26. September 2019, 22:11 Uhr

Sakrale Demut in Fertigbauweise

26. September 2019, 22:11 Uhr
Auch der Marburger Matthias Ludwig kann der Gießener Pankratiuskapelle einiges abgewinnen. (Foto: csk)

Kirchen sind Orte doppelter Spannung. Davon war Otto Bartning überzeugt. Die architektonische Spannung eines Raumes treffe in ihnen auf die liturgische des Gottesdienstes, meinte der 1883 geborene Architekt, der nach dem Zweiten Weltkrieg u.a. die Gießener Pankratiuskapelle als Notkirche entwarf. Diese Geschichte allein wäre schon spannend genug. Aber Dr. Matthias Ludwig vom Marburger Institut für Kirchenbau legte am Mittwochabend im »Forum Pankratius« noch eine Schippe drauf. Sein Vortrag »Aus der Not entwickelt…« zeigte die vor 70 Jahren eingeweihte Lieblingskirche vieler Gießener gleichsam als Gebäude gewordene Form der Dreifaltigkeit: So lässt sich in ihr mit etwas Hintergrundwissen ein typischer Sakralbau der Nachkriegszeit sehen, ein Kunstwerk mit philosophischem Anspruch und außerdem eine Mahnung zur Bescheidenheit.

Konstruiert aus Holzbalken, Trümmersteinen und Stahl seien die 43 in Deutschland errichteten »Notkirchen« von Bartning zugleich als »Zeichen der Not« und »Mahnung zur Demut« gedacht gewesen. »Er wollte einen Aufbruch in der Wüste der Trümmer symbolisieren«, erklärte der Experte. Unmittelbar nach Kriegsende konnte der Neustart selbstredend nur bescheiden ausfallen. Der außerhalb kleiner Fachkreise heute fast vergessene Architekt machte aus der Not kurzerhand eine Tugend - und entwickelte so etwas wie eine sakrale Serienproduktion mit Fertigbauteilen.

Ausführlich schilderte Ludwig den Weg Bartnings vom Studienabbrecher zum Professor und Direktor der Staatlichen Bauhochschule Weimar. Demnach verantwortete der Erfinder auch zahlreiche Profanbauten. Er experimentierte mit allen möglichen Stilrichtungen, etwa mit Expressionismus und Neuer Sachlichkeit, mit Bauhausideen und einer funktionalen Architektur im Gewand der Montage. Seine »Stahlkirche« sorgte 1928 auf der internationalen Presseausstellung in Köln für Aufsehen, das wahrhaft avantgardistische Modell einer siebeneckigen »Sternkirche« inspirierte seit 1922 auf dem Papier zwar viele Kollegen, wurde aber in der Realität nie umgesetzt.

Über das Beispiel des sternförmigen Gotteshauses kam Ludwig zu Bartnings Philosophie. Prinzipiell habe er die Bänke um den Altar herum anordnen wollen. Schließlich gehörten räumliche und liturgische Spannung zusammen - und der Geistliche als liturgischer Ankerpunkt mitten hinein ins bauliche Zentrum. Die »Sternkirche« ermöglichte exakt diese Aufteilung. Mit einem gravierenden Schönheitsfehler: Priester hätten hier stets Gläubige im Rücken gehabt. Also verlegte der Architekt den Altarraum, wie bei der Pankratiuskapelle, zentral in den hinteren Teil der Kirche.

»Das war nicht das, was Bartning eigentlich programmatisch wollte«, sagte Ludwig. Schriftlich formulierte der 1883 geborene Theoretiker die meisten Gedanken erst im hohen Alter, nachdem er zwischen 1907 und 1913 bereits 18 Kirchen entworfen, dann lange zur Architektenelite gehört und während der NS-Herrschaft kaum noch Aufträge erhalten hatte. Die »Notkirchen«, deren Typ A nur zweimal, Typ B dafür 41 Mal gebaut wurde, verhalfen ihm spät noch zu einigem Ruhm. Die seit sieben Jahrzehnten fast unveränderte Pankratiuskapelle sei bis heute »ein eindrucksvolles, wertvolles und authentisches Zeugnis des bescheidenen Wiederaufbaus«, sagte Ludwig. Wie sehr Bartning das Sakrale in Fleisch und Blut übergegangen war, offenbarte er Ende Oktober 1948. Als »Zelt in der Wüste« nach biblischem Vorbild gäben seine Bauten den Gemeinden eine »neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not«, verkündete er zur Einweihung der Pforzheimer Auferstehungskirche, der ersten »Notkirche« überhaupt. Die Architektur mahnte fortan zur Demut - der Architekt predigte in großen Worten.

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