Stadt Gießen

Sprachrohr für Überhörte

Irmi und Mo berichten, dass es ihrer Ansicht nach in Gießen »schon lange keine richtige Punk-Szene« mehr gebe. Eine Unbekannte stellt nach 26 Jahren Ehe fest, dass sie eigentlich eine Frau liebt. Richard sinniert über die »alte, hässliche Fratze« des Kapitalismus. Unkonventionelle Texte, in denen ungefiltert Menschen zu Wort kommen, die sich sonst oft überhört fühlen, versammelt die Straßenzeitung »Gießener Schwätzer«. Die erste Ausgabe wurde am Donnerstag mit einem bunten Fest auf dem Kirchenplatz vorgestellt.
21. Juni 2018, 22:07 Uhr
Karen Werner
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Initiatorin Gertrud Monninger-Wolf und Autor Richard Williams freuen sich über die erste Gießener Straßenzeitung mit dem Thema »Begegnungen«. (Foto: Schepp)

Irmi und Mo berichten, dass es ihrer Ansicht nach in Gießen »schon lange keine richtige Punk-Szene« mehr gebe. Eine Unbekannte stellt nach 26 Jahren Ehe fest, dass sie eigentlich eine Frau liebt. Richard sinniert über die »alte, hässliche Fratze« des Kapitalismus. Unkonventionelle Texte, in denen ungefiltert Menschen zu Wort kommen, die sich sonst oft überhört fühlen, versammelt die Straßenzeitung »Gießener Schwätzer«. Die erste Ausgabe wurde am Donnerstag mit einem bunten Fest auf dem Kirchenplatz vorgestellt.

Spenden und Beiträge willkommen

Der Ort war dabei mit Bedacht gewählt, denn um den Kirchenplatz geht es auf mehreren Seiten der Premiere, die in einer Auflage von 1000 Stück gedruckt wurde. Das Oberthema »Begegnungen« bezieht sich auf die »Straßenszene«, die sich dort trifft, und auf die Interviews mit einer Anwohnerin und einer Museumsmitarbeiterin, die das gegenseitige Verständnis fördern sollen.

Der Leser erfährt, dass sich die Menschen – etwa durch den Abbau von Bänken – von Platz zu Platz »vertrieben« fühlen. Und er kommt ins Nachdenken, wenn er einige Lebensgeschichten liest: Etwa die von Uwe, der eine Wohnung hat, keine Drogen nimmt, sich als Rollstuhlfahrer bei Abgehängten aber eher akzeptiert fühlt als unter »Normalos«. Oder die von Manu, die »auf der Straße« Halt fand, nachdem ihr Sohn gestorben war – bei »Leuten, die Schicksale haben«.

Randgruppen ein Sprachrohr geben und kreativ zum Austausch anregen – das sind die Hauptanliegen des Projekts. Die Initiative ging aus von Gertrud Monninger-Wolf, Mitarbeiterin der Tagesaufenthaltsstätte »Die Brücke« des Diakonischen Werks. Die Diakonie finanzierte die erste Ausgabe. Weitere sollen durch Spenden möglich werden. An Ausdrucksdrang mangelt es nicht: »Wir haben jetzt schon Texte für drei Ausgaben«, erzählt Holger Kleinert von Stadt-Mit-Plan.

Die Zeitung ist kostenlos zu haben; sie liegt beispielsweise aus bei der Brücke oder im Kirchenladen. Spenden sind erbeten. Monninger-Wolf hätte einen Verkauf lieber gesehen: »Das hätte Augenhöhe hergestellt.« Doch die Stadt legte ihr Veto ein, weil immer wieder einmal fragwürdige Gruppierungen angebliche »Straßenzeitungen« verkaufen.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sicherte ihre Unterstützung zu – sie steuerte ein Vorwort bei und holte sich am Donnerstag vor Ort ein Exemplar ab. Die »Gießener Schwätzer« »geben Menschen eine Stimme, die sonst keine haben«, sagt die OB.

Auf schöne Gestaltung legten die Macher Wert – ein Layouter übernahm sie ehrenamtlich –, ebenso auf Poesie und Kultur. »Wenn es um Randgruppen geht, wird zu viel auf Schattenseiten geschaut«, findet Richard Williams, »dabei gibt es durchaus Lebendigkeit und fröhliches Miteinander«.

Weitere Mitarbeiter und – auch anonyme – Beiträge sind willkommen, ebenso Unterstützer. Interessierte können sich wenden an Stadt-Mit-Plan, Tel. 06 41/97 27 54 54, E-Mail giessener-schwaetzer@t-online.de.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Sprachrohr-fuer-UEberhoerte;art71,449215

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