22. Oktober 2012, 17:13 Uhr

Stadtführung zur turbulenten Geschichte der Bahnhofstraße

Auf einer Tour im Rahmen des Krimifestivals erklärt Jutta Failing den mitlaufenden Gästen anschaulich den Wandel vom Prachtboulevard zum Shanghai an der Lahn.
22. Oktober 2012, 17:13 Uhr
So sah das »Café Schwartz« mal aus: Jutta Failing zeigt ein Bild des Gießener Lokals, das heute nicht mehr steht. (Foto: chs)

Wüste Schlägereien und lüderliche Dirnen – dass Gießen einst in dem Ruf stand, ein Shanghai an der Lahn zu sein, verdankte es dem wilden Treiben in der Bahnhofstraße. Heute ist von der einstmals höchsten Prostitutionsrate Europas kaum noch etwas zu sehen. Wie sich der ehemalige Prachtboulevard zur Schmuddelecke wandelte, erzählte Dr. Jutta Failing auf ihrer Tour »Heißes Pflaster Bahnhofstraße«, die am Sonntag im Rahmen des Krimifestivals stattfand.

Ein farbiger US-Soldat wird nach vollzogenem Akt von einer Prostituierten bestohlen. Er merkt es, packt sie, aber sie kann aus dem ersten Stock springen, natürlich nur leicht bekleidet. Er springt hinterher und kriegt sie an der Unterhose zu fassen. Unten ohne rennt sie weiter, durch die halbe Stadt.

Solche Szenen sind in der Bahnhofstraße üblich gewesen. »Hier ging’s zur Sache – auch unten rum«, erläutert Failing den Teilnehmern ihrer Tour in Höhe des ehemaligen Horten. Und: »Straßenschlägereien waren in den Fünfzigerjahren gang und gäbe.« Nicht selten seien Lokale völlig zerlegt worden.

Boxende Zwillingsbrüder

Oh ja, die Lokale! Die älteren Teilnehmer der Tour können sich noch gut erinnern. Sie tuscheln untereinander, wie die einzelnen Etablissements hießen. Failing klärt sie auf: »Bel Ami« und die »Romantica-Bar« zum Beispiel. Die eine nur für weiße US-Soldaten, die andere für ihre farbigen Landsleute. Ab 1948 wurde die Rassentrennung in den US-Streitkräften offiziell aufgehoben, aber inoffiziell bestand sie noch lange weiter. Als die Gruppe am Kinocenter vorbeikommt, weist die Stadtführerin auf das einzig verbliebene Lokal aus der wilden Zeit hin. »Oben ohne« steht draußen an.

Eine gute Gelegenheit, die Geschichte des Kinos zu erörtern. 1930 sei hier der erste Tonfilm in Gießen gezeigt worden. Weil kurz vor der Premiere ein Verstärker ausfiel, ließ der Besitzer per Lufthansa-Sonderflug einen neuen aus Berlin einfliegen. »Das war zeitweise das führende Kino Deutschlands«, weiß Krimifestival-Organisator Uwe Lischper, der die Tour begleitet. Früher hätten sich Filmgrößen in Gießen getummelt, etwa Vico Torriani im Gloria-Palast.

Wo Prostitution herrscht, geht es halbseiden zu. Failing berichtet von Zwillingsbrüdern, die es im Boxen weit gebracht haben. »Gelernt« haben sie das auf der Bahnhofstraße. »Sie gingen keinem Kampf aus dem Weg, auch nicht auf der Straße«, sagt Failing. Lischper kann dem nur zustimmen: »Das waren keine Boxer, das waren Schläger«, erklärt er der amüsierten Gruppe.

Auch das nun abgerissene Samen-Hahn-Haus beherbergte ein Lokal, die »Schott’sche Weinstube«. Gießen habe mal den höchsten Weinumsatz pro Kopf im ganzen Reich gehabt, sagt Failing. Schräg gegenüber befand sich der »Fiaker«, dessen Spiegelbar bei einer üblen Schlägerei unter Luden in den Sechzigerjahren mal völlig verwüstet wurde. »Im ›Fiaker» waren wir mal nach der Schule«, sagt ein Herr seiner Begleitung. »Der obere Teil der Bahnhofstraße war aber schlimmer«, meint eine Frau zu ihrem Mann.

Die Teilnehmer kramen allmählich ihre Erinnerungen hervor. Ein Mann berichtet, wie ein Lokalbesitzer mit dem Spitznamen Hitchcock mit einer Maschinenpistole in die Decke feuern wollte, um die Gäste zu erschrecken, stattdessen aber seine Scheiben zerschoss.

Dass die Bahnhofstraße ein Prachtboulevard war, erklärt Failing an der Kreuzung mit der Westanlage. Dort befindet sich das »Dortmunder Eck«, das als Bankhaus Grünewald 1876 erbaut wurde. Gegenüber stand das Hotel »Grossherzog von Hessen«.

Es existiert heute nicht mehr, aber Failing hält ein Foto in die Luft, auf dem das wahrhaft prächtige Gebäude zu sehen ist. Die Gruppe staunt nicht schlecht. »Das ging alles verloren im Dezember 1944«, sagt die Kunsthistorikerin und erinnert damit an die Bombardierung Gießens.

»Café Amend«, »Café Wien«, das »Oberbayern« – alles Vergangenheit. Und es gab noch »Oli’s Bar« und vor allem das »Moulin Rouge«. »Wer war schon mal drin?«, will Failing wissen. »Geben Sie’s zu!« Eine Frau meldet sich. Ja, in den Siebzigerjahren sei sie mal drin gewesen. Ein Strip im Löwenkäfig wurde dort mal gezeigt, so Failing. Und ein Ritt auf einem Pferd. Warum es gerade in der Bahnhofstraße so viel Prostitution gegeben habe? »Verkehr zieht Verkehr an«, meint Failing. Die Teilnehmer lachen.

Trauerspiel Alte Post

Weiter oben unterhielt die Justiz ein Gebäude. »Das heutige Mathematikum war ein Gefängnis«, weiß Failing. Dort habe ein Schafott gestanden und bis in die späten Vierzigerjahre sei dort auch hingerichtet worden. »Ich bin nun mal ein böser Kerl – leben Sie wohl, Herr Staatsanwalt«, habe einer der Verurteilten mal gesagt, so Failing. Seine Leiche kam gegenüber in die Anatomie, wo man sich regelmäßig beschwert habe, dass so wenig Verbrecher hingerichtet würden und es an Leichen mangele.

Das Gebäude der Alten Post lässt Failing aufseufzen. Mit Bedauern im Blick schaut sie auf das ziemlich marode Haus. »Ein Trauerspiel hoch drei«, sagt sie. Und: »Ich hoffe, es endet nicht eines Tages wie das Samen-Hahn-Gebäude.«

Am Bahnhofsvorplatz angelangt, liest Failing eine Stelle aus einem Text von Peter Kurzeck vor, der unter anderem das »Café Schwartz« thematisiert, das heute nicht mehr steht. Überhaupt ist hier vom einstigen Prachtboulevard kaum noch etwas zu sehen. »Die Aufgabe der Stadt ist es«, findet Failing zum Schluss, »aus dieser Straße etwas zu machen, das repräsentativer ist als so, wie sie sich derzeit darstellt.«

Nach knapp zweistündiger, kurzweiliger Führung löst sich die Gruppe allmählich auf.

Christoph Seyfert



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