27. April 2012, 18:18 Uhr

Stadttheater stellt Plan für die Spielzeit 2012/13 vor

Intendantin Cathérine Miville und ihr Team haben das Stadttheaterprogramm für die Spielzeit 2012/13 vorgestellt. Das Motto lautet: »Die Welt ist nicht durchsichtig«.
27. April 2012, 18:18 Uhr
Stellen im Ballettsaal das Programm der Spielzeit 2012/13 vor (von links): Dieter Senft, Michael Hofstetter, Cathérine Miville, Matthias Schubert, Tarek Assam und Abdul M. Kunze. (Foto: Schepp)

Der Ruf nach Transparenz in Unternehmen und Politik wird immer lauter. Doch was bedeutet dies für die Kunst und die Künstler? Profitiert das Theater nicht gerade davon, dass es geheimnisvoll ist, und wird ein künstlerischer Akt nicht entzaubert, wenn er bis ins Letzte nachvollziehbar ist? »Theater lebt auch vom Geheimnis, vom Intransparenten«, weiß Intendantin Cathérine Miville und hat daher mit ihrem Team als Motto der nächsten Spielzeit den Slogan »Die Welt ist nicht durchsichtig« ausgegeben. Gestern wurde der Spielplan 2012/13 im Ballettsaal der Presse vorgestellt, anschließend folgte im Foyer die Vorstellungsrunde für die Mitarbeiter des Hauses.

Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit wird am 1. September William Shakespeares »Othello« (Regie: Karoline Behrens) sein, in dem der eifersüchtige Mohr erkennen muss, dass es nicht immer gut ist, hinter angebliche Geheimnisse zu kommen. Auch im Musiktheater setzt man auf beliebte Theaterkost und startet am 15. September mit Carl Maria von Webers romantischer Oper »Freischütz« (Leitung: Michael Hof-stetter, Inszenierung: Nigel Lowery).

Zahlreiche Neuentdeckungen

Es folgen im Schauspiel und Musiktheater zahlreiche Produktionen, die erstmals in Gießen zu sehen sind. Die Intendantin inszeniert »Ihre Version des Spiels« von »Gott des Gemetzels«-Autorin Yasmina Reza (am 13. Oktober). Welche Verbindungen gibt es zwischen literarischer Fiktion und der Biografie eines Autors? Dies sei das große Thema dieses Schauspiels, das eine Woche vor der Premiere in Gießen am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt werde, berichtete Schauspieldramaturg Matthias Schubert. Warum gebildete Menschen sich zuweilen in Selbstreflexion genügen und was tun, wenn das Vertrauen in die eigene Herkunft und Zukunft erschüttert wird, davon handelt Maxim Gorkis »Kinder der Sonne«, das am 2. März 2013 unter der Regie von Wolfram J. Starczewski Premiere hat. Um eine vermeintlich inzestuöse Liebesgeschichte geht es in der Familientragödie »Eisenstein« des zeitgenössischen Autors Christoph Nuß-baumeders, das am 13. April Premiere hat. Eine Reminiszenz an Georg Büchner darf 2013 nicht fehlen. Das Stadttheater nähert sich dem Dichter jedoch von unerwarteter Seite und spielt im Januar »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats« von Peter Weiss, in dem der Hedonist Sade in einer Irrenanstalt auf den Revolutionär Marat trifft. Klaus Hemmerle wird inszenieren.

