Verfügung stellen wollen, könnten sich bei der LPV melden.

Die Nutzung von Früchten und Gras sei das eine, der Erhalt des artenreichen Lebensraums Obstwiese aus naturschutzfachlicher Sicht das andere, wie im Laufe der Wanderung deutlich wurde. So sollen tote Bäume und Äste möglichst lange stehenbleiben, um Höhlenbrütern wie etwa dem Gartenrotschwanz Unterschlupf zu bieten. Damit kein Wasser in hohle Äste eindringen kann, sollten Anschnitte nie oben, sondern seitlich sein. »Äste, die Nistgelegenheiten bieten, müssen dranbleiben!«, so Moser. Auch wenn es nach Meinung einiger »unordentlich« aussehe, die Natur gibt der Vorgehensweise Recht: Bei der Exkursion konnte ein aus einem Obstbaum abstreichender Steinkauz beobachtet werden.

Bei der Grünlandnutzung werden Schafe bevorzugt, hier müsse aber ein stabiler Schutz für die Bäume angebracht werden, wie Moser praxisnah verdeutlichte. Im Grünland habe man zum Teil sehr artenreiche Bestände, die es ebenfalls zu erhalten gelte. Allerdings könne die Nutzung immer nur ein Kompromiss aus Wirtschaftlichkeit und Rücksicht auf die Natur sein. »Wir wünschen magere, artenreiche Wiesen, aber unter dem Schatten von Obstbäumen ist es immer artenärmer.« Dennoch: »Solch hohe Artenzahlen wie hier finden Sie im normalen Wirtschaftsgrünland bei weitem nicht.« In diesem Jahr sei man mit der Beweidung allerdings im Hintertreffen, denn nach dem langen Winter wachse das Gras schneller, als es gefressen werden könne.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Apfelsaft
  • Bäume
  • Umweltbehörden
  • Veranstaltungen
  • Zwetschgen
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen