29. April 2016, 18:33 Uhr

Spielzeit mit Fragezeichen

(gl). Die Werteskala in unserer Gesellschaft verschiebt sich. Scheinbar Unverrückbares bleibt nicht länger unantastbar. »Das alles lässt sich nicht unter einem Begriff fassen«, meint Intendantin Cathérine Miville und stellt mit ihrem Team das Programmheft der neuen Spielzeit vor. Statt eines übergreifenden Mottos prangt darauf folgerichtig ein stilisiertes Fragezeichen.
29. April 2016, 18:33 Uhr
Auch in der kommenden Spielzeit umgarnt der schöne Sigismund (Pascal Thomas) Klärchen (Anne-Elise Minetti) im »Weißen Rössl«. (Foto: Archiv/Wegst)

Das Theater wird in der kommenden Spielzeit wieder ein Ort des Diskurses sein – auch außerhalb der klassischen Theaterthemen. Doch weil unsere Welt aus den Fugen geraten sei, lasse sich die Realität nicht mehr auf einen Begriff, geschweige denn ein spielzeitübergreifendes Motto, reduzieren, erläutert die Intendantin. Das Theater wolle sein Publikum aber mitnehmen auf der Suche nach den Wurzeln unserer Werte, es mit Lust und Lachen aus dem Alltag entführen und die Begegnung mit fremden Welten und Klangwelten ermöglichen.

Von Verdis »La Traviata« bis zur zeitgenössischen Oper »Leben mit einem Idioten«, von einem Doppelabend mit den Sophokles-Dramen »Ödipus« und »Antigone« bis zu Marieluise Fleißers »Fegefeuer in Ingolstadt«, von einem Tanzabend zu Edgar Allan Poes »Untergang des Hauses Usher« bis zum Familienstück »Die kleine Hexe« nach Otfried Preußler – das Stadttheater bietet in der kommenden Spielzeit wieder eine große Bandbreite in Musiktheater, Schauspiel, Tanz- und Kinder- und Jugendtheater. Die Spielzeitplanung stellte Miville gestern mit ihrem Team der Presse vor. Mit dabei waren Ballettchef Tarek Assam, der künstlerische Betriebsdirektor Guido Hackhausen, Cornelia von Schwerin als neues Mitglied der Schauspielleitung (siehe Bericht auf dieser Seite), Gastdramaturg Matthias Schubert sowie der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, Abdul M. Kunze.

Wohlklang im Musiktheater

Wenn sich am 10. September für »La Traviata« (es inszeniert Wolfram J. Starczewski) der erste Vorhang der Spielzeit 2016/17 hebt, dann erwartet die Besucher im Musiktheater überwiegend klassisches Opernrepertoire. »Oberon« von Carl Maria von Weber erklingt konzertant (17. Dezember), Peter Cornelius’ komische Oper »Der Barbier von Bagdad« (Inszenierung: Roman Hovenbitzer) entführt in die Welt von Tausendundeiner Nacht (28. Januar) und Mozarts »Cosi fan tutte« (Hans Walter Richter) hört man im italienischen Original (25. März). Aber natürlich erwartet das Opernpublikum auch wieder die ein oder andere Neuentdeckung: Die Intendantin legt im Sondheim-Musical »Ab in den Wald« (29. Oktober) Grimms Märchenfiguren auf die freudsche Couch. Und Alfred Schmittkes Oper »Leben mit einem Idioten« (13. Mai 2017, Georg Rootering) vereint als Farce mit »polystilistischer Technik« einen Ehealbtraum mit einer Kommunismusparabel. Auch Jaques Offenbachs Operettenrarität »Häuptling Abendwind« (26. November, Wolfgang Hofmann) findet Eingang ins Gießener Musiktheater. Und natürlich dürfen auch zu ihrem 20-jährigen Bestehen die Schmachtigallen für Unterhaltung sorgen und zeigen mit »Boys, Boys, Boys« (20. November), wie man einen Hit landet.

