06. Juni 2017, 20:02 Uhr

Spitzen-Qualität

Traumwandlerisch und voller Emotionen. Sehnsüchtig und berstend vor Power. Das TanzArt-ostwest-Festival endet im Stadttheater mit der großen Tanzgala. Vom Publikum gibt es Standing Ovations.
06. Juni 2017, 20:02 Uhr

Ungewöhnlich viele Pas de deux prägen die Gala und dennoch ist es eine Solistin, die sich als Erste in die Herzen der Zuschauer tanzt. Mai Kono vom Bayerischen Staatsballett in München beeindruckt das Publikum direkt nach der Pause zur Musik von Max Richter in einer Choreografie von Paul Julius. Das klassisch inspirierte, aber dem zeitgenössischen Tanz zugewandte Stück mit dem Titel »Moods« zeigt eine wagemutige, in Beinarbeit und Körpersprache lebendig agierende Tänzerin mit großer Ausstrahlung, ein Höhepunkt des Abends.

Ein anderer ist der Pas de deux von Tess Voelker und Nikita Zdravkovic vom Ballett Dortmund. Sie präsentieren den »Black Swan« in einer persiflierenden Interpretation von Marco Goecke. Was die junge Amerikanerin Voelker (Jahrgang 1997) an Körperspannung und in Form von bewusst kantigen Dynamikbewegungen in Verbindung mit ihrem Tanzpartner Zdravkovic zu einer kratzbürstigen Version von Tschaikowskys Musik auf die Bühne zaubert, wird als einer der witzigsten und ausdrucksstärksten Momente der TanzArt in Erinnerung bleiben. Das Publikum jubelt. Am Ende der Gala im Stadttheater gibt es für alle beteiligten Compagnien Standing Ovations.

Der einzige Spitzentanz im Programm macht seinem Namen Ehre. Mit ihrem Titel »Daybreak« sind Bridgett Zehr und Alexander Zaitsev vom Gelsenkirchener Ballett im Revier kurzfristig eingesprungen für ihre verhinderten Kollegen. Die beiden liefern einen klassischen Pas de deux ab. Die ausgereifte Performance von Pontus Lidberg geht unter die Haut. Ausgerechnet bei einer Hebefigur strauchelt Zaitsev, dabei schwebt seine Partnerin zur Musik von Samuel Barber in graziler Vollendung über die Bühne, ein Traum nicht nur für Puristen.

Ralf Dörnens Choreografie hat eine harte Nuss zu knacken: Bei »Porgy and Bess« von George Gershwin in der Version von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald ist es schwierig zu sagen, ob die unvergleichliche Musik oder der ergreifende Tanz von Laura Cristea und Miguel Rodriguez vom Ballett Vorpommern die Oberhand gewinnt.

Auch Clara Thierry und Sven Krautwurst von der Tanzcompagnie Gießen ernten Lorbeeren. Ihr ausgewogener, mit feinen Hebefiguren versehener Pas de deux »Two-tone« stammt aus einem neuen Werk, das Tanzdirektor Tarek Assam zurzeit als Choreograf in Arbeit hat. Den ersten Teil des Abends dominiert die heimische Compagnie mit einer Ensembleszene von James Wilton aus dem Stück »All we see«, das in dieser Spielzeit in Gießen seine Uraufführung feierte. Unter der pulsierenden Musik von Alan Parsons wird der »Untergang des Hauses Usher« von Edgar Allan Poe vorbereitet. Das gelingt spannungsreich, dynamisch, synchron und mit mächtig Power.

Im weiteren Verlauf des ersten Teils der dreieinhalbstündigen Gala wird deutlich, dass sich die viel gepriesenen unterschiedlichen Handschriften der Choreografen seit einigen Jahren immer mehr annähern. Die Beiträge aus Budweis, Bielefeld, Bremerhaven, Chemnitz, Kassel, Bern und Trier geben Einblicke in das große Können der Compagnien, in puncto Esprit und Innovation wirken die Szenen jedoch ähnlich, obschon die Ausgangssituation der Tänze völlig unterschiedlich ist.

Bei der Kostümauswahl setzen die meisten Ensembles auf Erd- und Schwarztöne sowie weiße oder rote Akzente. Die Pforzheimer Truppe wirkt in ihren golden angehauchten Outfits dagegen beinahe wie ein erfrischender Anachronismus, wenn sie in der Choreografie von Guido Markowitz Gustav Klimts Gemälde »Der Kuss« vielsagend zu Leibe rückt.

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