Stadt Gießen

Störche bauen Nest im Gießener Freibad

Ein Storchenpaar hat es sich im Freibad an der Ringallee gemütlich gemacht. Auf einem gekappten Baum liegt vielleicht bald ein Ei im Nest. Doch was ist, wenn der Badebetrieb im Mai startet?
13. April 2018, 06:00 Uhr
Eva Diehl
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Im Freibad Ringallee haben sich Störche ein nest gebaut. (Foto: Oli Schepp)

Reiner Hildebrand traut seinen Augen kaum, als er beim Spaziergang mit Hund und Nachbarin am Schwanenteich zwei schwarz-weiße Vögel in den Baumwipfeln sieht. Auch der Blick durch das Fernglas bestätigt: Auf dem Gelände des Freibads Ringallee, hoch oben auf einem abgesägten Baum, baut ein Weißstorchenpaar sein Nest. Entdeckt hat der 51-Jährige die geschützten Tiere Mitte vergangener Woche. Eine kleine Sensation, denn es leben nur zwei weitere Storchenpaare im Stadtgebiet.

»Ich freue mich sehr über die Störche«, sagt Hildebrand. »Ich frage mich aber, ob sie hier eine Zukunft haben.« Derzeit ist es auf der Liegewiese und dem Volleyballplatz am südwestlichen Zipfel des Freibads noch ruhig. Doch das dürfte sich am 6. Mai ändern, wenn das Schwimmbad öffnet und das Wetter mitspielt.

Gebalzt wird schon ordentlich

»Es ist verwunderlich, dass die Störche genau dorthin gegangen sind«, sagt Sigrid Brühl vom Amt für Umwelt und Natur. Nahrung wie Frösche und Kleinsäuger würden sie vermutlich eher am Stadtrand auf Ackerflächen finden. »Ich hoffe, sie werden durch den Badebetrieb nicht gestört.« Noch habe das Paar nämlich keine Eier gelegt oder sich gepaart. Gebalzt worden sei aber bereits ordentlich. Nach dem Hinweis des aufmerksamen Spaziergängers haben sich die Naturschützerin und der Leiter der Bäder der Stadtwerke Gießen (SWG), Uwe Volbrecht, bereits über die Tiere ausgetauscht.

»Wir müssen und wollen die Störche passiv schützen«, sagt Volbrecht gegenüber dieser Zeitung. Das Schwimmbad solle zwar planmäßig öffnen, aber die Fußballtore in der Nähe des Nests würden zunächst beiseite geräumt. Eine Überlegung sei es auch, den Nistbaum in einem Radius von 20 Metern mit Bauzäunen abzusperren. Diese Maßnahme hält auch der Ortsbeauftragte für Vogelschutz, Matthias Korn, für angemessen – sofern es bis zur Eröffnung Nachwuchs gibt.

Das wird sich bald herausstellen. »In den nächsten zwei bis drei Wochen müsste man die Störche dann beim Brüten beobachten können«, sagt Brühl. Im Mai könnten die Gießener Kücken bereits schlüpfen. Laute Spaziergänger, aufdringliche Badegäste und Drohnen sowie Bälle vom nahe gelegenen Volleyballfeld könnten die frisch gebackenen Eltern jedoch auch dann noch vertreiben. »Wir würden die Jungen nicht verhungern lassen«, sagt Brühl. Die verwaisten Küken würden in diesem Fall in die Gießener Vogelklinik gebracht und dort aufgezogen.

Es ist verwunderlich, dass die Störche dorthin gegangen sind

Sigrid Brühl, Untere Naturschutzbehörde

Dass die Störche die Badegäste behelligten oder ihnen das Essen stibitzen, sei nicht zu erwarten, sagt Brühl. Im Gegenteil seien die Vögel sogar nützlich. Volbrecht hat festgestellt, dass seit ihrem Einzug kaum mehr Nilgänse im Schwimmbad aufzufinden waren. Die unliebsamen Gäste verschmutzen das Gelände seit 15 Jahren mit Hinterlassenschaften. »Ich freue mich, wenn die Störche im nächsten Jahr wiederkommen«, sagt Volbrecht nicht ohne Eigennutz.

Störche gelten als standorttreu. Im Winter ziehen sie nach Afrika oder ans Mittelmeer, und kommen im Sommer in ihr gewohntes Quartier zurück – auch in ihr altes Nest, das sie auf Felsvorsprüngen, Hausdächern oder Bäumen bauen. Gut möglich, dass die Störche ab jetzt zu Stammgästen in der Ringallee gehören. Um den Adebar in Gießen anzusiedeln, haben Naturschützer einiges unternommen. Drei 15 Meter hohe Nist-Plattformen stehen im Stadtgebiet. In der Weststadt war das bisher wenig erfolgreich. Im US-Depot brüteten die Vögel und auch in der Lahnaue wurde ein Paar gesichtet.

Wie es mit den Freibad-Störchen weitergeht, bleibt spannend. »Ich bin optimistisch, dass wir die Störche behalten«, sagt Brühl. Naturschutzbehörde und SWG wollen in Kontakt bleiben und das Nest regelmäßig kontrollieren. Davon abgesehen hat Volbrecht noch einen anderen Plan: »Wenn sie hier bleiben, geben wir ihnen Namen.«

Info

Stören verboten

Der Weißstorch (Ciconia ciconia) ist von der europäischen Vogelschutzrichtlinie geschützt. Demnach dürfen Nester und Eier nicht zerstört, beschädigt oder entfernt werden. Die Vögel dürfen weder gestört noch beunruhigt werden, besonders während ihrer Brut- und Aufzuchtzeit. Die EU-Richtlinie wirkt in Deutschland vor allem durch das Bundesnaturschutzgesetz, die Bundesartenschutzverordnung und teilweise durch das Jagdrecht.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Stoerche-bauen-Nest-im-Giessener-Freibad;art71,416515

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