17. Januar 2019, 11:00 Uhr

Schöpferische Pause

Sabbatical: Ein Erfahrungsbericht

Das moderne Sabbatical ist ein Arbeitszeitmodell mit dem Ziel des Auftankens. Warum es viel mehr ist als ein langer Urlaub, verrät Pfarrer Klaus Weißgerber.
17. Januar 2019, 11:00 Uhr
Zu Hause in der Pankratiuskapelle. Foto: Friedrich

Arbeit

In unserer Serie »Arbeit - Zwischen Last und Lust« fragen wir Gießener nach ihren Erfahrungen unter verschiedenen Blickwinkeln.

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Sich vom Wasser tragen lassen, den Blick in die Abendsonne richten. Ein wunderbarer Abschluss eines heißen Sommertages in Südfrankreich. Was sich anhört wie eine schöne Urlaubserinnerung, ist auch eine – und gleichzeitig waren die Bäder im Fluss viel mehr. Gebet, Zwiesprache mit Gott, Innehalten, Besinnung auf das Wasser als reinigendes Element und Ursprung allen Lebens. Klaus Weißgerber war sich der Symbolkraft dieses Eintauchens in jeder Sekunde bewusst. Für einen Pfarrer natürlich nahe liegend, aber diese spirituellen Erfahrungen bringen ganz gut auf den Punkt, worum es dem Theologen ging in seiner Auszeit fern der mittelhessischen Heimat.

Mit 60 Jahren, so befand er, ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme und für einen Ausblick. Wie soll mein Leben weitergehen, was ist wichtig, was soll bleiben, was will ich ändern? In knapp drei Jahren will er in den vorzeitigen Ruhestand gehen, auch seine Frau Eva wird ihre Berufstätigkeit beenden. Beide lieben ihre Arbeit und finden dennoch, dass es dann genug ist. Die beiden Töchter sind erwachsen und stehen auf eigenen Füßen, das erste Enkelkind ist geboren. Ein großes Glück, ein Geschenk.

 

Alle zehn Jahre möglich

Auf der anderen Seite: Die Eltern sind alt und bedürfen der Zuwendung, irgendwann werden sie nicht mehr da sein. Die eigene Endlichkeit rückt näher. Krankheits- und Todesfälle im Freundes- und Bekanntenkreis machen betroffen. Dass ihm als Pfarrer Abschied, Tod und Sterben vertraut sind, hilft da nicht immer weiter. Also packte Weißgerber im Sommer 2018 seinen Koffer und verabschiedete sich für drei Monate vom Job. Für ihn war es das dritte Mal. Er hat es mit 40 getan, mit 50 und nun mit 60. Und immer hat nicht nur er davon profitiert, sondern das haben auch die Menschen, für die er als Seelsorger da ist und die sich ihm anvertrauen.

Innehalten, zur Ruhe kommen, nachdenken. Die intensiven Momente in der Natur wirken lange nach

Klaus Weißgerber, Pfarrer

Das ist auch einer der Gründe, warum die evangelische Kirche ihren Geistlichen eine bezahlte Studienzeit gewährt. Die schöpferische Pause von drei Monaten Dauer kann alle zehn Jahre beantragt werden. Sie dient dazu, »die bisherige Praxis zu reflektieren, eigenes Wissen zu vertiefen und Anregungen für die künftige Arbeit zu gewinnen«. Da Pfarrer in ihren Gemeinden sehr beansprucht werden und viele Arbeitsstunden zusammenkommen, nehmen viele Seelsorger die Auszeit mittlerweile gerne in Anspruch, berichtet Matthias Hartmann, der für die Öffentlichkeitsarbeit des Dekanats zuständig ist. Da im Kollegenkreis die Vorzüge dieser Pause erkannt werden, klappt auch die gegenseitige Vertretung – um die sich die Pfarrer selbst kümmern – recht gut. Insgesamt haben in der EKHN in den letzten zehn Jahren 706 Geistliche die Studienzeit beantragt, das sind über 40 Prozent.

Vom Arbeitgeber finanzierte Auszeiten sind in Gießen die Ausnahme, in den meisten Firmen und karitativen Einrichtungen gibt es einer kleinen Umfrage zufolge weder Nachfrage noch Angebote. Was es durchaus gibt, sind individuell ausgehandelte längere Urlaube, in denen der Arbeitnehmer auf Lohn verzichtet oder Überstunden auf einem Zeitkonto angespart. Für Professoren der JLU gibt es gesetzlich regulierte Verfahren für Forschungssemester, die »research sabbaticals«. Sie dienen aber nicht der Freistellung von allen Dienstaufgaben, sondern der Freistellung von Lehr- und Prüfungsaufgaben zum Zwecke der Konzentration auf Forschung.

 

Regelungen im Ausland

In Dänemark fördert der Staat Arbeitsunterbrechungen für Sabbatical-Zeiten finanziell. Die freigewordenen Stellen werden im Idealfall von Langzeitarbeitslosen bis zur Rückkehr des Urlaubers ausgefüllt. Diesen wird so der berufliche Wiedereinstieg erleichtert. Auch die Niederlande und Finnland haben ähnliche Programme eingeführt.

Klaus Weißgerber möchte die Erfahrungen, die ihm die beruflichen Auszeiten ermöglicht haben, nicht missen. Beim ersten Mal war es die Auseinandersetzung mit dem französischen Protestantismus, die den Blick schärfte für geschichtliche und politische Zusammenhänge. Beim zweiten Mal – allein unterwegs mit Zelt und Fahrrad – ging es um innere Einkehr und meditative Momente. Zur Ruhe kommen, sich auf das Wesentliche konzentrieren, sich des Lebenszyklus bewusst werden, das waren die Themen des vergangenen Sommers.

Was bleibt von alledem im Alltag? Ziemlich viel, sagt Weißgerber. Und seine Schäfchen daheim spüren das. Sie bekommen etwas ab von Zuversicht, Energie, Dankbarkeit und Lebensfreude. (Fotos: privat/Friedrich)

Info

Was ist ein Sabbatical?

Der aus den USA stammende Begriff sabbatical (von hebräisch schabat: aufhören, ruhen), nach dem Sabbatjahr in der Tora (Bibel), wurde von Professoren an US-amerikanischen Universitäten als Begriff für ein Forschungssemester oder Freisemester geprägt. Analoge Regelungen entwickeln sich auch in der Wirtschaft, insbesondere in größeren Unternehmen. Wofür das Sabbatical im Detail verwendet wird, steht im Allgemeinen frei. Die häufigsten Gründe sind Weiterbildung, Umschulung, Steigerung von Motivation und Kreativität, Reisen, Unterstützung sozialer Projekte, im Hochschulbereich Zeit für konzentrierte Forschung, berufliche Neuorientierung, Burnout-Vorbeugung, eine zeitintensive Partnerschafts- oder Familienphase einzulegen oder oft verbunden mit einer Altersteilzeitregelung – um in den vorgezogenen Ruhestand zu gehen.

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