07. Januar 2018, 19:31 Uhr

Spaß an der Beziehungskiste

Er ist ein Unikat: Stefan Mickisch firmiert als Künstler unter den Musiktheoretikern, als Connaisseur unter den Pianisten. Bei seinem Auftritt im Stadttheater zur Oper »Ariadne auf Naxos« gibt er auch Privates preis.
07. Januar 2018, 19:31 Uhr
Gut gegrinst, ist halb erklärt: Stefan Mickisch arbeitet an seiner ureigenen Beziehungskiste, dem Steinway-Flügel. (Foto: Dimov)

Seien Sie nicht traurig bei einem Partnerverlust. Es kommt was Besseres nach.« In seinem Konzertvortrag zur Oper »Ariadne auf Naxos« von Richard Strauss gibt Musikwissenschaftler und Pianist Stefan Mickisch Auskunft auf zwischenmenschlicher Ebene. Er tut das nicht nur, weil die Königstochter Ariadne vergeblich auf ihren Theseus wartet, der sie aus einem nicht näher erwähnten Grund hat sitzen lassen: Am Ende findet Ariadne eine neue Liebe in Gestalt des verführerischen Gottes Bacchus. Auch bei Mickisch muss im realen Leben etwas Neues nachgekommen sein. Am Samstagabend erzählt der Wagner-Erklärspezialist im Stadttheater, er habe im vergangenen Jahr sieben Monate an einer Depression gelitten und nicht mehr spielen können (weshalb er 2017 auch nicht in Gießen gastierte). Nach dem Konzert nennt er auf die Frage nach dem Grund der Depression: die Liebe. Auf der Bühne im Großen Haus erläutert er das so: »Bei einer Beziehung ist es gut, wenn man zu zweit ist.« Dann grinst er und sagt: »Die Dame sollte dabei oben sein.«

Natürlich erhält das Publikum auch Einblicke in die »Ariadne« und spürt, dass Mickisch wieder Spaß an seiner ureigenen Beziehungskiste hat, dem Steinway-Flügel. Der Pianist erklärt das Vorspiel und die Oper in der Oper, die mit 36 Musikern auskommt, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als fast alle aufs Pompöse setzten, putzig wirken mochte. Zum Libretto des Dichters Hugo von Hofmannsthal findet Mickisch anerkennende Worte. Und zu jedem Protagonisten liefert er eine Weisheit – »Bacchus ist derjenige, der nicht riestert«. Dieser Gott betreibt keine Altersvorsorge.

Mickisch zeigt die Parallelen zu Strauss auf, lässt Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Wagner und Ravel erklingen und mit der »Schönen blauen Donau« auch »einen anderen Strauß« zu Wort kommen. Er präsentiert den Russen Skrjabin, dessen Musik er viel geübt hat. Man spürt die Liebe zu diesem Ekstatiker. Wie Mickisch ja überhaupt die Extreme verehrt. Der Pianist gibt das Vorspiel (zum Vorspiel) der »Ariadne« zum Besten, wichtige Teile aus der Oper und das Finale. Das meiste geht ihm auswendig von der Hand, was ihn zu dem Bonmot verleitet: »Ich habe die Partitur nur mitgebracht, falls jemand von Ihnen einen Blackout hat.«

Mickisch hat keinen. Er schöpft aus seinem unendlichen Fundus. Er kennt die Bergmassivtheorien musikwissenschaftlicher Analysen, ist firm in Tonsatz, Kontrapunkt und Harmonielehre, hat die Formen- und Motivanalysen drauf und mal eben eine eigene Tonartencharakteristik begründet. So ist das mit den Genies: Ihre Größe artikuliert sich nicht nur auf einem Gebiet. Aus diesem Grund ist der Theoretiker Mickisch wohl auch ein hervorragender Pianist. Und so verwundert es nicht, als er eingesteht, das Schwere zu mögen und lieber Nietzsche zu lesen als Handke, lieber Wagner und Strauss zu interpretieren als Mozart, um dann eben diesen Wagner, Strauss und Nietzsche dem Publikum leicht zu machen.

Die hohe Kunst des Musikverständnisses geht bei Mickisch einher mit seinem verschmitzten Oberpfälzer Humor. Als Künstler, Wissenschaftler, Pianist und Connaisseur ist er ein Unikat im weiten Weltenraum der klassischen Musik. Jeder, der einmal in die tiefen Sphären eines Wagner oder Strauss eintauchen möchte, kommt nicht umhin, eins der augenzwinkernden Parlierkonzerte des Stefan Mickisch zu besuchen.

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