27. April 2018, 21:58 Uhr

Spielzeit »eins eins eins«

Seit 111 Jahren gibt es das Stadttheater. Analog zu diesem inoffiziellen Jubiläum lautet der Titel des neuen Programms »eins eins eins«. Eröffnet wird die Spielzeit am 1. September gleich mit einer deutschen Erstaufführung.
27. April 2018, 21:58 Uhr
Neu im Dramaturgenteam des Stadttheaters sind Harald Wolff (M.) und Carola Schiefke (2. v. r.), hier gemeinsam mit (v. l.) Oliver Graf, Cathérine Miville, Tarek Assam und Abdul M. Kunze. (Fotos: Wegst/gl)

Eine Verbrecherballade im Stil von Brechts »Dreigroschenoper«, die spektakuläre Opernausgrabung »Mala Vita«, Heiner Goebbels »Surrogate Cities« als außergewöhnliches Konzerterlebnis in der Sporthalle und Pumuckl als Musicalstar – die neue Spielzeit am Stadttheater Gießen steckt wieder voller Höhepunkte. Das neue Programm stellten Intendantin Cathérine Miville, der künstlerische Betriebsleiter Oliver Graf, Abdul M. Kunze vom Jugendtheater, Ballettchef Tarek Assam und die beiden neuen Dramaturgen Harald Wolff und Carola Schiefke am Freitag der Presse vor.

Im neuen Programm stelle die Erkenntnis, dass auch 50 Jahre nach 1968 die Diskussion um die Gleichstellung von Männern und Frauen und über Wertevorstellungen intensiv geführt werde, die thematische Basis, betonte die Intendantin. Ziel bleibe es auch im Jahr 111 nach Gründung des Stadttheaters als Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns, die Diversität der Stadt abzubilden, neue ästhetische Ausdrucksformen zu finden und die Stadt und das Theater im Dialog zu halten.

»Panikherz« im Theaterstudio

Die Spielzeit eröffnen wird am 1. September als deutsche Erstaufführung »Johnny Breitwieser«. In einer Mischung aus »Dreigroschenoper« und »Cabaret« erzählt Thomas Arzt mit Pop-Live-Musik von Jherek Bischoff vom Robin Hood der Wiener Vorstadt, der 1919 von der Polizei erschossen wurde und zu dessen Beerdigung 40 000 Menschen kamen. Es inszeniert Malte C. Lachmann.

Katrin Hentschel wird im November Shakespeares berühmte Liebesgeschichte »Romeo und Julia« für die Gegenwart neu entdecken. Ayn Rands Bestseller »The Fountainhead« von 1943, quasi die Bibel der Konservativen in den USA, nehmen sich Tom Kühnel und Jürgen Kuttner in ihrer Schauspielfassung »Capitalista, Baby!« vor, die Katharina Ramser im Januar auf die Bühne bringt. Wer verstehen will, welche gewaltigen Umwälzungen die westliche Welt umtreiben, sei hier richtig, betont Chefdramaturg Harald Wolff, der gemeinsam mit Carola Schiefke und Björn Mehlig die Leitung des Schauspiels am Stadttheater verantwortet.

Ebenfalls Schauspieladaptionen sind im Großen Haus »Orlando« nach dem Roman von Virginia Woolf (23. Februar), in dem ein Mann zur Frau wird, und in der Studiobühne »Panikherz« (30. August) nach dem autobiografischen Roman des Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre über Drogen, Ruhm und Absturz. Frei nach Tschechows »Drei Schwestern« nimmt Rebekka Kricheldorfs schwarze Komödie »Villa Dolorosa« (Inszenierung: Thomas Goritzki, 6. April) die Untätigkeit der sich in ewigen Reden erschöpfenden Intellektuellen aufs Korn. Es folgen im Theaterstudio »Kurze Interviews mit fiesen Männern« nach dem Roman von David Foster Wallace, in der Christian Lugerth Männer sich um Kopf und Kragen reden lässt, und mit »Rio Bar« der kroatischen Autorin Ivana Sajko acht Monologe von Frauen über den Krieg. Es geht um eine unmögliche Liebe, den Bürgerkrieg und Extremismus.

