11. April 2019, 21:31 Uhr

Schlammschlacht bleibt aus

Viele hatten die große Abrechnung erwartet. Bei der Jahreshauptversammlung des Alpenvereins spielte der Untreueverdacht gegen den Ex-Vorsitzenden Gunnar Theiß aber keine Rolle.
11. April 2019, 21:31 Uhr
Erfreuliche Nutzerzahlen verzeichnet die Kletterhalle des Alpenvereins. (Foto: pv)

Die Jahreshauptversammlung des Alpenvereins lief am Mittwochabend bereits 20 Minuten, als Vorsitzender Ulrich Schlör aus den Fenstern des Versammlungsraums blickte und lächelnd ankündigte: »Da kommt noch ein Gast.« Eine Minute später betraten Ex-Vorsitzender Gunnar Theiß und seine Ehefrau Alexandra Balzer-Theiß, einst Schatzmeisterin der Sektion, den mit rund 80 Mitgliedern gefüllten Raum und nahmen im hinteren Bereich Platz. Der Auftakt zu einer turbulenten Sitzung war das aber nicht. Die Schlammschlacht, die viele befürchtet hatten, blieb aus. In den gut vier Stunden waren weder der Untreueverdacht des amtierenden Vorstands gegen Theiß noch dessen teilweise ehrenrührige Unterstellungen gegen seinen Nachfolger Schlör ein Thema. Wie am Dienstag berichtet, haben beide Seiten angekündigt, bei der Staatsanwaltschaft Gießen Strafanzeige zu stellen.

Nur für einen kurzen Moment schien die Stimmung zu kippen, als Theiß ein in seiner Nähe sitzendes Vorstandsmitglied unflätig beschimpfte. Nach diesem Ausraster beließ es der Ex- Vorsitzende bei Sticheleien gegen den neuen Vorstand und dessen anwesenden Rechtsanwalt, bei Nachfragen zur Finanzlage der Sektion und vereinsrechtlichen Hinweisen, denen Schlör und die Versammlung teilweise sogar folgten.

Kletterhalle aus roten Zahlen

Schlör, der die Sektion seit der Abwahl von Theiß im Herbst 2017 führt, sprach in seinem Jahresbericht für 2018 von einem »nervenaufreibenden Jahr«, in dem der neue Vorstand mit der ganzen Wucht der Finanzprobleme konfrontiert worden sei. »Wir wussten, dass es schwierig wird, aber dass die Lage so dramatisch ist, wussten wir nicht«, sagte Schlör. Letztlich habe eine Insolvenz aber abgewendet werden können, weil der Bundesverband des DAV als Darlehensgeber für die Sparkasse eingesprungen sei. Die Sektion Gießen-Oberhessen drücken nach wie vor Verbindlichkeiten in Höhe von fast zwei Millionen Euro, die aus dem Bau der Kletterhalle an der Rödgener Straße resultieren. Neue Kredite würden nicht aufgenommen, der Schuldenabbau habe begonnen, erklärte Schlör auf Nachfrage von Theiß.

Beim laufenden Betrieb steht für 2018 unterm Strich ein Defizit in Höhe von 218 000 Euro, eingeplant war laut Schatzmeisterin Gabi Nicolai ein Minus von 242 000 Euro, in diesem Jahr will der Verein nur noch mit rund 90 000 Euro im Soll stehen. Eine Lücke, die Schlör durch Mitgliederzuwachs, mehr Spenden, mehr Sponsoren und nicht zuletzt mehr Einnahmen aus dem Betrieb des Kletterzentrums schließen will. Denn die einst »hoch defizitäre Halle« (Schlör) brummt unter Betriebsleiterin Maren Becker mittlerweile. Als sie den Betrieb im Juni 2018 übernommen habe, seien im Monat nur knapp 650 Leute zum Klettern gekommen, gegen Jahresende über 2000, berichtete Becker. Seit November arbeite die Halle nicht mehr defizitär, fügte sie unter dem Beifall der Mitglieder hinzu. Die professionelle Leitung der Halle und die bessere Stimmung im Verein haben auch zu einem Mitgliederaufschwung geführt: Ihre Zahl stieg vom Tiefpunkt 2017 mit 2188 auf nunmehr über 2400 an.

Im Mittelpunkt der Wahlen stand die Wiedderbesetzung des Postens des 2. und die erstmalige Wahl eines 3. Vorsitzenden. Mit großer Mehrheit gewählt wurden Ute Wächter-Pahl und Klaus Ehrgart.

Vorher war es zwischen einer kleinen Gruppe um Theiß und Schlör zu einem Disput über eine Satzungsänderung gekommen, mit der die Stellung des geschäftsführenden Vorstands gestärkt werden soll. Theiß sah darin eine »Selbstentmannung« der Beisitzer und sprach von einer »Fast-Diktaktur« durch den geschäftsführenden Vorstand. Aber auch diese Satzungsänderung wurde mit großer Mehrheit befürwortet.

Als unter dem Tagesordnungspunkt 15 der Vorstand fürs Geschäftsjahr 2018 – mit der Stimme von Theiß – entlastet wurde, lag noch einmal Spannung in der Luft. Denn Schlör beantragte danach eine Teilentlastung des Vorstands für 2017, nahm dabei aber unter anderem seinen Vorgänger und dessen Ehefrau, die damals Schatzmeistzerin war, aus. Theiß intervenierte zwar, eine Teilentlastung sei nicht möglich, äußerte sich aber nicht weiter.

Hintergrund: Der neue Vorstand verdächtigt Theiß, seine privaten Ausgaben bis ins Jahr 2017 hinein auf Kosten des Vereins finanziert zu haben. Theiß weist diesen Vorwurf als Verleumdung zurück.

(Bericht über Ehrungen folgt)

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