25. Januar 2019, 21:27 Uhr

Spitzenmäßige Träume

Mit »Traumgeflechte« legt der Jugendclub Tanz des Stadttheaters eine traumhaft schöne Produktion vor. Kein Wunder: Schließlich gilt es, die 15. Produktion der Jugendlichen unter der Leitung von Terrry Pfeiffer gebührend zu würdigen.
25. Januar 2019, 21:27 Uhr
Keine Angst! So streng schauen die Tänzerinnen und Tänzer des Jugendclubs nur beim Albtraum am Ende des dreiteiligen Tanzabends. (Foto: Regel)

Drei Träume, 19 Tänzerinnen und Tänzer, 15 Produktionen – auf diese einfache, aber magische Formel lässt sich die jüngste Vorführung des Jugendclubs Tanz am Stadttheater bringen. »Traumgeflechte« heißt sie und schafft das Kunststück, die Geschichte des Ensembles in Erinnerung zu rufen und zugleich aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen sowie den Leistungsstand der von Terrry Pedersen-Pfeiffer geleiteten Gruppe zu demonstrieren. Die tänzerische Traumreise hatte am Sonntagabend Premiere und fand großen Anklang.

Der dreiteilige, knapp einstündige Abend durchschreitet verschiedene Wach- und Traumzustände. Was ist Fantasie? Was Realität? Die Grenzen sind fließend. Es geht um das Individuum und das Kollektiv, um Ausgrenzung und Gruppendynamik, Bewusstsein und Unbewusstes. Zur treibenden Musik von Ravels »Bolero« ertasten Hände und Füße zu Beginn die Bühne. Zwei schwarze Stellwände und ein weißes Tuch bilden die Kulisse. Dann erobern sich die 17 Tänzerinnen und zwei Tänzer endgültig den Raum. Und schon bevölkern Tempeltänzerinnen, der Nibelungen-Drache, Tiere des Waldes oder der Hase aus »Alice im Wunderland« die Szene. Die choreografischen Zitate aus früheren Produktionen des Jugendclubs wirken wie Bilder eines nostalgischen Tagtraums, so willkürlich zusammengefügt, wie es in Träumen eben der Fall ist

Im zweiten Teil gibt Stephane Mallarmés Gedicht »Nachmittag eines Fauns« – aus dem Off rezitiert von Harald Pfeiffer – den Anstoß für einen im eigentlichen Sinne spitzenmäßigen Traum. Denn erstmals tanzen hier fünf Jugendclub-Tänzerinnen mit Spitzenschuhen und zaubern mit dem Faun, der sich mit Nymphen die Zeit vertreibt, eine an märchenhafte Sommernächte und flirrende Natur erinnernde Atmosphäre. Sanfte Flöten- und Streichermusik schafft den Klangteppich für diesen Klartraum, in dem der Faun zu steuern scheint, was er gerne an einem Nachmittag erleben möchte – eben mit allen Nymphen Kontakt aufzunehmen.

Düster wird es dann im dritten und längsten Abschnitt dieses Tanzabends, in dem Wunschträume von einem veritablen Albtraum abgelöst werden. Die nun in Erdtönen gekleideten Tänzerinnen und Tänzer liegen zunächst auf dem Boden. Nur Arme und Beine recken sie in die Luft, um sich langsam als Gemeinschaft, quasi als wogende Masse, zu erheben. Ihre Bewegungen sind synchron, wirken wie Teile eines Maschinenraums. Doch immer mehr kristallisiert sich heraus, dass es um eine rituelle Zeremonie unbekannten Sinns, aber mit beängstigender Gruppendynamik geht. Wer ausschert, wird gnadenlos an den Pranger gestellt. Angst und bang werden kann es einem im Zuschauerraum, wenn die Tänzerinnen und Tänzer immer wieder in den dunklen Raum starren. Die Gesichter sind ernst, der Blick streng und die Bewegungen werden wie in Trance ausgeführt. Eine aus der Gruppe will sich nicht so recht fügen. Sie wird ausgegrenzt, ihr Haarknoten gelöst und ihre Kleider weggenommen. Ein echter Albtraum.

Der Jugendclub Tanz hat mit seiner jüngsten Produktion noch einmal eindrücklich demonstriert, dass die kontinuierliche Arbeit Terrry Peddersen-Pfeiffers mit den Jugendlichen reiche Ernte einfährt. Der Tanz am Stadttheater – er setzt auch in der Jugendsparte beachtliche Duftmarken.

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