19. April 2019, 17:14 Uhr

Schüleraustausch als Lebensaufgabe

Als Uta Neumann 1977 mit ihrem Mann Hannes nach Gießen kam, lag das vor allem an der Universität und am Basketball. Doch in den vergangenen Jahrzehnten war sie stets mehr als nur die Frau an der Seite des im November verstorbenen Wissenschaftlers. Das liegt auch an dem Jahr, das sie als Jugendliche mit AFS in Florida verbracht hat.
19. April 2019, 17:14 Uhr
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Von Armin Pfannmüller
Uta Neumann mit einem wichtigen Utensil im Hintergrund: Die US-Flagge erinnert an ihren eigenen Schüleraustausch in Florida. (Foto: Schepp)

Wenn Uta Neumann über die Austauschschüler spricht, mit denen sie in den vergangenen Jahrzehnten zu tun hatte, fallen ihr Tausende Geschichten ein: Über die Japanerin, die sich beim ersten Stammtischbesuch im »Alt-Gießen« eine Schweinshaxe bestellt hat und beim Anblick der Portion große Augen machte. Oder über den mexikanischen Jungen, mit dem sie ein ernstes Wörtchen reden musste, weil er die Wäscheberge und andere Hinterlassenschaften, die er bei seiner Gastfamilie produziert hatte, geflissentlich übersah. Oder auch über die Postkarte, die sie viele Jahre nach dem Austauschjahr in Deutschland von einer Amerikanerin erhalten hatte. Die Frau schickte ihr ein Foto ihrer Tochter. Deren Name: Uta.

Die Frau, die vor Kurzem ihren 75. Geburtstag gefeiert hat und seit Jahrzehnten als AFS-Komiteevorsitzende den Austausch von Jugendlichen in mehr als 50 Länder organisiert, kann auch über ihre Erfahrungen mit dem »American Field Service« viel erzählen. Das Jahr als Gastschülerin in Florida hat sie geprägt. Im »Sunshine State« der USA hat sie nicht nur einen »Ersatzpapa« gefunden, sondern auch eine Lebensaufgabe.

Das alles ist fast 60 Jahre her, dennoch kann sich Uta Neumann noch an Kleinigkeiten erinnern. Zum Beispiel daran, dass sie zum »Casting«, bei dem entschieden wurde, ob sie für das Austauschjahr infrage kommt, ein blaues Röckchen mit weißer Bluse trug. »Ich habe damals ein Stipendium bekommen. Sonst hätten wir uns das nicht leisten können.« Ihr Vater war im Krieg als vermisst gemeldet worden und nie nach Hause zurückgekehrt, mit der Mutter wohnte sie in Weimar. Kurz vor dem Mauerbau flohen die beiden in den Westen nach Pforzheim.

An ihre ersten Wochen im sonnigen Florida kann sie sich noch sehr gut erinnern. »Ich dachte eigentlich, dass mein Englisch ganz gut ist, aber ich verstand kein Wort.« Die Menschen in Clearwater sprachen nicht nur sehr schnell, sondern auch so, als ob sie einen Kaugummi im Mund hätten. Und jeder rollte das R. »Ich war völlig hilflos«, erinnert sie sich und trat irgendwann die Flucht nach vorn an. Sie rollte das R und versuchte sich an der Kaugummi-Aussprache – mit Erfolg. In der Schule seien damals »unheimlich viele Freundschaften« entstanden und die Verbindung zur Gastfamilie hat über Jahrzehnte gehalten. »Mein Daddy Chuck hatte ein Reisebüro. Er hat uns immer besucht, wenn er in Europa unterwegs war.« Der Kontakt ist erst vor drei Jahren erloschen, als ihr Gastpapa im Alter von 98 Jahren gestorben ist.

