02. Juni 2016, 18:23 Uhr

Selbstjustiz: Kinderschänder niedergeschlagen

Verkehrte Welt im Gerichtssaal: Ein verurteilter Kinderschänder sitzt auf dem Zeugenstuhl, eine Verwandte eines seiner Opfer auf der Anklagebank. Hintergrund: Selbstjustiz.
02. Juni 2016, 18:23 Uhr

Gießen (sha). Der Mann, der in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird, ist von massiger Gestalt. Die Frau, die ihn fixiert, hingegen sehr schlank und zierlich. Vier Beamte sichern den Prozess. Für den Fall, dass die Frau auf den Mann losgeht.

Tatsächlich saß die 27-jährige Gießenerin auf der Anklagebank, der zur Zeit in Untersuchungshaft befindliche 43-Jährige auf dem Zeugenstuhl. Der Mann hatte die Cousine der Angeklagten jahrelang missbraucht. Am Gießener Landgericht wurde er deshalb im April zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Weil der Straftäter aber Revision eingelegt hat, befindet er sich weiterhin in Untersuchungshaft.

Noch bevor dem in Gießen lebenden Türken der Prozess gemacht wurde, hatte die Angeklagte durch ihre Cousine von den Missbrauchsvorwürfen erfahren. Als sie den 43-Jährigen nur Stunden später – am 6. September vergangenen Jahres – zur Rede stellen wollte, eskalierte die Situation: »Ich habe nur noch um mich geschlagen«, schilderte die Angeklagte am Donnerstag vor einem Schöffengericht des Amtsgerichts. Nach Schlägen und Tritten hatte der Mann unter anderem mehrere Knochenbrüche im Gesicht davongetragen. »Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen – in Deutschland ist Selbstjustiz verboten«, betonte die ebenfalls türkischstämmige Gießenerin. Aber: »Ich bin einfach ausgerastet.«

Unter Tränen berichtete die Angeklagte, wie ihre Cousine von dem 43-Jährigen gepeinigt worden war. Erst kurz bevor diese 14 Jahre alt wurde, endete der Missbrauch. Das Kind hatte den Mann nicht mehr besucht, weil es von ihm geschlagen worden war. Jahre später sah die junge Frau ihren Peiniger, der der Onkel einer Freundin war, an einer Tankstelle wieder und bekam Angst. Deshalb offenbarte sie sich der Angeklagten. »Ich habe sofort Bilder im Kopf gehabt, wie er versucht, sie irgendwo abzufangen«, sagte die 27-Jährige. Sie beteuerte, dass sie nur mit dem Mann habe reden und die Situation klären wollen. Auch, um sagen zu können, dass es nicht die Schuld der Cousine gewesen sei, die junge Frau keine Schande über die Familie gebracht habe. Aber der Gießener habe immer nur geäußert, dass beide sich geliebt hätten und alles einvernehmlich geschehen sei. Auch am Donnerstag schien der Mann noch keine Reue zu empfinden: Er betonte, die Angeklagte hätte ihm vorgehalten, mit der damals achtjährigen Cousine bestimmte Sexualpraktiken durchgeführt zu haben, dabei sei das Kind zu diesem Zeitpunkt »schon zehn« gewesen.

Richter Jürgen Seichter unterstrich in seinem Urteil wie Staatsanwaltschaft und Verteidigung zwar ausdrücklich, »dass Selbstjustiz nicht geht«. Aber: Im Gegensatz zu dem 43-Jährigen zeige die Angeklagte, die im Affekt gehandelt habe, »eindrucksvoll« ihre Einsicht und Reue. Deshalb sei trotz des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung eine Geldstrafe von 3600 Euro ausreichend.



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