19. August 2018, 09:00 Uhr

Rente nach 49 Jahren

Schuhe auf Schritt und Tritt

Ihr letztes Paar Schuhe wird Ingrid Zecher wahrscheinlich am heutigen Samstag an den Kunden bringen. Dann geht sie nach exakt 49 Jahren im Schuhhaus Waldschmidt in den Ruhestand.
19. August 2018, 09:00 Uhr
Nach 49 Jahren sagt Ingrid Zecher »Adieu« zum Schuhhaus Waldschmidt und zu »ihrer« Herrenabteilung. (Foto: Schepp)

Mit 14 Jahren haben die meisten Jugendlichen heutzutage noch einige Jahre Schulzeit vor sich. Bei Ingrid Zecher war das anders. Das junge Mädchen aus Oppenrod hat 1969 im Schuhhaus Waldschmidt eine Lehre zur Schuhfachverkäuferin begonnen. Wenn sie am heutigen Samstag verabschiedet wird, hat sie 49 Berufsjahre absolviert und drei der vier Generationen, die seit 1904 in dem Schuhhaus an der Plockstraße das Sagen haben, persönlich erlebt.

»Mir hat das Verkaufen immer Spaß gemacht«, sagt sie zum Abschluss ihrer langen Laufbahn rund um den Schuh. Und auch ihr Chef wird ihr mehr als nur eine Träne nachweinen. »Wir haben sie mehrmals zu überreden versucht, noch ein bisschen länger bei uns zu bleiben«, berichten Geschäftsführer Dirk Wallbott und seine Mutter Helga, die das Schuhhaus bis 2006 geführt hat. Doch nach fast 50 Jahren im Arbeitsleben darf man sich Richtung Ruhestand orientieren, sagt Ingrid Zecher, die viele Pläne für die Zeit danach hat.

In fast 50 Jahren viel erlebt

Zunächst aber berichtet sie von den späten Sechzigern. Damals hätte sie sich ihre Lehrstelle aussuchen können, weil sie noch eine Zusage von einem anderen Gießener Schuhgeschäft hatte. Dass sie sich für Waldschmidt entschied, lag vielleicht auch an ihrem ersten Chef. Karl Waldschmidt, den Vater von Helga Wallbott, beschreibt sie als »akkuraten Vorgesetzten«. Das kam ihrem Naturell entgegen, denn auch die künftige Ruheständlerin wird als »gewissenhaft und genau« charakterisiert. »Auf Frau Zecher kann man sich hundertprozentig verlassen, da stimmt immer alles«, sagt Helga Wallbott. Sie sei sogar einmal auf halbem Weg nach Oppenrod wieder umgekehrt, weil sie nicht sicher war, ob die Ladentür tatsächlich abgeschlossen war.

An ihre Anfangszeit in der Plockstraße kann sie sich gut erinnern. Die Verkaufsräume befanden sich im Erdgeschoss, der bauliche Durchbruch in den ersten Stock war aber schon vollzogen. »Es gab viel zu putzen«, sagt die Fachverkäuferin lächelnd. Der Kundenkontakt hielt sich damals mit 14 Jahren noch in Grenzen, doch das sollte sich schnell ändern. »Ich habe gern mit Menschen zu tun«, lautet ihr simples Erfolgsgeheimnis, und das hat auch die Kundschaft schnell gemerkt. »Sie hat jede Menge Stammkunden, die ihre Schuhe am liebsten bei ihr kaufen«, verrät Dirk Wallbott. Das ging sogar so weit, dass manche, die ein neues Paar Schuhe brauchten, vorher anriefen, um sicherzugehen, dass Ingrid Zecher auch vor Ort anzutreffen ist. »Ach, dann warte ich, bis sie wiederkommt«, lautete regelmäßig die Antwort, wenn sie sich im Urlaub befand.

Herren sind unkomplizierter

Ingrid Zecher

In den Anfangsjahren wurden bei Waldschmidt noch Skistiefel und bis 1983 auch Kinderschuhe verkauft. Für Kinderfüße gab es damals ein Röntgengerät. »Das war der letzte Schrei. Ob die Strahlen gesundheitsgefährdend sein könnten, hat keinen interessiert.« Überhaupt war in den Siebzigern und Achtzigern vieles ganz anders. So wurde der Schuhbestand in der computerlosen Zeit auf Karteikarten geführt. Wurde ein Paar verkauft, dann machte man einen Strich auf dem Kärtchen. Gern erinnert sich Ingrid Zecher auch an das »Ausmustern« auf dem Schiffenberg, wenn die Vertreter der Schuhhersteller mit Koffern voller Schuhe zum Gießener Hausberg reisten, um mit den Schuhgeschäften zu verhandeln, welche Modelle in welcher Stückzahl demnächst im Schaufenster stehen sollen.

»Früher haben Kunden Schuhe gekauft, weil sie welche gebraucht haben, heute sucht man Schuhe, die zum eigenen Lebensstil passen, der Besuch im Laden hat auch etwas mit Emotionen zu tun.« Am wohlsten hat sich Ingrid Zecher in »ihrer« Herrenabteilung gefühlt. »Herren sind beim Schuhkauf unkomplizierter«, schildert sie ihre Erfahrungen. Manche seien unsicher, wollten wissen, welches Paar zu ihrem dunkelblauen Anzug passt. »Die verlassen sich auf eine gute Beratung. Dann bin ich in meinem Element. » Mittlerweile gebe es aber mehr modebewusste Männer, die genau wissen, was sie wollen.

Jetzt geht die Familie vor

Ein Grund, warum Ingrid Zecher sich dafür entschieden hat, den Bitten der Eigentümerfamilie, noch ein wenig länger zu bleiben, nicht gefolgt ist, liegt in ihrer Familie. »Mein Mann ist seit zwei Jahren im Ruhestand. Wir haben noch viele gemeinsame Pläne«, berichtet die Mutter einer Tochter, die außerdem in der Tanzgruppe ihres Heimatortes aktiv ist.

Dem Schuhhaus Waldschmidt will sie weiterhin verbunden bleiben. Schließlich hat Ingrid Zecher auch die fünfte Generation der Eigentümerfamilie bereits kennengelernt. Mit Dirk Wallbotts zweijährigem Sohn Benne hat sie in den vergangenen Wochen gemeinsam den Staubsauger bedient und Präsentationsständer für Schuhe in den Laden geschoben.

Zusatzinfo

Zwei Karten für den BVB-Fan

Ingrid Zecher ist nicht nur Expertin für Schuhe aller Art, sie ist auch Fußballfan. Seit Jahren schlägt ihr Herz für Borussia Dortmund. Live hat sie bisher aber noch kein Spiel ihres BVB gesehen. Das wird sich ändern. Als Überraschungsgeschenk zum Abschied hat sie von der Geschäftsleitung des Schuhhauses Waldschmidt zwei Karten für das Heimspiel der Dortmunder gegen den FC Augsburg am 6. Oktober erhalten.

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