26. Oktober 2019, 09:00 Uhr

Schauspielstar

Schmidt-Schaller: »Lesen ist ein Kopfkinofeuerwerk«

Petra Schmidt-Schaller stammt selbst aus einer großen Schauspielerfamilie. Im Interview spricht sie über den Mauerfall, die Spaltung der Gesellschaft und Leidenschaft fürs Lesen.
26. Oktober 2019, 09:00 Uhr
Die Berlinerin Petra Schmidt-Schaller ist 2018 mit der Goldenen Kamera als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden. (Foto: Nadja Klier)

Frau Schmidt-Schaller, Sie haben den Tatort nach Ihrem sechsten Fall im Herbst 2015 verlassen. Andere Schauspieler würden für ein Engagement beim Krimi-Flaggschiff töten. Haben Sie den Entschluss jemals bereut?

Petra Schmidt-Schaller: Nein, das habe ich nicht. Die Tatort-Zeit war eine gute und wichtige Zeit für mich, es war dann aber auch gut weiterzureisen. Es sind doch eher die Sachen, die man nicht macht oder nicht verändert, die man bereut.

War der Tatort für Sie Karriereschub oder -hemmnis?

Schmidt-Schaller: Der Tatort hat mir Aufmerksamkeit gebracht, die über die Zeit, die ich dabei war, angehalten hat. Für mich war das ein Karriereschub.

Sie haben damals gesagt, dass der Tatort Sie und Ihre Familie zerrissen hat und Sie deshalb einen Schlussstrich ziehen.

Schmidt-Schaller: Familie und Freunde sind mir wichtig und der Austausch mit ihnen. Ich merke schnell, wenn ich mich verkrümme und dadurch einen Lebensschmerz empfinde. Ich hatte zu dieser Zeit einige einschlagende Erlebnisse, an denen ich bemerkt habe, dass meine Zeit endlich ist. Ich habe gespürt, dass ich schon gucken muss, wo und wie ich mir diese kurze Reise auf der Erde gestalte. Der Tatort hat nicht mehr gepasst. Ich kann doch nicht ein Kind in die Welt setzen und dann nicht zu Hause sein. Das widerspricht mir. Ich brauche dieses Gleichgewicht zwischen Privatleben und Beruf.

Sie sagen, der Austausch mit anderen Menschen ist Ihnen wichtig. Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf die spürbare Spaltung der Gesellschaft? Ein Dialog ist mancherorts kaum mehr möglich.

Schmidt-Schaller: Ich finde diese Entwicklung schade. Es hängt gerade generell so eine Schwere über allem. Trotzdem gibt es Menschen, die die Kraft haben, in den Dialog zu gehen und sich nicht von den ganzen Problemen überwältigen lassen. Das bewundere ich, denn wenn wir aufhören, im Dialog zu sein, wird es schwer werden, Missstände zu beheben. Viele Menschen fühlen sich benachteiligt, und das in einem Land, das so viele Vorzüge hat. Wir müssen genau hingucken und uns fragen, wo dieses Gefühl herkommt. Mit Polemik kommen wir nicht weit. Und auch nicht mit einer Partei, die schnelle und einfache Lösungen verspricht. Wenn ich mit Sympathisanten der AfD ins Gespräch komme, versuche ich, das klarzustellen.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die sich abgehängt fühlen?

Schmidt-Schaller: Ich kann nicht sagen, dass ich generelles Verständnis dafür hätte. Aber ich versuche dennoch, auf deren Empfindungen einzugehen, wenn ich mit ihnen in Kontakt komme.

Sie sind in der DDR geboren und aufgewachsen. Als die Mauer fiel, waren Sie neun Jahre alt. Spüren Sie 30 Jahre später immer noch die Spaltung Ost und West?

Schmidt-Schaller: In Teilen schon. Es kommt auf die Generation an. Ich finde, dass sich ein Großteil der jüngeren Generation auf dem neuen Terrain wohlfühlt, es belebt und das Potenzial ausschöpft. Bei den Älteren ist das anders. Da gibt es viele, die sich immer noch benachteiligt fühlen. Viele hatten mit der Wende große Hoffnungen verbunden und mussten dann erkennen, dass es auch im neuen System viele Dinge gibt, die problembeladen sind. Das war eine Enttäuschung.

Wie blicken Sie auf die DDR?

Schmidt-Schaller: Diese Frage kann ich nur mit meinen Kinderaugen von damals beantworten. Für mich war es total schön. Ich weiß aber, dass ich als Erwachsene ganz anders darüber denken würde. Astrid Lindgren hat in Ronja Räubertochter so schön beschrieben, wie die Prinzessin erkennt, dass ihre Burg nicht alles ist, dass es eine Welt außerhalb gibt. So ging es mir auch. Ich habe als Kind nichts vermisst. Meine Eltern haben im Erzgebirge gewohnt, im Sommer waren wir an der Ostsee, sonst in Berlin. Das war wunderbar. Erst viel später habe ich begriffen, welches Privileg es ist, Grundrechte zu haben, seine Meinung sagen zu können und reisen zu dürfen. Wir müssen für diese Rechte kämpfen. Das System der DDR hätte mich krank gemacht, aber auch beim heutigen System habe ich große Fragezeichen.

Welche?

