07. Juni 2019, 22:12 Uhr

Siebeneinhalb Jahre Haft für Mutter

07. Juni 2019, 22:12 Uhr
Die Angeklagte beim Prozessbeginn mit ihrer Gebärdendolmetscherin. (Foto: dpa)

Gießen/München (bf). Die Schultern hängen schlaff, ihr Blick geht ins Leere. Auch als am Freitag das Urteil gegen Rana M. (27) gesprochen wird, wirkt die Angeklagte teilnahmslos. Siebeneinhalb Jahre lang muss die zweifache Mutter ins Gefängnis. Das Landgericht verurteilte sie wegen versuchten Totschlags und schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen, weil sie ihr neugeborenes Baby in einem Gebüsch zum Sterben ausgesetzt hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte über zehn Jahre gefordert, Verteidiger Alexander Hauer aus Gießen auf fünf Jahre Haft plädiert.

Im August vergangenen Jahres war die Frau aus Gießen nach München gefahren. Bereits hochschwanger hatte sie dort Geschlechtsverkehr mit einem Mann, den sie in einem Online-Chat kennengelernt hatte. Von der bevorstehenden Niederkunft will dieser Mann nach eigenen Angaben nichts gemerkt haben. Doch nach der Liebesnacht setzten sofort die Wehen ein.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft habe Rana M. die Wohnung im Stadtteil Neuperlach verlassen, sei in den Garten des Anwesens in Neuperlach gegangen und habe dort das Kind auf die Welt gebracht. »Sie zog es selbst heraus, weil das Baby in Steißlage lag«, erklärte Richter Norbert Riedmann am Freitag. Die Gießenerin habe den neugeborenen Jungen anschließend in einem Gebüsch abgelegt und die Nabelschnur mit dem Mund selbst durchgebissen.

»Durch die Geburt erlitt das neugeborene Kind drei Knochenbrüche«, sagte Riedmann. »Die Körpertemperatur betrug nur noch 24,9 Grad. Dadurch bestand akute Lebensgefahr.« Die Brüche seien »folgenlos ausgeheilt«, das Baby sei wohlauf und lebe in einer Pflegefamilie. Aber es gleicht einem Wunder, dass diese Geschichte gut ausging. Denn über den versuchten Totschlag kamen am Freitag bei der Urteilsverkündung neue Details ans Licht.

»Wir sind der Meinung, dass der Auffindeort nicht der Geburtsort ist«, sagte Riedmann. Eventuell könnte das Kind auch bereits im Bad des Mannes geboren worden sein - das viele Blut spreche dafür. Rana M. hatte es mit ihrem Liebhaber noch selbst aufgewischt. Zwei Zäune habe sie später überstiegen und das Kind in einem Erdloch hinter einem Sichtschutz versteckt. Dennoch fand eine Spaziergängerin das Kind und rief den Notarzt, der das Baby retten konnte. Zum Prozessbeginn hatte Rana M. die Tat gestanden und nannte die Hecke als Geburtsort. »Das schließen wir aber aus«, sagte der Richter. Dort seien keine Spuren gefunden worden.

Das Mordmerkmal der niederen Beweggründe schloss das Gericht aus. Klar wurde trotzdem, dass Rana M. das Baby töten wollte. Monate zuvor hatte sie bereits im Internet nach Möglichkeiten gesucht, die Schwangerschaft abzubrechen. Ihr Leben sei »problematisch« gewesen, sagte der Richter: die Heirat mit einem ihr fremden Mann, die anschließend Probleme mit ihm, der Sorgerechtsstreit vor Gericht. Der Richter betonte: »Aber die Schuld hat sie immer bei anderen gesucht.«

Lange Zeit hatte die 27 Jahre alte Gießenerin geschwiegen. Erst am Dienstag ließ sie über ihren Verteidiger eine ausführliche Erklärung verlesen. Hier gestand sie ihre Tat und nannte diese einen großen, unverzeihlichen und nicht wieder gutzumachenden Fehler.

Staatsanwältin Johanna Heidrich zeigte sich mit dem Urteil zufrieden; sie schloss eine Revision aus. Verteidiger Alexander Hauer sagte: »Ein vertretbares Urteil. Wir waren darauf vorbereitet und werden über eine Revision nachdenken.«

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