Ein Maulwurf zur Weihnachtszeit

Als Familienstück zur Weihnachtszeit zeigt das Stadttheater Gertrud Pigors »Jupp – ein Maulwurf auf dem Weg nach oben«. Es ist ein Blick hinter – oder eher »unter« – die Kulissen für Theaterfans jeden Alters. Christian Lugerth inszeniert. Roman Kurtz liefert als Stückentwicklung »Wolli und das Knäuel« für alle ab drei Jahren mit Schauspielerin, Tänzerin und Puppenspieler ab. Für alle ab zehn Jahren setzt Abdul M. Kunze das Jugendstück »Ich heiße Ben!« von Kerstin Kirpal in Szene, in dem das schwere Thema Verlust des Bruders mit Leichtigkeit erzählt wird. Frank Kafkas »Verwandlung« für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen zeigt Christian Fries auf der Studiobühne.

Verismo trifft Neuzeit

Weil das Gießener Musiktheater-Publikum zum Glück auch bereit ist, Werke abseits des üblichen Repertoires wertzuschätzen, kann das Stadttheater auch immer wieder mit sensationellen Ausgrabungen aufwarten. So ein gehobener Opernschatz ist »Mala Vita« von Umberto Giordano, in dem – ganz opernuntypisch – gleich zwei Frauen um einen tuberkulösen Färber streichen. Die drastische Schilderung wahrer Lebensumstände um 1890 ist ein Kleinod des »Verismo« und wird in der Gießener Version (Inszenierung: Wolfgang Hofmann, musikalische Leitung: Michael Hofstetter) mit Musik des Gattinnenmörders Carlo Gesualdo kombiniert. Um Mord geht es auch in der neuen Krimikomödie der Schmachtigallen, die in »Mord a cappella« nach Madeleine Giese in Wolfgang Hofmanns Fassung verdächtig erscheinen.

Und dann ist auch noch Kinderidol Pumuckl im Musiktheater vertreten. Das gleichnamige Musical von Franz Wittenbrink und Anne Weber, nach der Geschichte von Ellis Kaut, feierte kürzlich Riesenerfolge in München. In Gießen inszeniert es Oliver Pauli als Musical für die ganze Familie.

Mit Mozarts »Le nozze di figaro« schließt sich kurz vor Weihnachten der Gießener Da-Ponte-Zyklus. Engelbert Humperdincks herausforderndes Melodram »Königskinder« kann man als konzertante Aufführung erleben. Michael Hofstetter wagt das Experiment und dirigiert außerdem »La Resurrezione« (»Die Auferstehung), ein Oratorium zur Osterzeit, das als szenisches Stück Balázs Kovalik (in Gießen noch vom »Herbstmanöver« in guter Erinnerung) inszeniert.

Als zeitgenössische Oper wird am 4. Mai nächsten Jahres »Alp Arslam« von Richard van Schoor, mit einem Libretto des Holländers Willem Bruls uraufgeführt. Es ist Schoors erste abendfüllende Oper. Er schreibt sie im Auftrag des Stadttheaters und unternimmt, ausgehend von einer Geschichte aus dem mittelalterlichen Aleppo, den Brückenschlag von den Kreuzzügen bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Das Drama um Intrigen und Krieg werden nach bisheriger Planung Miville und Hofstetter gemeinsam auf die Bühne bringen.

Zwei Choreografen-Shootingstars

Vier Ballettabende – zwei im Großen Haus und zwei auf der Studiobühne – legt Ballettdirektor Tarek Assam dem Publikum ans Herz. In einem Doppelabend nehmen sich die osteuropäischen Shootingstars der Choreografenszene – Rosana Hribar und Jacek Przybylowicz – mit »Globetrotter« des Themas Unstetigkeit an; zur Musik von Darius Milhaud und Alberto Ginastera. Assam selbst wird auf der Grundlage von Fritz Langs Stummfilm aus den 1920er Jahren mit »Metropolis – Futur drei« zeigen, wie Menschen mit Maschinen immer weiter versuchen, ihr Leben zu optimieren. Außerdem wird seine Choreografie »Personal Trigger«, in der es um mediale Reizüberflutung geht, zu sehen sein. Mit »Wegerzählungen«, einer Tetralogie von Duetten, studiert Daniel Goldin mit der Tanzcompagnie die Komposition von 1994 neu ein und setzt damit die Reihe wegweisender Werke des neueren deutschen Tanztheaters fort.

Neben den genannten Angeboten finden sich im neuen, außen in Weiß gehaltenen Spielzeitprogramm auch wieder zehn Sinfoniekonzerte, Examenskonzerte, Familien- und Schülerkonzerte, Kooperationsprojekte mit der freien Szene oder Projekte und Masterarbeitspräsentationen der Angewandten Theaterwissenschaften der Universität. Das vollständige Programm der Spielzeit 2018/19 ist in den ab sofort ausliegenden Spielzeitheften einsehbar sowie auf der Stadttheater-Homepage www.stadttheater-giessen.de.

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