04. März 2019, 09:00 Uhr

Schuhmacher

Schuhmacher in Gießen: Handwerk für die Füße

Bodo Becker gehört zu einer aussterbenden Art. Er ist Schuhmacher. Von seinem Laden samt Werkstatt kann er aber trotzdem ganz gut leben. Denn nicht alle werfen kaputte Schuhe auf den Müll.
04. März 2019, 09:00 Uhr
Nach einer abenteuerlichen Auszeit in Bulgarien hat Bodo Becker in der Gießener Innenstadt eine Schuhmacherei übernommen. (Foto: ep)

Das kleine Fachwerkhäuschen wirkt wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Mit dem steinernen Sockel und den hölzernen Streben passt es besser in den Hessenpark als in die Seitenstraße des Seltersweg. Auch das Innere wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Unzählige Holzleisten zieren die Wand, daneben hängen Lederstücke in allen Formen und Farben, ein Holzregal bietet Platz für Haken, Ösen und Treteisen. Dazwischen steht Bodo Becker. Gelernter Orthopädieschuhmacher und seit 2012 Inhaber der Schuhmacherei am Ulenspiegel. »Ich liebe meinen Beruf«, betont der 53-Jährige, »es macht mir Spaß, mit den Händen zu arbeiten.« Becker ist also leidenschaftlicher Schuster. Doch davon gibt es immer weniger.

Kaum ein Beruf ist so vom Aussterben bedroht wie der des Schusters. Bereits durch die Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts verloren viele Schuhmacher ihren Job, und auch heute noch gehen die Zahlen immer weiter zurück. Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung haben 2017 in ganz Deutschland lediglich 15 Personen eine Ausbildung zum Schuhmacher begonnen. Mitte der 90er waren es noch über 200.

 

Hochwertiges wird repariert

Ob es an der Wegwerfgesellschaft liegt? Daran, dass etwas Kaputtes immer häufiger weggeschmissen wird, und nicht mehr repariert? »Natürlich«, sagt Becker. »Zumindest bei billigen Schuhen.« Hochwertige Modelle würden aber noch sehr wohl zum Schuster gebracht. »Ich kann Ihnen ja mal die Werkstatt zeigen«, sagt der 53-Jährige daraufhin, verlässt den Verkaufsraum und steuert die benachbarte Werkstatt an.

»Ich bin gelernter Orthopädieschuhmacher und Kaufmann für Groß- und Außenhandel«, sagt Becker, nachdem er sich auf dem kleinen Schemel an der Werkbank niedergelassen hat. Der Raum ist vollgestopft mit Sohlen und Werkzeug. Schleifmaschine, Presse und Nähmaschinen gehören ebenfalls zur Ausstattung. Dass hier gearbeitet wird, kann man nicht nur sehen, sondern auch riechen. Der Geruch von Leder, Gummi und Klebstoff liegt in der Luft. Wenn er nicht gerade Sohlen austauscht oder Absätze montiert, stellt Becker auch selber Schuhe her. Gürtel ebenfalls. »Maßgeschneidert«, betont er. »Und alles handgemacht.«

 

Raues Leben auf dem Bbalkan

Das Geschäft mit den Schuhen hat Becker von der Pieke auf gelernt. Jahrelang betrieb er zudem einen Schuh- und Ledergroßhandel, mit dem er viele Kollegen belieferte. Doch irgendwann brauchte er eine Veränderung in seinem Leben. Und so verkaufte er seine Firma, gab das Haus auf und zog mit seiner bulgarischen Ehefrau in ein kleines Dorf auf der Balkanhalbinsel. Es war ein raues, aber herzliches Leben. Becker wohnte zusammen mit den Schwiegereltern in einem kleinen Häuschen, arbeitete in der Landwirtschaft und half bei den Hausschlachtungen mit. Doch nach sechs Jahren sehnte er sich nach seiner Heimat. »Bulgarien ist schön und die Menschen sehr nett, es ist aber auch sehr arm. Man kann kaum Geld verdienen.« Als Becker dann erfuhr, dass der Besitzer des Schuhmacherei am Ulenspiegel verstorben war, schlug er zu.

 

»Ordentliche Arbeit wird honoriert«

Dass sein Vorgänger, der Schuhmachermeister Reinhold Wagner, einen guten Ruf hatte und Jahrzehnte lang in der kleinen Seitenstraße gearbeitet hat, wirkt sich auch heute noch positiv aufs Geschäft aus. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Becker nach eigenem Bekunden von seiner Arbeit gut davon leben kann: »Wenn man gutes Material verwendet und ordentliche Arbeit leistet, wird das auch honoriert«, sagt er. Und die Kunden nähmen es auch in Kauf, dass die Reparatur mitunter etwas länger dauere. »Ich bin kein Schnellservice. Ich will nicht, dass der Absatz draußen auf dem Seltersweg direkt wieder abbricht. Ich repariere die Schuhe so, als wären sie meine eigenen.«

Das scheinen die Kunden zu schätzen. Zum Beispiel der junge Mann, der an diesem Vormittag seine Bikerboots zur Reparatur bringt. Noch während Becker ihn berät, betritt eine ältere Dame das Geschäft, ihre Schuhe brauchen neue Absätze.

Der Beruf des Schusters mag vom Aussterben bedroht sein, das Fachwerkhaus aus der Zeit gefallen. Trotzdem hat sich die Schuhmacherei am Ulenspiegel seit Jahrzehnten an diesem Standort gehalten. Andere Geschäftsleute haben längst Fersengeld geben.

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