09. Mai 2019, 22:06 Uhr

Schwester Adelheid, Tupfer bitte!

Bei wie vielen Operationen sie in 40 Jahren assistiert hat, weiß Adelheid Dierlamm nicht. Es waren Tausende. Sie hat zig Ärzte kommen und gehen sehen, viele Gießener lagen vor ihr »auf dem Tisch«. Schwester Adelheid hat in den 50ern im Evangelischen Schwesternhaus gelernt und später die OP-Stationen im neuen EV mit aufgebaut.
09. Mai 2019, 22:06 Uhr

Noch heute haben Adelheid Dierlamm und ihre Freundin Erika Saeger dieselben Abonnementplätze im Stadttheater. Seitlich im Parkett. Notfalls könnte man die Vorstellung fast unbemerkt verlassen. Vor vielen Jahren war das relevant, denn ab und zu musste Schwester Adelheid rasch in den OP-Saal eilen. Das Krankenhaus ist zwar schon lange nicht mehr in der Johannesstraße und die 84-Jährige längst im Ruhestand, doch vergessen sind die alten Zeiten nicht. Adelheid Dierlamm war über 40 Jahre lang OP-Schwester, lange Zeit in leitender Position: Kompetent, pflichtbewusst, belastbar. Wenn Not an der Frau war, konnte man auf sie zählen. Auch außerhalb des Dienstplans. »Was denn sonst? Das ging ja gar nicht anders«, erinnert sich die alte Dame.

Adelheid Dierlamm ist 1956 aus einem Dorf im Vogelsberg nach Gießen gekommen, um Krankenschwester zu werden. Die Ausbildung absolvierte sie bei den Diakonissen des Evangelischen Schwesternhauses, ohne selbst der Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft anzugehören. Sie war eine der freien Schwestern, was damals scherzhaft auch »wilde« Schwestern genannt wurde. Das junge Mädchen lernte viel von den Diakonissen, aber sie musste sich auch deren strengen Regiment unterordnen. Das fiel ihr nicht schwer, denn von klein auf war sie harte Arbeit gewohnt. Zunächst hatte sie in der Landwirtschaft geholfen, und nach dem Schulabschluss war sie im Haushalt eines Pfarrers mit großer Familie tätig gewesen.

Viel gelernt hat sie auch von Dr. Anton Glahm, noch heute spricht sie mit großer Hochachtung von dem Mediziner. Er hatte nach dem Krieg im Kellergeschoss des zerstörten Schwesternhauses unter primitiven Bedingungen mit chirurgischen Operationen begonnen und schließlich maßgeblich für den Wiederaufbau gesorgt. Das Krankenhaus, das zunächst nur über eine kleine chirurgische Abteilung verfügte, wurde unter dem Chefarzt zu einer namhaften Adresse für Unfallchirurgie. Mit Dr. Glahm, der als ebenso raubeinig wie exzellent galt, kam Schwester Adelheid bestens aus, und er wiederum schätzte sie als »sein bestes Stück«. Heute würde man wohl von einem guten, eingespielten Team sprechen. Überhaupt sei das Miteinander herzlich und familiär gewesen, schildert die alte Dame. Die Wohn- und Arbeitssituation in den 50ern sei aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Die jungen Schwestern bewohnten ein Zimmer - in der Ausbildung zu zweit, später alleine. Viel mehr als Bett und Schrank hatte niemand. Die Grenzen zwischen Freizeit und Dienst waren fließend, von den Frauen wurde viel erwartet. »Mir hat das nichts ausgemacht.«

Sie genoss eine gründliche Ausbildung und war später als OP-Schwester breit aufgestellt. Sie hatte zig Operationsabläufe im Kopf, ob Entfernung der Gallenblase, Kaiserschnitt oder Knochenfrakturen - Schwester Adelheid nahm sozusagen die Schritte des Operateurs voraus, indem sie ihm im richtigen Moment den richtigen Faden oder einen Tupfer reichte, ihm den Schweiß von der Stirn wischte oder die Schere parat hielt. Der OP-Saal galt lange als eine der letzten Bastionen festgefügter Hierarchien. Schwester Adelheid hat Generationen von Ärzten kommen und gehen sehen, sie kannte deren Stärken und Schwächen. So mancher angehende Mediziner hat von ihr mehr gelernt als vom Operateur. Und sie kannte viele der Patienten, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Kurz gesagt: Sie könnte ein Buch schreiben. Aber wenn es um Persönliches geht, ist sie bis heute verschwiegen.

Nur manchmal kommt sie doch ins Plaudern. Eine Extremsituation war es zum Beispiel, als die Diakonissen der Stiftung Friedenshort Ende der 60er an den Standort Freudenberg umzogen und das Personal im Evangelischen Schwesternhaus eine Zeitlang mehr als knapp war. »Ich war über Monate die einzige OP-Schwester«, erinnert sich Adelheid Dierlamm. Irgendwann konnte sie nicht mehr, der Kreislauf versagte. Fast wären ihr einmal mitten in einer OP die Beine weggesackt. Doch das ging ja nicht! Der Operateur gab ihr eine kräftigende Spritze und sagte: »Sie können im Sitzen weiterarbeiten«. Und das tat Schwester Adelheid. Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde sie 1974 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Während ihrer jahrzentelangen Berufstätigkeit erlebte sie den Wandel und die rasanten Fortschritte in der Medizin hautnah mit. Anfangs standen Ärzte und Schwestern noch in Straßenschuhen im OP, Instrumente und Kleidung wurden zwar sorgfältig gewaschen, aber mit heutigen Hygienestandards ist das nicht zu vergleichen. In dieser Zeit war Schwester Adelheid nicht nur für die OP-Assistenz, sondern auch für die Narkosen zuständig - eine große Verantwortung, die sie erst abgab, als Anästhesisten übernahmen. Eine anstrengende und aufregende Zeit war auch der Umzug des Schwesternhauses in das neue EV auf der Hardt. Adelheid Dierlamm war in die Entscheidungen rund um Ausstattung der OP-Räume eingebunden.

1995 ging die OP-Schwester in den Ruhestand. Den Strukturwandel im Gesundheitswesen und den Beginn der Digitalisierung hat sie beobachtet, sich aber nicht mehr aktiv damit beschäftigt. Alles hat seine Zeit. Mit ihrer Freundin Erika Saeger - die als Medizinisch-technische Radiologieassistentin ebenfalls im EV tätig war - teilt sie seit der Ausbildungszeit in den 50ern die Wohnung. Im vergangenen Jahr sind die Seniorinnen zurückgekehrt zu ihren Wurzeln und haben dort, wo früher das Schwesternheim und das Kinderheim »Zuflucht« stand, ein Zuhause im betreuten Wohnen bezogen. Von hier aus ist es für »die Schwestern« - wie die Freundinnen häufig genannt werden - nur ein Katzensprung ins Johannesstift, wo sie zu Mittag essen. Und zu »ihren« Plätzen im Stadttheater ist es auch nicht weit.

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