Schmidt-Schaller: Ich habe das Gefühl, dass unsere soziale Marktwirtschaft nicht mehr richtig greift. Es kommt ein rauer Ton auf. Ich glaube, der Schlüssel zu einem besseren Miteinander wäre, sich nicht mehr so zu überfrachten. Wir sind doch alle dauergereizt. Das wirkt sich auf den Umgang miteinander aus. Es hört sich zu einfach an, aber es wäre schon hilfreich, dass man, wenn wir in Interaktion miteinander treten, beim Bäcker, in der Familie oder in der Bahn, respektieren würden, dass wir alle ein Teil dieser Welt sind. Wir müssen uns nicht anrempeln, sondern können anderen auch mal den Vortritt lassen. Erst gestern bin ich beim Aussteigen im Zug zwischen Tür und Gleis irgendwo hängengeblieben. Dem Mann hinter mir war das völlig egal, er hat sich einfach an mir vorbei gedrängelt.

Wie erklären Sie sich das?

Schmidt-Schaller: Ich denke, er hat das gar nicht wahrgenommen. Es war spät, er wollte nach Hause, der Zug hatte Verspätung. Das Leben ist für alle so hektisch geworden. Wir haben zwar technische Helfer, die es erleichtern, aber die freigewordene Zeit stopfen wir gleich wieder mit anderen Dingen voll, statt einfach mal eine halbe Stunde lang nichts zu machen. Wir können uns ja nicht mal selbst spüren, wie sollen wir da andere spüren. Wer sich selbst keine Aufmerksamkeit zuteil werden lässt, kann den anderen auch keine geben. Dadurch kommt eine Rohheit in die Gesellschaft, die sich dann auch in politischen Entscheidungen widerspiegelt.

Was können wir tun?

Schmidt-Schaller: Wenn man sich in der S-Bahn gegenübersitzt, einfach mal anlächeln und Guten Morgen sagen. Ich finde, das kann einen Tag verändern.

Mit dem Mauerfall hat sich auch Ihr Leben verändert. Ihr Russisch-Lehrer in der Schule musste von einem auf den anderen Tag plötzlich Englisch unterrichten.

Schmidt-Schaller (lacht): Ja, das war so. Rückblickend ging alles so wahnsinnig rasant. Wir haben in Prenzlauer Berg gelebt, wenn ich heute davon erzähle, denken alle, ich spreche von der Nachkriegszeit, es war aber die Vorwendezeit. Nicht sanierte Häuser, Einschusslöcher in den Hauswänden, Toiletten auf der Treppe. Wir konnten kilometerweit über Dächer laufen. Zehn Jahre später waren 80 Prozent der Häuser saniert. Meine Mutter hat immer gesagt: Stell dir vor, die verkaufen eine Wohnung für 20 000 DM. Das war damals unvorstellbar viel Geld. Innerhalb zehn Jahre war mein Zuhause verschwunden. Die Gentrifizierung in Kreuzberg habe ich später miterlebt, das ging viel langsamer. Ich muss die 90er jedenfalls nicht zurück haben. Es waren wahnsinnig viele Umwälzungen, die ich mitgemacht habe. Meine Eltern haben sich getrennt. Es ging alles Schlag auf Schlag. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Berliner aus dem Westen viel mehr Selbstbewusstsein hatten. Die konnten viel einfacher sagen, was sie wollten und dachten. Ich hatte damit Probleme. Wir wurden in der DDR zum Wir erzogen. Das Gleichgewicht zwischen Ich und Wir hat bei mir nicht gestimmt, bis ich Mitte 20 war.

Was reizt Sie am Lesen?

Schmidt-Schaller: Der Reiz ist, dass ich dem Geschriebenen eine Stimme verleihen darf und dass für jeden Zuhörer so eine eigene Welt entsteht. Das liebe ich. Auch für mich entsteht beim Vorlesen eine Welt. Lesen ist ein Kopfkinofeuerwerk. Ich lese wahnsinnig gerne. Es ist eine der schönsten Sachen überhaupt, auch weil ich dabei merke, dass ich Zeit hatte, in eine andere Welt einzutauchen.

Zur Person

Petra Schmidt-Schaller, 1980 geboren, stammt aus einer Schauspielerfamilie und ist nach ihrem Schauspielstudium und ersten Arbeiten am Theater seit 2006 freischaffend tätig. Neben Auftritten in Kinofilmen wie »Ein fliehendes Pferd«, »Almanya - Willkommen in Deutschland« und »Sommer in Orange« ist sie vor allem durch zahlreiche Hauptrollen in Fernsehfilmen bekannt. Von 2013 bis 2015 trat sie als Ermittlerin Katharina Lorenz in sechs Tatort-Folgen des NDR auf. 2018 wurde sie mit der Goldenen Kamera als beste deutsche Schauspielerin ausgezeichnet. Zuletzt war sie in der ARD im Fernsehfilm »Wendezeit« zu sehen. Dort spielte sie eine Doppelagentin, die durch den Zusammenbruch der DDR in Bedrängnis geriet. Petra Schmidt-Schaller ist mit Schauspieler Thomas Fränzel verheiratet und hat mit ihm eine Tochter. Sie lebt in Berlin. An diesem Samstagabend liest Petra Schmidt-Schaller beim Herrenausstatter Köhler aus dem Thriller »Woman in Cabin 10«. Die Lesung ist ausverkauft.

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