27. November 2017, 20:00 Uhr

Runder Geburtstag mit Jazz

40 Jahre JazzIG: Die Gießener Jazzinitiative feierte sich, ihr Publikum und die Stadt im Rathaus. Sechs Auftritte lang wurden der Levi-Saal, die Kunsthalle und das Atrium als Jazzbühnen genutzt.
27. November 2017, 20:00 Uhr

Ekkehard Jost hatte ab 1973 den Stein ins Rollen gebracht. Mit dem Ziel, Gießener Jazzmusikern Auftrittsmöglichkeiten zu geben, gründeten Jost – dessen Witwe zum 40-Jährigen im Publikum war – und seine Mitstreiter 1977 die Jazzinitiative als e.V. (JazzIG). Mit Burkhard Schirmer, Joe Bonica, Manfred Becker und Georg Wolf wirkten vier Gründungsmitglieder am zweitägigen Geburtstagsfestival im Rathaus mit: Schirmer, der mit dem JazzIG-Vorsitzenden Jörn Pons das Festival am Freitag eröffnete, erinnerte an die Anfänge, nannte die vielen Spielstätten der Vergangenheit, darunter die »Oktave«, das Gasthaus »Lahnlust«, die Alte Unibibliothek, das Institut in der Universität und seit 1993 der Ulenspiegel, und hob die Bedeutung der JazzIG für Gießen als Musikstadt hervor.

Zum Auftakt griff das Sigrun Bepler-Burkhard Mayer-Sextett tief in die Kiste mit Perlen des »Great American Songbook« von »Invitation« bis zu »Sunny Side of the Street«. Mit Jörn Pons (Tenorsax), Andreas Müller (Piano), Georg Wolf (Bass) und Johannes Langenbach (Drums) ging es dabei in meist gediegen swingendem Midtempo zur Sache, alles gewürzt durch Beplers variablen Gesang und Mayers fließende Gitarrensoli.

Gleich nach dem letzten Ton geleitete Manfred Becker die Fans mit seinem Akkordeon in das Atrium, in dem sonst hektische Menschen zu irgendwelchen Ämtern eilen. Becker, Cellist Jan-Filip Tupa, Drummer Joe Bonica und Wollie Kaiser (Bassklarinette und -flöte) saßen in den Ecken der großen Freifläche und begannen in dieser nicht gerade Musik atmenden Umgebung zu spielen. Dann plötzlich Bewegung auf einer Fläche im ersten Stock: Clara Thierry und Anna Jirmanová von der Tanzcompagnie des Stadttheaters umtanzten einander zunächst dort und setzten ihre Tanztheaterperformance dann auf der Fläche zwischen den Musikern fort. Sie interpretierten drei eher als Neue Musik denn als Jazz zu bezeichnende Werke Beckers: »Schritt für Schritt«, »Delirium« und »Wechselspiel«. Nach diesem mit viel Applaus bedachten spektakulären Auftritt geleiteten Bonica, Tupa und Becker die Zuhörer wie eine Marching Band aus Hameln direkt zur Pausenbar.

Mit je drei Drummern (Langenbach, Moritz Weissinger, Bonica), Gitarristen (Frank Warnke, Kai Picker, Mayer) und Bläsern (Hans Kreuzinger, Andreas Jamin, Pons) plus Bass und Akkordeon beendete dann das Big Noise Orchester – der Name spielt auf die Dezemberkonzerte der JazzIG im Ulenspiegel an – mit einem kraftvollen Mix aus Fusion und Bigbandjazz den ersten Abend.

In ähnlicher Besetzung begann der Samstag mit der Fusion-JazzIG: Ohne Keyboards, aber mit den bewährten, clever arrangierten Gitarren plus Kreuzinger (Sax) und Jamin (Posaune) spielte das Sextett/Septett Eigenes in der Tradition des 70er-Jahre-Jazzrocks. Intensive Soli (u. a. Frank Höfliger am Bass und Kreuzinger am Sopransax) veredelten das »Gitarrenmassaker« (Kai Picker).

Es folgte eine weitere Tanzperformance: In der kühlen, fast leeren Kunsthalle zeigte die Kasselerin Bettina Helmrich zeitgenössischen Tanz, indem sie, Schlagwerker Wolfgang Schliemann und Kontrabassist Georg Wolf 45 Minuten lang improvisierend und ohne außermusikalisches Programm aufeinander reagierten – fordernd und faszinierend zugleich.

Der würdige Abschluss des Festivals blieb »Chromatic Alarm« vorbehalten, jenem von Ekkehard Jost 1992 gegründeten Quintett, das seine Mitglieder all die Jahre immer wieder aus verschiedenen Winkeln des Landes zusammenführte: Reiner Winterschladen (Trompete), Detlef Landeck (Posaune), Dieter Manderscheid (Bass) und Joe Bonica besetzten die durch Josts Tod entstandene Lücke mit dessen langjährigem musikalischen Partner Wollie Kaiser, der auch Josts Instrument spielte. Ganz im Sinne Josts endete das Festival also mit der Modern Jazz-Mischung aus Swing, Freiheit und Humor.

Bleibt zu hoffen, dass die Band auch ohne ihren Gründer ab und zu wieder in der Gegend zu hören sein wird. Und wer sagt eigentlich, dass solche kleinen, feinen Festivals nur an runden Geburtstagen stattfinden dürfen?

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