29. Oktober 2013, 20:58 Uhr

Streit um Schmerzensgeld nach Gewalt in der Disco

Gießen (mö). Alkoholkonsum bis an die Grenze zum Delirium, sexuelle Belästigung und Gewalt. Das sind Kehrseiten der Glitzerwelt der Diskotheken. Am 20. Februar 2012 soll in einer Gießener Disco alles zusammengekommen sein. Am Ende lag eine junge Frau bewusstlos und mit zertrümmertem Nasenbein auf der Tanzfläche.
29. Oktober 2013, 20:58 Uhr
(Foto: Red)

Am Dienstag Vormittag begegnete Lena H. dem Mann, der sie damals niederstreckte, wieder, und zwar im Gerichtssaal. Um eine Strafsache handelte es sich gleichwohl nicht. Nachdem die Gießener Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen den Offenbacher B. gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 600 Euro eingestellt hatte, saßen die beiden Disco-Gänger Zivilrichter Rainer Gotthardt gegenüber. Die junge Frau aus dem Hinterland hat B. auf Zahlung von 2500 Euro Schmerzensgeld verklagt, worauf der Südhesse mit einer Gegenklage in gleicher Höhe reagierte. Denn nach seiner Darstellung war der Schlag ins Gesicht der Frau die Reaktion auf einen Kniestoß in seinen Unterleib gewesen. Richter Gotthardt sprach von einem »später nachgereichten Attest«, in dem von Schwellungen der Hoden und Verletzungen am Penis die Rede gewesen sei. Die Klägerin räumte zwar eine Bewegung ihres Knies ein, will B. aber nicht getroffen haben. Es habe sich um einen Abwehrreflex gehandelt, nachdem B. sie mehrfach betatscht habe. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden, die sich zuvor nicht kannten, Alkohol intus. Im Blut von B. ließ die herbeigerufene Polizei den heftigen Wert von 4,78 Promille ermitteln, bei H. waren es 0,99.

»Das ist kein Mordprozess«

Insgesamt sechs Zeugen hatte Gotthardt für die mündliche Verhandlung und Beweisaufnahme geladen, was dazu führte, dass das Verfahren mehr einem Strafprozess als einem Zivilverfahren glich, wozu auch die beiden Anwälte mit ihrer Befragung beitrugen. Mehrfach ermahnte der Richter die Juristen: »Das ist kein Mordprozess vor dem Schwurgericht, wo es um Zentimeter geht.«

Die vier Kumpel von B., die bei der Polizei in der besagten Nacht noch ausgesagt hatten, sich nicht zu kennen, stützten mit ihren Aussagen die Darstellung des Offenbachers, während die Freundin der Klägerin und ihr damaliger Freund deren Version bestätigten. So sagte H.s Freundin aus, dass sie auf der Tanzfläche plötzlich von »vielen ausländischen Mitbürgern« umringt gewesen seien und den Bereich aufgrund »schlechter Erfahrungen mit solchen Situationen« hätten verlassen wollen. Dabei habe B. ihre Freundin begrapscht. Dessen Freunde sagten dagegen aus, dass H. die Tanzfläche schnell verlassen, B. dabei »aggressiv gerempelt« und nach einem kurzen Wortgefecht das Knie ins Gemächt gerammt habe. Ob ihr Freund die Frau berührte, wollen die Begleiter von B. nichts mitbekommen haben.

Nach gut anderthalb Stunden, in denen Gotthardt mit den Anwälten mehrfach aneinandergeraten war, beendete der Richter die Beweisaufnahme mit einer »vorläufigen Einschätzung«. Die fiel zum Entsetzen der Gegenklage so aus, dass Gotthardt die Freunde von B. bezichtigte, »als Zeugen massiv die Unwahrheit gesagt zu haben«, und auch ansonsten H.s Version Glauben schenkte. Es widerspreche der Lebenserfahrung, dass eine junge Frau, die sich nur in Begleitung ihres Freunds und einer Freundin befinde, dem Mitglied einer Jungmänner-Clique grundlos in den Unterleib trete. Auch für den Fall, dass H. dies getan hätte, wäre ihr nach der zuvor erfolgten »unverschämten Belästigung« Notwehr zuzubilligen. Dass die Gruppe die Polizei damals belogen und B. im Beisein der Beamten »über keinerlei Schmerzen« im Genitalbereich geklagt hätte, verstärkten bei ihm die Zweifel an den Aussagen des Gegenklägers und seiner Freunde.

Mitte Januar will Gotthardt ein Urteil sprechen. An den Antrag der Klägerin ist er dabei nicht gebunden. Der Discoabend in Gießen könnte den Offenbacher also teuer zu stehen kommen – teurer als 2500 Euro.



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