Zu ihrem Jahr in Florida gehörte auch die Bekanntschaft mit Steve Galati, dem Gründer des AFS-Austauschprogramms. »Du musst den American Field Service unbedingt in deinem Heimatland bekannt machen«, gab er der Schülerin mit auf den Weg. Diese Bitte sollte sie beherzigen – allerdings erst viel später. Zunächst stand die Rückkehr nach Deutschland auf dem Programm. Die Überfahrt per Schiff nach Rotterdam dauerte elf Tage. Und ihre Mutter musste zweimal hinschauen, bis sie ihre Tochter wiedererkannte. »Ich hatte in dem Jahr 25 Pfund zugenommen. Ich habe diese entsetzlichen Hamburger geliebt«, sagt Uta Neumann und lacht. Zum Glück war diese Versuchung aus Rindfleisch damals in Deutschland noch nicht verbreitet. »Ich hatte bald wieder mein Normalgewicht.« Und das Abitur, dem sich in Heidelberg eine Ausbildung zur Krankengymnastin anschloss. Dort lernte sie 1965 ihren Mann Hannes kennen. Sie saßen am Lagerfeuer und sprachen Englisch, weil ihr späterer Ehemann gerade von einem Studienjahr an der Cornell University zurückgekehrt war.

Dass sich die beiden mit dem Bezug einer gemeinsamen Wohnung etwas gedulden mussten, lag am »strengen Schwiegervater«. Dessen Bedingung: »Hannes musste zuerst seine Promotion abschließen.« Im November 1966 läuteten die Hochzeitsglocken, und Anfang der 70er Jahre stand der Umzug nach Braunschweig an, wohin der junge Sportwissenschaftler einen Ruf erhalten hatte. 1977 rief nicht nur die Justus-Liebig-Universität, sondern auch der MTV 1846 Gießen. Familie Neumann zog nach Gießen, wo Hannes eine Professur am Sportinstitut antrat und mit den Bundesliga-Basketballern 1978 auf Anhieb Deutscher Meister wurde.

Uta Neumann intensivierte in jener Zeit ihre Aktivitäten bei der Schüleraustausch-Organisation AFS, übernahm in den frühen 80er Jahren den Komiteevorsitz für die Region. Gießen wurde für die Familie zur Heimat. »Wir fühlen uns wohl hier«, sagt die 75-Jährige auch mit Blick auf die Kindheit ihrer Söhne Stephan und Heiko. Da ist es logisch, dass ihr Mann ein Angebot der Ruhr-Universität Bochum ablehnte. »Unser gesamter Freundeskreis lebt hier.« Nicht wenige dieser Freundschaften sind im Zusammenhang mit Schüleraustauschen entstanden. Selbstverständlich weiß sie auch über die Gewohnheiten der jungen Leute aus aller Welt Bescheid. »Am liebsten essen Austauschschüler in Deutschland Döner und Schnitzel«, beschreibt sie die Ernährungsvorlieben.

Insgesamt sei diese ehrenamtliche Aufgabe schwieriger geworden. »Wir mussten früher nie Reklame dafür machen, dass sich jemand bewirbt«, erinnert sie sich an Zeiten, als sich jedes Jahr mehr als zwei Dutzend Schüler für ein Austauschjahr interessierten. Heute seien es zwei oder drei Jugendliche. »Es ging los mit G 8«, macht sie die im Schuljahr 2005/2006 begonnene Schulzeitverkürzung mitverantwortlich. Dass man in Gießen mittlerweile überall wieder 13 Schuljahre Zeit hat bis zum Abitur lässt sie darauf hoffen, »dass es wieder aufwärts geht«. Von mehreren Müttern habe sie gehört, dass die Kinder träge geworden seien, bedauert die Komiteevorsitzende. Nach ihrer Erfahrung werden die Jugendlichen nach einem Jahr in einer anderen Familie reifer und toleranter. »Die Eltern schicken ein Kind weg und ein Erwachsener kommt zurück.« Nachdem sie sich in den vergangenen drei Jahren intensiv um ihren im November verstorbenen Mann gekümmert hat, möchte sie sich wieder mit Einsatz ihrer Aufgabe als AFS-Komiteevorsitzende widmen. »Meine Austauschschüler und meine Gastfamilien liegen mir am Herzen.« Dass sie dafür noch längst nicht zu alt ist, hat sie soeben aus berufenem Munde gehört. Ihr fünfjähriges Enkelkind habe ihr zum Geburtstag ein »Riesenkompliment« gemacht: »Du siehst ja gar nicht so verknittert aus wie die anderen Leute, die so alt sind wie du.« Dazu kann man nur sagen: Kindermund tut Wahrheit kund.



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