Schätzchen ausgegraben

Auch im Musiktheater haben der neue Generalmusikdirektor Michael Hofstetter und Operndirektor Dieter Senft so manches Schätzchen ausgegraben. Auf den »Freischütz« folgt am 17. November die Revue-Operette »Viktoria und ihr Husar« von Paul Abraham, die der neue stellvertretende GMD Florian Ziemen, der ein Faible für die historische Aufführungspraxis der Operette hat, im Stil der 1930er Jahre dirigiert. Die bizarre Geschichte, die in einem Strafgefangenenlager in Sibirien beginnt und mit einer Bauernhochzeit in der ungarischen Puszta endet, verspricht neben einem rasanten Plot auch Musik mit Anklängen an Jazz und Schlager. Regie führen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die wegen des Rechtsrucks in Ungarn nach Deutschland ausgereist sind. Auch Balász Kovalik, früher Operndirektor in Budapest, ist Opfer der politischen Umstände in seiner Heimat geworden und findet nun mit Georg Friedrich Händels Barockoper »Agrippina« mit Michael Hofstetter am Dirigentenpult eine neue Aufgabe. Die Oper wird am 23. März Premiere haben und Hofstetter zeigt sich sehr erfreut über das hochkarätige Solistenquartett: die Countertenöre Valer Barna-Sabadus und Terry Wey sowie die Koloratursopranistinnen Francesca Lombardi und Naroa Intxausti. Mit »Fosca«, einer Oper des brasilianischen Komponisten Antônio Carlos Gomes in italienischer Sprache, will das Stadttheater an den Erfolg von »Lo Schiavo« anknüpfen. Die Geschichte aus dem Freibeutermilieu hat am 2. Februar unter der Regie von Thomas Oliver Niehaus Premiere. Cathérine Miville wird dann wieder im Mai Regie führen, wenn unter dem Dirigat von Hofstetter Peter Maxwell Davies’ Studentenoper »Kommilitonen« als deutsche Erstaufführung gegeben wird. Die Oper wurde 2010 an der Royal Academy in London uraufgeführt.

Giuseppe Verdis erste Oper »Oberto« wird mit »leichter Belcanto-Besetzung« (Senft) am 1. Dezember unter dem Dirigat Hofstetters konzertant aufgeführt und als CD aufgenommen. Die Schmachtigallen nehmen mit »Reise ins Glück« die Tourismusbranche aufs Korn (Premiere: 20. Oktober) und »Cabaret«-Star Sophie Berner spielt und singt im Dezember das Musical »Judy« von Terry Wale über Judy Garland im Theaterstudio.

Im Theaterstudio wird auch das Schauspiel mit interessanten Produktionen, ausschließlich nach Vorlagen von Autorinnen, vertreten sein. Um den Tod eines Kindes geht es in »Gift« der Niederländerin Lot Vekemans, in Felicia Zellers Schauspiel »Kaspar Häuser Meer« leiden zwei Sozialarbeiterinnen unter dem »Björn-out-Syndrom« ihres Kollegen und »Medea. Stimmen« nach der Bühnenadaption von Christa Wolf thematisiert die berühmte Figur der griechischen Tragödie. Als Hommage an Georg Büchners Lenz-Novelle ist Katharina Gerickes Stück »Lenz-Fragmente« angelegt, das als Uraufführung im TiL zu sehen sein wird.

»Peer und Gynt« als Familienstück

Im Tanztheater werden laut Ballettchef Tarek Assam in »Dornröschen« Prominente aufs Korn genommen, in »Hemingways Party« geht es um Künstler der 1920er Jahre, in »Hypnotic Poison« um »Dinge, die ich keinem erzählte« und im experimentellen Tanzprojekt »Siddhartha« um Geheimnisse der Exotik. Im Kinder- und Jugendtheater spannt Abdul M. Kunze den Bogen vom »trolligen« Familienstück »Peer und Gynt« (22. November) von Paul Maar bis zu »Die Verwirrungen des Zöglings Törless« von Robert Musil.

Als Wiederaufnahmen stehen in der nächsten Spielzeit folgende Produktionen auf dem Plan: »Cabaret«, »Arsen und Spitzenhäubchen«, »Hausrat«, »Spieglein, Spieglein«, »Clyde und Bonnie«, »Afrikanisches Puzzle«, »Nordost«, »Amerika«, »Enten Variationen«, »König Ödipus« und »Die Wanze«. gl

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