26. April 2018, 22:05 Uhr

Sorgen im Ostviertel

Der »Campus der Zukunft« der Universität wird das Gießener Ostviertel verändern. Die ab Jahresende geplante Sperrung der Rathenaustraße für 16 Monate ist dabei nur ein Aspekt. Wie sich die Verkehrsströme auch danach verteilen, treibt die Anwohner des Ostpreußenviertels und des Alten Steinbacher Wegs um. Dies wurde bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend deutlich.
26. April 2018, 22:05 Uhr
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Von Burkhard Möller
Auch am Audimax im Philosophikum II haben die Bauarbeiten zum Campus der Zukunft bereits begonnen. (Foto: Schepp)

Der Anwohner war voll des Lobes für die Pläne der Universität, wünschte ihr noch mehr Studierende und beglückwünschte sie zum Konzept für den »Campus der Zukunft« in der Klingelbachaue. »Was wir uns als Anwohner wünschen, ist aber auch eine Verkehrsführung der Zukunft. Da sehen wir großen Handlungsbedarf«, sagte der Mann unter Beifall. Vielen Anwohnern aus den Wohnstraßen rund um das Philosophikum I sprach er damit am Mittwochabend im Hörsaal A2 aus der Seele. Trotz Champions-League-Knaller Bayern gegen Real waren rund 120 Anwohner, Studierende und Unibeschäftigte gekommen, um sich von der Unileitung, der Stadt und dem Immobilienbetrieb des Landes auf den Stand der Planungen für den großen Umbau der Geisteswissenschaften bringen zu lassen.

Im Zuge des ersten Bauabschnitts für den »Campus der Zukunft« will die Justus-Liebig-Universität bis 2024 rund 150 Millionen Euro unter anderem für neue Seminargebäude, einen Erweiterungsbau der Zentralbibliothek, eine neue Mensa und die Sanierung des Audimax ausgeben.

Das Hauptinteresse der Anwohner indes gilt dem Verkehr, während der Bauphasen und danach. Welche Wege wird sich der Autoverkehr suchen? Wo wird geparkt? Wie schnell wird gefahren? Wie und wo werden Stadt- und Schulbusse drehen, wenn die Rathenaustraße dicht ist? Fragen am Mittwoch, die keineswegs alle beantwortet wurden.

Aus Kurve wird Kreisel

Was feststeht, präsentierte Guido Eisfeller aus dem Planungsstab der Universität. Demnach bleibt es dabei, dass die Arbeiten zur Begradigung der Rathenaustraße noch in diesem Frühjahr beginnen werden, wobei die Straße bis in den Herbst hinein offen bleibt. Gegen Ende des Jahres muss sie gesperrt werden, auch die Stadtbusse kommen dann nicht mehr durch und müssen eine Behelfshaltestelle am Ende der Karl-Glöckner-Straße anfahren.

Vom Schiffenberger Weg her bleiben die Parkplätze des Philosophikums I mit der Mensa über die Otto-Behagel-Straße erreichbar, auch der Alte Steinbacher Weg bleibt auf ganzer Länge und damit bis zum Uni-Gästehaus und der Uni-Kita am Philosophikum II befahrbar. Die Kurve am Übergang vom Alten Steinbacher Weg in die Rathenaustraße wird später durch einen Kreisverkehr ersetzt, in dem auch Busse wenden können. Wie berichtet, hat die Vitos-Klinik einen Anschluss an diesen Kreisverkehr abgelehnt, weil sie keinen Durchgangsverkehr anziehen will. Gesperrt werden muss die Rathenaustraße, weil sie in den Campusplatz, an den die neue Mensa, ein neues Seminargebäude und der Erweiterungsbau der Bibliothek angrenzen, integriert wird.

Wäre es nach der Universität gegangen, wäre hier wohl ein verkehrsberuhigter Bereich mit Schritttempo für den Autoverkehr entstanden, aber die Stadt – und hier vor allem die CDU – setzte sich mit ihrer Forderung durch, dass der Autoverkehr Vorrang erhält und die Straße als solche klar erkennbar bleibt. Zunächst war ein sogenannter verkehrsberuhigter Geschäftsbereich mit Tempo 20 vorgesehen, nun soll Tempo 30 gelten, teilte Uni-Planer Eisfeller mit.

Lutz Hiestermann, Vorsitzender des Vereins Lebenswertes Gießen, stellte die Frage nach der Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer, denn eine Zählung hat ergeben, dass die Zahl der Fußgänger, die die Rathenaustraße an dieser Stelle gegenwärtig in Spitzenzeiten pro Stunde queren, mit etwa 1100 fast doppelt so hoch ist wie die der Pkw-Durchfahrten (600). Für die Fußgänger wird es eine Mittelinsel als Querungshilfe geben, erklärte Planungsdezernent Peter Neidel (CDU).

JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee sprach mit Blick auf das jetzige Konzept für den Campusplatz von einem »vertretbaren Kompromiss zwischen allen Verkehrsteilnehmern«. Eine Schließung der Rathenaustraße für den Durchgangsverkehr sei nie ernsthaft erwogen worden, fügte er hinzu, nachdem ein Anwohner die Frage aufgeworfen hatte, warum es keine Planung für einen autofreien Campus zwischen Autobahn und jetziger Mensa gebe.

Parksuchverkehr befürchtet

Im Ostpreußenviertel macht man sich vor allem die naheliegende Sorge, dass der Parksuchverkehr während der Sperrung der Rathenaustraße zunehmen wird, weil Studierende, die Gießen aus dem Osten ansteuern, nicht den Umweg über die Autobahn und den Schiffenberger Weg zu den Parkplätzen am Philosophikum I nehmen werden. »Die parken dann vor unserer Haustür«, sagte ein Anwohner. Kurtulus Vural, Betreiber des Restaurants »Aspendos« im Alten Steinbacher Weg, fürchtet wiederum, dass er Mittagstisch-Kunden aus den Betrieben im Schiffenberger Tal verliert. »Nicht jedes Erreichbarkeitsproblem« sei lösbar, appellierte Mukherjee an das Verständnis der Zuhörer.

Kritik kommt auch aus dem Gebiet hinter dem Heegstrauchweg, da eine Masterplanung der Uni vorsieht, dass die Parkplätze am jetzigen Philosophikum I über eine Verlängerung des Klingelbachwegs erschlossen werden könnten. Dagegen laufen die August-Herrmann-Francke-Schule und Gewerbetreibende aus der Siemensstraße Sturm, aber diese sehr langfristig angedachten Pläne sind mittlerweile wohl vom Tisch.



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