11. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Nach dem Terroranschlag

Sicherheitskonzept für den Glauben

Auch in Gießen zeigen sich viele Menschen bestürzt über den in Halle verübten Terroranschlag eines extremen Rechten. Nicht wenige Mitglieder der jüdischen Gemeinde hatten dies befürchtet.
11. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Nach dem antisemitischen und rechtsterroristischen Angriff auf eine Synagoge in Halle an der Saale werden auch in Gießen die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt - routinemäßig. (Foto: khn)

Zwei Polizeifahrzeuge stehen vor der Synagoge in Gießen. Ein Mann mit langem Bart fragt in die Gegensprechanlage hinein nach einem Ansprechpartner in der Gemeinde. Er wird abgewiesen. Als er unschlüssig vor dem mit einem Gitter versperrten Eingangstor stehen bleibt, steigen zwei Polizisten aus ihrem Streifenwagen aus. Sie bitten um seine Personalien und geben seine Daten per Funk durch. Mehrere Minuten später ist der Mann durchgecheckt - und anscheinend sauber. Denn er darf gehen. Dass auch in Gießen die Polizei nach dem rechtsterroristischen Anschlag auf eine Synagoge in Halle ihre Sicherheitsvorkehrungen intensiviert hat, ist nicht bloß dahergesagt.

In Gießen hatten die jüdischen Gläubigen ihren höchsten Feiertag Jom Kippur gefeiert, als die Nachricht von den tödlichen Schüssen eines Deutschen mit zwei Opfern in der Nähe einer Synagoge in Halle an der Saale die Runde machte. »Die Leute haben gefasst reagiert«, sagt Simon Beckmann, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. »Es ist für uns fast Routine.«

Die Gemeindemitglieder sind es gewohnt, ihren Glauben beinahe wie hinter Panzerglas leben zu müssen. Auch in Gießen gibt es Sicherheitsvorkehrungen, die kontrolliert werden - beispielsweise vom hessischen Landeskriminalamt (LKA). Bei Veranstaltungen jeder Art wird eine Polizeistreife vor der Synagoge postiert. Ansonsten sind die Beamten angehalten, dort regelmäßig zu patrollieren. Es gibt zwei Tore unter anderem mit Durchgreifschutz, die eine Art Schleusenfunktion haben. Außerdem sind Kameras rund um das Gebäude angebracht. Die Stadt hat zudem einen Sicherheitsmann vermittelt.

Doch das ist nicht genug. Vor über einem halben Jahr hat das LKA der jüdischen Gemeinde ein Sicherheitsgutachten ausgestellt, in dem es zahlreiche Verbesserungen fordert. Unter anderem eine modernere Kameraüberwachung und hohe Zäune an neuralgischen Punkten rund um die Synagoge. Nur: Die Stadt habe sich seitdem nicht bewegt, sagt Beckmann. »Unser Vorsitzender Dow Aviv spricht und spricht und spricht mit den Verantwortlichen«, betont er, »aber niemand kommt in dieser Sache auf uns zu.«

Die Modernisierung der Kameras habe die Gemeinde - ein eingetragener Verein - selbst finanziert. Aber auch der Bau von Zäunen koste gutes Geld. »Es ist schrecklich, dass wir dem hinterherlaufen müssen«, sagt Beckmann. Spätestens nach dem antisemitischen Angriff in Halle sei es an der Zeit, Anfragen, die die Sicherheit der jüdischen Gemeinde betreffen, auch ernstzunehmen.

Unterschwellige Vorurteile

Offenen Antisemitismus hat Dow Aviv in Gießen noch nicht erlebt. Dennoch berichtete er in einem früheren Gespräch mit dieser Zeitung davon, dass die Gemeindemitglieder ihren Glauben nicht mehr offen nach Außen tragen. »Sie reden leiser, wenn Menschen vorbeikommen, oder wechseln vom Hebräischen ins Englische.« Auch trage kaum jemand seine Kippa auf dem Weg zum Gottesdienst. Selbst der Rabbi ziehe eine Baseballkappe auf, wenn er zur Synagoge gehe. Eltern wollten nicht, dass die Mitschüler ihrer Kinder erfahren, dass diese jüdischen Religionsunterricht besuchen.

Woran liegt das? Für Aviv gibt es nicht den einen Grund. Ereignisse wie in Berlin, wo Schüler mit jüdischem Glauben gemobbt oder geschlagen werden, gebe es in Gießen nicht. Aber Nachrichten über Anfeindungen und Angriffe würden auch Juden in Gießen Sorge bereiten. Hinzu komme, dass einige von den 370 Gemeindemitgliedern in Gießen Russen sind und den Sender Russia Today schauten. »Angst ist dort das beherrschende Thema, und das wirkt sich auch auf den Alltag der Menschen aus.«

Unterschwellig jedoch, sagt Aviv, spüre er, dass Vorurteile gegenüber Juden weit verbreitet seien. Bei mal eben dahergesagten Sätzen wie »Ist das nicht so bei Juden?«, »Was beschwerst du dich, du bist es doch gewohnt« oder »Du siehst ja gar nicht aus wie ein Jude« muss Aviv schlucken. »Ich bin kein Opfer und will nicht so behandelt werden«, sagt er. Hinzu komme dass viele den jüdischen Glauben mit Entscheidungen der politischen Akteure Israels vermischen würden. »Warum muss ich dafür eine Projektionsfläche sein«, fragt er. »Schickt doch dem Netanjahu eine Mail und schimpft mit ihm.«

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