30. Oktober 2015, 13:43 Uhr

Stadttheater kümmert sich um zwei Obdachlose vor seiner Tür

Seit einigen Wochen leben Thomas und Mario vor dem Stadttheater. Die Mitarbeiter des Stadttheaters haben den zwei Obdachlosen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Hilfe angeboten.
30. Oktober 2015, 13:43 Uhr
Thomas und Mario verbringen die Nächte derzeit vor dem Stadttheater. (Foto: Harald Friedrich)

Gießen (gl/mac). Morgens um 5 Uhr klingelt vor dem Stadttheater der Wecker: Es wird Zeit für Thomas. Er reckt sich, steht auf und schleppt sich in Richtung Bad. Knapp fünf Minuten ist er unterwegs, bis er die öffentliche Toilette am Brandplatz erreicht. »Dort kann ich mich waschen, rasieren und die Haare kämen. Das muss sein. Ich will an der Arbeit ja nicht stinken«, sagt er. »Es ist anstrengend. Wer obdachlos ist und arbeiten will, braucht einen starken Willen.«

Seit einigen Wochen lebt Thomas gemeinsam mit Kumpel Mario vor dem Stadttheater. Abends nach den Vorstellungen suchen sich die beiden Obdachlosen auf den Treppen einen Platz zum Schlafen. Dass sie dies ausgerechnet vor der riesigen Holztür tun, hat seinen Grund: In kalten Nächten strahlen die Türen ein bisschen Wärme aus; Luft aus dem geheizten Inneren dringt nach draußen. Eine Dauerlösung kann das nicht sein. Das sehen auch die Mitarbeiter des Stadttheaters so und haben – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Hilfe angeboten.

Theaterchefin Cathérine Miville kennt die beiden Obdachlosen seit dem Hochsommer vom Sehen aus dem anliegenden Park. Als die zwei Männer kürzlich vor der Tanztheaterpremiere wieder in der Kälte Unkraut auf dem Platz vor dem Theater zupften und ihr Spendentöpfchen aufgestellt hatten, hat die Intendantin sie angesprochen und ihnen eine warme Mahlzeit angeboten. Auch wenn es nicht Aufgabe des Stadttheaters ist, sich um die Betreuung Obdachloser zu kümmern, wurde eine Lösung gefunden, die beide Seiten zufriedenstellt: Mario und Thomas übernehmen im Rahmen einer Ehrenamtsvereinbarung kleinere Hausmeistertätigkeiten und verdienen so bis zu 100 Euro im Monat.

Mario zieht den von Miville unterschriebenen Vertrag aus der Jackentasche und zeigt ihn stolz. Im Gegenzug kümmern die beiden sich um den öffentlichen Platz vor dem Haus. »Grasbüschel von einem öffentlichen Platz zu bekommen«, so die Intendantin, sei schwierig. Kein Amt scheint sich dafür zuständig zu fühlen, auch wenn die Blumenkübel vom Gartenamt sorgfältig gehegt werden. Der Platz wachse immer mehr zu. Das dies kein Zustand ist, fanden auch die beiden Obdachlosen und nahmen sich gemeinsam mit Flüchtlingen dem Unkraut an.

Thomas und Mario, die auf keinen Fall in der Obdachlosen-Unterkunft »Brücke« übernachten wollen, bekamen vom Stadttheater darüber hinaus nicht nur das Geld für den Kauf ihrer Spachteln erstattet, sondern auch zwei neue dicke Schlafsäcke und Isomatten spendiert. »Die Theaterleute sind unglaublich freundlich. Sie bringen uns oft Kaffee und Essen heraus. Wir dürfen uns sogar Veranstaltungen anschauen. Von Petruschka vs. Feuervogel war ich total begeistert«, erzählt Mario. Ihre alten Decken wollen die Männer nun an andere Obdachlose spenden. Während Thomas seit wenigen Tagen über eine Zeitarbeitsfirma wieder einen Job gefunden hat, hilft Mario als Koch in der »Brücke«.

Ihr Leben am »Theaterplatz 1« haben die beiden Männer offenbar gut organisiert, sind auch dank ihrer umgänglichen Art bestens vernetzt. In einem nahen Lokal finden sie Unterstützung, eine Sekretärin der Technischen Hochschule spendiert morgens Kaffee, in der Stadtbibliothek lassen sie sich immer wieder mit einem Hörbuch nieder und zum Aufwärmen oder den Gang zur Toilette können sie immer wieder auch ins Stadttheater gehen. Duschen und Wäschewaschen erledigen sie in der »Brücke«.

Übernachten lassen kann die Intendantin die Obdachlosen aber nicht im Theater, auch wenn sich das mancher Besucher so leicht vorstellt. Der ein oder andere Briefeschreiber hat sich gegenüber der Theaterleitung empört, dass man sich in Gießen zwar um die Unterbringung von Flüchtlingen kümmere, die Obdachlosen aber durchs Raster fielen. Schon mit einem kleinen Zimmer für sie beide würde für Mario und Thomas ein Traum in Erfüllung gehen. Ohne lange zu überlegen, würden sie die neue Bleibe gegen ihre momentane am »Theaterplatz 1« eintauschen, auch wenn es ihnen dort – dank der Unterstützung der Theaterleute – gut gefällt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Brücken
  • Cathérine Miville
  • Flüchtlinge
  • Obdachlose
  • Theaterchefs
  • Zeitarbeitsfirmen
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos