21. März 2008, 19:26 Uhr

Schmerz wiegt schwerer als Verlust des Geldes

Gießen (kw). »Ich habe den ganzen Tag geweint, nachdem ich den aufgerissenen Brief mit der Handschrift meiner verstorbenen Schwester bekommen hatte.« Den Tränen nah waren einige Anrufer, die nach dem Aufruf der AZ von ihren Erlebnissen mit verspätet erhaltener Post erzählten. Rund zwei Dutzend Leser meldeten sich.
21. März 2008, 19:26 Uhr
Einige Spenden für das »Schlammbeiser«-Denkmal hat die Zustellerin erbeutet, musste Initiator Axel Pfeffer jetzt bei der Durchsicht seiner verspätet gelieferten Post feststellen. (Foto: Schepp)

Die Opfer der Zustellerin, die zwischen 1993 und 2007 rund 29000 Briefe unterschlagen hat, berichteten häufig von ihrer Trauer oder Empörung beim Öffnen der Sendungen. Alle Briefe wurden in der Wohnung der Täterin gefunden und gehen jetzt mit Begleitschreiben bei den Empfängern ein. Allerdings fehlt das Geld, das in vielen Umschlägen war: Tausende von Euro müssen das wohl gewesen sein. Viele AZ-Leser stellten die Frage, warum die Post die Diebin nicht früher gefasst hat.

Aus allen Bereichen der Gießener Kernstadt, einige Male auch aus den Stadtteilen oder aus Linden kamen die Berichte der AZ-Leser. Viele von ihnen hatten über Tage immer wieder Umschläge mit wiedergefundener Post erhalten. Die Briefe, in denen die Diebin Geld vermutete, waren in der Regel ein wenig dicker als andere - und das heißt: Einladungen, Fotos, Dokumente, Beileids- und Glückwunschkarten kamen nicht an. Gerade mit solchen Schreiben sind oft besondere Gefühle verbunden. Viele Opfer empfinden schmerzlich die Verletzung ihrer Privatsphäre. Bei einigen riss die späte Zustellung nun alte Wunden auf. Einige berichten von Verstimmung mit Freunden oder Bekannten, weil Schreiben nicht ankamen. Weh tat manchen Empfängern auch, wie »brutal« oder »gierig« ihre Briefe geöffnet waren. Tatsächlich muss die Täterin manchmal Dutzende von Umschlägen nach Geld durchsucht haben: Die Frau hat laut Staatsanwaltschaft 23000 der Schreiben in den letzten fünf Jahren ihrer Tätigkeit für die Post entwendet, und zwar an verschiedenen Tagen unterschiedlich viele.

»Alles kam wieder hoch«:Für Elfriede Gerbig war es schlimm, eine Karte ihrer Schwester in den Händen zu halten. Die Absenderin lag 2006 im Sterben und wollte sich mit einem 50-Euro-Schein bei Elfriede Gerbigs Enkel bedanken: Er hatte der Großtante eine Bibel ins Krankenhaus geschickt. Die Kranke hatte seine Adresse nicht zur Hand und schickte das Geld an ihre Schwester am Anger im Ostviertel. »Jeden Tag fragte sie: Ist der Brief angekommen? Und immer musste ich ihr sagen: Nein. Das war das Schlimme - nicht, dass das Geld weg war«, erklärt die 74-Jährige. Es sei ihr sehr nahe gegangen, jetzt den Gruß an den Enkel zu sehen, den die Schwester »mit letzter Kraft« geschrieben hatte.

Vor anderthalb Jahren ist Renate Oswalds Schwiegertochter gestorben. Die Familie war damals befremdet darüber, dass einige der besten Freunde scheinbar nicht ihr Beileid ausgedrückt hatten. Jetzt kamen die Karten an und rissen die Gefühle der Trauer wieder auf. »An dem Tag waren wir wieder ganz unten«, so die Wieseckerin. Ihr tue weh, dass sie den Freunden der Tochter damals in Gedanken unrecht getan habe. Die Täterin habe nicht nur Geld gestohlen, sondern vor allem »Menschen weh getan«, betont Renate Oswald: »Ich hoffe, dass sie richtig bestraft wird.«