Antike trifft Moderne im Schauspiel

Wer in der aktuellen Spielzeit Patrick Schimanskis »Shakespeare is dead« im Theaterstudio erlebt hat, der weiß, dass der Regisseur Altbekanntes mit Lust und neuem Sound aufmischt. Man darf also gespannt sein, wie er in der Eröffnungspremiere im Schauspiel der neuen Spielzeit, die Dramen »Ödipus auf Kolonos« und »Antigone« zu einem Doppelabend mit Musik von 48nord zusammenführt (24. September). Dürrenmatts Satire »Romulus der Große«, in der der politikmüde Herrscher dem Untergang des zivilisierten Abendlandes gelassen entgegen blickt, schließt sich an (12. November). Es inszeniert die Kabarettistin Astrid Jakob.

Um Ausgrenzung, Diffamierung und das Überleben eines Außenseiters geht es in Marieluise Fleißers »Fegefeuer in Ingolstadt«, das Thomas Goritzki am 7. Januar im Großen Haus inszeniert. Abdul M. Kunze wird »Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone« nach dem Roman von Mark Haddon über einen autistischen Jungen, für erwachsenes und jugendliches Publikum auf die Bühne bringen (4. März). Und Wolfgang Hofmann macht mit Dea Lohers Schauspiel »Diebe« (22. April) Mut, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.

Nachdem die »Sonny Boys« krankheitsbedingt vom 2015/16er-Spielplan abgesetzt werden mussten, gibt es nun in der neuen Saison ein Wiedersehen mit Harald Pfeifer und Harald Schneider in der Neil-Simon-Komödie. Auf der Studiobühne zu sehen sein werden außerdem »Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen«, eine sprachgewaltige Montage antiker Tragödienteile des Libanesen Wajdi Mouawad (8. September, Inszenierung: Hüseyin Michael Cirpici), »The Effect«, in dem Lucy Prebble vor dem Hintergrund einer Arzneimittelstudie unsere Definition von Liebe auf den Prüfstand stellt, sowie »Konstellationen« des ebenfalls britischen Autors Nick Payne.

»Kleine Hexe« als Familienstück

Im Kinder- und Jugendtheater gibt es neben zahlreichen Wiederaufnahmen (siehe Extra) für die ganz Kleinen (ab zwei Jahren) die poetische, sprachlich stark reduzierte Geschichte »Raus aus dem Haus« von Ingeborg von Zadow. Und natürlich darf auch das Familienstück zur Weihnachtszeit, das Stück mit dem höchsten Zuschaueranteil, nicht fehlen. Dies wird in der kommenden Spielzeit »Die kleine Hexe« nach dem Kinderbuch von Otfried Preußler sein – geeignet für alle ab sechs Jahren. Es inszeniert Stephanie Kuhlmann, die in Gießen bislang hauptsächlich im Musiktheater aktiv war.

Experimentelles im Tanztheater

Das Drei-Sparten-Haus kann auch wieder den Freunden des Tanztheaters interessante Uraufführungen bieten. So choreografieren Jacek Przybylowicz, James Wilton und Tanzcompagniechef Tarek Assam »All we see« nach Motiven von Poes Kurzgeschichte und zu Musik von The Alan Parsons Projekt (8. Oktober). Shakespeares blutrünstiger »Titus Andronicus« liefert den Stoff für Assams Tanzabend am 18. Februar, Paolo Fossa choreografiert »Der blonde Eckbert« (11. November) und Massimo Gerardi liefert mit »Seid was ihr wollt« zur Eröffnung der
TanzArt-ostwest 2017 einen Tanzabend über Skurrilität und Zynismus (1. Juni ).

Wiederaufnahmen
Als Wiederaufnahmen in der neuen Spielzeit steht Folgendes auf dem Programm: »Im weißen Rössl«, »I wanna be loved by you«, »Frau Müller muss weg«, »Rio Reiser«, »Der Mann, der die Welt aß«, »Shakespeare is dead– get over it!«, »Die Wanze 2«, »König Ödipus« und den Tanzabend »Gravitas«. Im Kinder- und Jugendtheater gbt es ein Wiedersehen mit »Die Buchstabenallergie« als mobil_buchbares Theaterstück, »Angstmän«, »Der dickste Pinguin vom Pol«, »Die zweite Prinzessin«, »Michael Kohlhaas« und »Tschick«.

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