Stadt Gießen

Störungen oft vererbt

Es piept und ploppt: Das Smartphone oder Tablet scheint bei vielen Menschen angewachsen. Kinder wachsen mit diesem neuen Kommunikationsverhalten ihrer Eltern auf. Leidet darunter ihre Sprachfähigkeit? Nein, meinen Fachleute. Ein paar Grundsätze sollten Eltern aber beachten.
03. März 2017, 19:37 Uhr
Redaktion
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Machen sich Eltern Sorgen, weil das Sprechen ihrem Kind Schwierigkeiten macht, sollte zunächst ein Kinderarzt aufgesucht werden, der bei Bedarf ein Rezept für eine logopädische Behandlung ausstellt. (Foto: dpa)

Es piept und ploppt: Das Smartphone oder Tablet scheint bei vielen Menschen angewachsen. Kinder wachsen mit diesem neuen Kommunikationsverhalten ihrer Eltern auf. Leidet darunter ihre Sprachfähigkeit? Nein, meinen Fachleute. Ein paar Grundsätze sollten Eltern aber beachten.

Auf das Sprechenlernen selbst hätten die neuen Medien nur indirekt Einfluss, sagt Logopädin Sonja Utikal. Genau wie die Sprachfähigkeit sind auch Sprech- und Sprachstörungen zu einem großen Teil im Erbgut eines Menschen angelegt. Trotzdem lernen Kinder erst durch den Dialog mit ihrer Umwelt, also vor allem den Eltern, zu kommunizieren.

Smartphones und andere Medien können dabei störend sein: »Wenn etwa die Mutter an der Bushaltestelle pausenlos telefoniert, anstatt sich mit dem Kind zu unterhalten und zu erklären, was alles zu sehen ist.« Generell sei für Kinder das sprachliche Begleiten von Alltagshandlungen und -situationen sowie der direkte Kontakt beim Sprechenlernen sehr wichtig, sagt Utikal. Auch Mimik und Gestik gehören dazu.

Eltern sollten in der Familie für Freiräume sorgen, in denen auf digitale Kommunikation verzichtet wird. »Etwa beim gemeinsamen Essen«, sagt Verhaltenswissenschaftlerin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. »Es kommt immer darauf an, wie viel Zeit Kinder und Eltern am Smartphone oder am Computer verbringen.«

Mit Menschen müsse man sich im Dialog auseinandersetzen – mit technischen Geräten nicht, bestätigt Sonja Utikal. Gerade die Auseinandersetzung sei für Mädchen und Jungen wichtig, um ihre Sprach-, Sprech- und Kommunikationsfähigkeiten auszubilden.

Eine Vielzahl von Faktoren beeinflussen Sprache. Schon seit mehr als 40 Jahren diskutieren Pädagogen beispielsweise die Wirkung des Fernsehens auf die Kindesentwicklung. Die müsse nicht immer schlecht sein, sagt die Medienpsychologin Ute Ritterfeld. »Durch das Fernsehen wird die Sprachentwicklung nie behindert, sondern entweder positiv oder gar nicht beeinflusst.«

Haben gesunde Kinder Probleme mit dem Sprechen, können schon einfache Strategien helfen. »Eltern sollten ihren Kindern vermitteln, dass es auf den Inhalt und nicht die Form des Gesagten ankommt«, rät Utikal. Häufig sei es am besten, gar nicht groß auf das stotterähnliche Sprechen einzugehen, sondern die Äußerung des Kindes flüssig zu wiederholen.

Das biete gleich zwei Vorteile: einerseits ein Modell flüssiger Sprache und andererseits die Botschaft, dass das Kind trotzdem verstanden wird.

In den meisten Fällen legen sich solche Unflüssigkeiten wieder. Dennoch rät die Logopädin, frühzeitig einen Arzt aufzusuchen, wenn ernsthafte Probleme beim Sprechen auftreten.

Mit speziellen Stottertherapien lassen sich Störungen in den meisten Fällen positiv beeinflussen. Das zeigt auch die Statistik: In Deutschland stottern fünf Prozent der Kinder, aber nur ein Prozent der Erwachsenen.

Haben Kinder hingegen eine Sprachentwicklungsstörung – zum Beispiel eine Störung der Aussprache – brauchen sie laut Sonja Utikal eine individuelle logopädische Diagnostik und Therapie. »Weit mehr Kinder zeigen allerdings Auffälligkeiten, die sie selbst überwinden können, wenn sie in einer sprachreichen Umgebung aufwachsen.« (pm)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Stoerungen-oft-vererbt;art71,219626

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