»Ein bedrückendes Gefühl« war es für eine 86-Jährige, Briefe von fünf mittlerweile Verstorbenen in den Händen zu halten. Insgesamt 34 Sendungen, abgeschickt zwischen 2000 und 2006, hat die Innenstadt-Bewohnerin in den letzten Tagen erhalten. Darunter ist eine Einladung gleich doppelt, nämlich die zum 80. Geburtstag der besten Freundin: Nachdem die erste nicht angekommen war, wurde eine Kopie hinterhergesandt - auch die fischte die Postbotin heraus. Dass beides nicht ankam, habe damals für etwas Zwist zwischen den Freundinnen gesorgt, berichtet die langjährige AZ-Abonnentin. In einem Umschlag befanden sich Fotos, die 2001 beim 80. Geburtstag der Empfängerin entstanden sind; zu sehen sind darauf auch einige Verwandte und Freunde, die nicht mehr leben. Hinzu kam viel Post von der Enkelin und zwei Urenkeln aus Berlin, oft angereichert mit »Gemälden« und geschmückt mit Aufklebern. Der 86-Jährigen ist nicht wohl beim Gedanken, dass all dies in fremde Hände geraten ist: »Beschämend, dass jemand so etwas tut.«

Ein gutes Dutzend Briefe hat Axel Pfeffer mit vier bis fünf Jahren Verspätung erhalten. Neben Glückwünschen zum 60. Geburtstag waren es vor allem Spenden für das »Schlammbeiser«-Denkmal. Mindestens 140 Euro in Zehn- oder Zwanzig-Euro-Scheinen hätten sich in den Briefen befunden, hat der Schlossermeister mittlerweile herausbekommen. Die meisten Zuwendungen immerhin kamen - wenn auch vielleicht nicht per Post - bei dem Innenstadt-Bewohner an: Bekanntlich wurde die Bronzeskulptur vor gut zwei Jahren am Kirchenplatz enthüllt, die 42000 Euro Kosten waren ausschließlich aus Spenden bezahlt worden.

Wie viel Geld die Frau aus Umschlägen holte, weiß zwar keiner. Mitunter dürfte sie aber stattliche Summen gefunden haben. Eine Gießenerin berichtet, sie habe im vergangenen Jahr 1000 Euro nie erhalten, die ihr Schwiegervater ihr für die Pflege des Grabs seines Sohnes geschickt habe. Den Verlust des Einschreibens habe die Familie zunächst bei der Post gemeldet, dort habe man sich aber anscheinend nicht richtig darum gekümmert. Die anschließende Anzeige bei der Polizei habe keinen Erfolg gehabt - bis jetzt. Das Geld sei natürlich weg. Man hätte es ja auch nie so in bar verschicken dürfen, weiß die Frau aus dem Gießener Musikerviertel. »Aber dem alten Mann schien das der einfachste Weg zu sein.« Sie habe erst davon erfahren, als der Brief schon unterwegs war.

Die Unterschlagung habe sie »beinahe eine Freundschaft gekostet«, schreibt Marianne Christine Dieterich: Eine Freundin aus Italien hatte per Post die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes geschickt, dazu ein Bild. Sie war enttäuscht, als die Gießenerin darauf nicht reagierte. Andere Beziehungen kamen erst gar nicht zustande. Manche Antwort auf Bekanntschaftsanzeigen in der Zeitung landeten nicht beim Partnersuchenden, sondern bei der Zustellerin.

Schmunzeln über »Eierschecke«-Rezept

Einige Empfänger mussten auch schmunzeln beim Anblick der jahrealten Briefe - etwa über ein Bild des damals neugeborenen Enkelchens, das jetzt schon in die Schule geht. Endlich »Eierschecke« backen können die Reisenden, die vor knapp sechs Jahren einen Busausflug nach Dresden gemacht hatten. Sie habe die Stadtführerin damals um das Rezept für die sächsiche Spezialität gebeten, erzählt Renate Braun. »Hinterher haben mich die anderen Frauen gefragt, ob ich es weitergebe. Wir dachten dann, sie hätte es vergessen« - doch jetzt ist das Kuchenrezept in der Marburger Straße eingetroffen.

Es meldeten sich auch einige Leser, die in den vergangenen Jahren ebenfalls Post vermisst, nun aber keine Briefe bekommen haben. Sie alle gehören wohl nicht zu den Opfern der Zustellerin, denn nach Einschätzung der Experten hatte sie sämtliche unterschlagenen Briefe aufbewahrt.

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