21. Oktober 2019, 22:26 Uhr

Schlagzeilen mit Mord und Musik

In der Versandhalle der Gießener Allgemeinen Zeitung rattern jeden Abend die Bänder der Druckanlage mit lautem Getöse. Doch nicht zur Krimifestivalzeit. Und wenn dann auch noch Geigerin Natasha Korsakova im Verlagshaus aus ihrem neuen Krimi liest und zusätzlich ihr kostbares Instrument erklingen lässt, dann wird der Abend ganz außergewöhnlich.
21. Oktober 2019, 22:26 Uhr
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Von Karola Schepp
Nicht nur mit ihrem neuesten Kriminalroman, sondern auch mit ihrem virtuosen Geigenspiel erobert Natasha Korsakova die Herzen des Publikums in der Versandhalle der Gießener Allgemeinen Zeitung. (Foto: Schepp)

Mit Musik kennt sich Natasha Korsakova aus. Als Geigenvirtuosin ist sie in den Konzertsälen der Welt zu Gast. Sie entstammt einer ruhmreichen Musikerdynastie, besticht durch ein umfangreiches Repertoire und wird für ihr ausdrucksstarkes Spiel mit Preisen überhäuft. Doch neben der Musik hat die 46-Jährige seit Kindertagen noch eine weitere Leidenschaft: das Schreiben. Was also liegt näher, als beide Passionen miteinander zu verbinden? Und so hat Korsakova soeben mit »Römisches Finale« bereits ihren zweiten Kriminalroman veröffentlicht.

Genie mit Doppelleben

Mit ihrem Debütkrimi »Tödliche Serenade«, in dem eine Musikagentin getötet wird, war die quirlig-charismatische Geigerin bereits im vergangenen Jahr beim Gießener Krimifestival zu Gast und hatte eindrucksvoll bewiesen, dass sie auf Geigensaiten und Buchseiten gleichermaßen virtuos agieren kann. Nun präsentierte sie am Montagabend in der ausverkauften Versandhalle der Gießener Allgemeinen Zeitung zum ersten Mal ihr druckfrisches zweites Buch »Römisches Finale« mit dem italienischen Ermittler Commissario Di Bernardo als Hauptfigur.

Und auch diese Kriminalgeschichte spielt in der Musikerszene. In »Römisches Finale« wird Starpianist Emile Gallois nach einem Konzert erschossen aufgefunden. Commissario Di Bernardo wird zum Tatort gerufen und befragt gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Ispettore Del Pino Freunde und Bekannte des Toten. Aber die Dinge sind kompliziert und vielleicht hat bei dem Mord an dem ein Doppelleben führenden Genie sogar die Mafia ihre Hände im Spiel. Schließlich explodiert kurz nach der Tat vor dem Konzerthaus ein Auto in typischer ’Ndrangheta-Manier.

Doch von alldem erfuhren die Besucher der Krimilesung eher am Rande, denn Natasha Korsakova trug - mit charmantem russischem Akzent - eher wenig verräterische Passagen vor. Sie erzählte von Mafia-Tauf-ritualen und nutzte die Gelegenheit, den mit leichtem Übergewicht kämpfenden Comissario und seinen etwas nassforschen Polizeihelfer treffend zu charakterisieren.

Die ungewöhnliche Doppelrolle Korsakovas als Musikerin und Schriftstellerin war für Redakteur Manfred Merz, der den Krimifestival-Abend in der Versandhalle moderierte, natürlich eine Steilvorlage für das obligatorische Gespräch mit der Autorin. Warum in ihren Büchern immer ausgerechnet musik-affine Menschen sterben müssten, wollte er wissen. »Vielleicht weil sie sich nicht wehren«, scherzte Korsakova und ließ durchblicken, dass das Musikgeschäft durchaus auch seine negativen Seiten haben kann. Zu »Römisches Finale« hätten sie aber auch die Mafiamorde 2007 in Duisburg und eine Konzertreise ins kalabrische San Luca kurz danach inspiriert, plauderte die Autorin weiter aus dem Nähkästchen.

Natürlich dürften Kostproben von Natasha Korsakovas exzellenter Geigenkunst auch an diesem eher der kriminalistischen Spannung gewidmeten Abend nicht fehlen. Dass eine Versandhalle dafür nicht eben den optimalen akustischen Rahmen bietet, war klar. Aber Korsakova gelang es dennoch, mit ihrem Spiel auf ihrem 150 Jahre alten und rund 400 000 Euro teuren Instrument zu überzeugen. Ausgewählt hatte sie Stücke, die allesamt in ihren beiden Kriminalromanen eine Rolle spielen: die barocke Chaconne von Tomaso Vitali, das Largo aus der C-Dur-Sonate von Johann Sebastian Bach, ein von ihr selbst komponiertes und von Astor Piazzolla inspiriertes Tango-Medley und das zarte Stück »Aurora« von Eugène Ysaÿe. Und auf besonderen Wunsch von Krimifestivalorganisator Uwe Lischper erklang als Zugabe sogar noch »Hey Jude« von den Beatles, bevor Chefredakteur und MDV-Geschäftsführer Dr. Max Rempel die Gäste der Lesung nicht nur zu italienischen Köstlichkeiten und Wein, sondern auch zu einer Führung durch das Verlagshaus einlud.



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