24. Oktober 2018, 06:00 Uhr

Wahlkampf

So läuft der Wahlkampf im Gießener Seltersweg

Seit Wochen wird auf dem Seltersweg um Wähler geworben. Was erleben die Wahlkämpfer? Welche Themen sind den Gießenern besonders wichtig? Ein Streifzug durch den Stimmenfang.
24. Oktober 2018, 06:00 Uhr
Wahlkampf im Seltersweg. (Foto: chh)

Unzählige Luftballons schweben über den Köpfen der Passanten. Man könnte meinen, der Seltersweg feiert einen riesigen Kindergeburtstag: Tatsächlich sind es die Wahlkämpfer, die auf Stimmenfang gehen. Jetzt, auf der Zielgeraden vor der Landtagswahl, wird alles mobilisiert, was ein Parteibuch hat. Bürgermeister und Spitzenkandidaten verteilen genauso Flyer wie Vertreter der Nachwuchsorganisationen und Kollegen aus den Nachbarkreisen. Alle mit dem gleichen Ziel: Möglichst viele Menschen dazu zu bringen, am kommenden Sonntag das Kreuzchen an der richtigen Stelle zu setzen.

Die SPD hat sich sogar Unterstützung aus dem Osten gesichert. »Wir sind aus Thüringen angereist«, erzählt eine junge Frau, die vor Köhler Broschüren verteilt. Eine Abmachung der beiden Juso-Gruppen, im kommenden Jahr werden die Gießener nach Erfurt reisen. Doch jetzt steht Hessen im Fokus. »Die Stimmung ist trotz Bayern top, wir lassen uns nicht unterkriegen«, sagt Jakob Lucifero von den Jusos und erzählt, dass die Leute am Stand vor allem über zu hohe Mieten, Bildung und kostenfreie Kitas sprechen wollten. »Außerdem fordern sie die Abschaffung der Straßenausbaukosten.« Zu diesem Zeitpunkt wissen die Bürger nicht, welche Sprengkraft die Thematik in den folgenden Tagen entwickeln wird.

 

Ergänzung zu Wahl-O-Mat

Nur wenige Meter weiter wirbt Markus Schmidt um die Gunst der Wähler. »Wir werden auf ganz unterschiedliche Themen angesprochen. Zum Glück«, sagt der CDU-Kreisgeschäftsführer. Denn oftmals würden überregionale Themen den lokalen Wahlkampf überlagern. Schmidt erinnert zum Beispiel an Fukushima im Jahr 2011. »Oder der Maaßen-Deal vor wenigen Wochen.« Die Posse um den Verfassungsschutz-Präsidenten dürfte vielen Lokalpolitikern die Arbeit erschwert haben. Umso glücklicher ist Schmidt, dass dieses Kapitel abgeschossen ist. »Jetzt können wir wieder über Dinge sprechen, die Hessen betreffen.«

Während Schmidt erzählt, bittet ein jungen Mann am Nebentisch nach einem Wahlprogramm. Nicht das erste, das er an diesem Tag einsteckt. »Ich habe beim Wahl-O-Mat mitgemacht. Am Ende kamen mehrere Parteien mit einem ähnlichen Ergebnis heraus. Jetzt will ich die Programme noch einmal vergleichen.« Dass der Wahlkampfhelfer das Programm unter dem Stehtisch hervorkramen muss, belegt die Seltenheit solcher Bitten. Meist sind es nicht die Unentschlossenen, die an die Stände kommen, sondern Unterstützer, deren Entscheidung längst gefallen ist. Daher bieten die Helfer auch immer wieder vorbeieilenden Passanten einen Flyer an. Schmidt: »Das persönliche Gespräch ist immer noch das beste Wahlkampfmittel.«

 

Kontakt mit der Gesellschaft

Eine Auffassung, die an allen Ständen zu hören ist. Diego Semmler von den Freien Wählern betont, dass man online meist nur Menschen erreiche, die ohnehin Sympathien für einen hegten. Die Sozialen Netzwerke versorgen ihre Nutzer mit Themen, die zu ihrem Klickverhalten passen. Wer ein Like bei der AfD setzt, kriegt mehr Inhalte über Flüchtlingskriminalität angezeigt als Linke, deren Timeline mit News über Waffenexporte gefüllt wird. Semmler kennt die Mechanismen. Daher sagt er auch: »Auf der Straße kommt man mit der breiten Masse der Gesellschaft in Kontakt. Ohne Filterblase.«

Neben den Freien Wählern wirbt die FDP um Stimmen. Manuela Giorgis unterhält sich gerade mit einem Passanten. Es geht um die Energiewende. Giorgis spricht lange mit dem Mann, auch wenn sie weiß, dass er nicht aus ihrem Wahlbezirk kommt. Und ob er am Sonntag ihre Partei wählen wird, scheint ebenfalls unklar. Für Giorgis ist das kein Problem: »Es ist doch schön, wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt, die mitunter auch andere Vorstellungen haben.«

Auf Höhe der drei Schwätzer werben Katrin Schleenbecker und Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich für grüne Inhalte. Beide mit einem breiten Lächeln auf dem Lippen. Die Prognose von über 20 Prozent beflügelt. »Wir hatten in den letzten Jahren häufig Gegenwind im Wahlkampf. Da tut es jetzt natürlich gut, Zustimmung zu erhalten«, sagt Weigel-Greilich. Das größte Thema an diesem Tag sei der ÖPNV gewesen, sagt die Bürgermeisterin. »Die Menschen spüren, dass es so nicht weitergehen kann.« Aber auch der Müll, der in den Ozeanen treibe, habe die Gießener beschäftigt. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Grünen keine Kunststoff-Luftballons, sondern hölzerne Windräder verteilen.

 

ÖPNV häufigstes Thema

Werbung für Windräder? Bei der AfD undenkbar. »Wir sind klar dagegen«, sagt Spitzenkandidat Arno Enners. Am Stand gegenüber von TK Maxx werde viel über den ÖPNV gesprochen, sagt Enners. Die Flüchtlingskrise, die die Partei erst groß gemacht hat, sei hingegen selten Thema. »Zu uns kommen aber viele Migranten, zum Beispiel Türken und Russlanddeutsche. Sie bedauern den Linksruck in Deutschland und den damit einhergehenden Werteverlust.« In den vergangenen Jahren haben linke Organisationen die Wahlkampfstände der Rechtspopulisten regelmäßig torpediert, zum Beispiel durch Buttersäureattacken. Laut Enners gehört das aber der Vergangenheit an. »Früher hatten wir bei unseren Ständen noch regelmäßig Polizeistreifen. Das ist nicht mehr nötig. Die Lage hat sich normalisiert.«

Dabei stehen die schärfsten Kritiker der AfD nur wenige Meter entfernt. Michael Janitzki und Lars Riedl verteilen am Kugelbrunnen Flyer für die Linke. Letzterer erzählt, dass die Themen Rente, Arbeitsbedingungen und sozialer Wohnungsbau rund um den Linken-Stand am stärksten nachgefragt seien. Was Riedl bedauert: »Wir werden eher selten auf den ÖPNV angesprochen. Dabei haben wir zu diesem Punkt schon mehrfach Anträge im Stadtparlament eingebracht.«

Auch in den kommenden Tagen werden die Wahlkämpfer auf dem Seltersweg um Stimmen werben. Damit am kommenden Sonntag zumindest eine Partei eine große Party mit vielen bunten Luftballons feiern kann.

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