23. März 2017, 20:15 Uhr

Rumba, Zumba und Rihanna

Es gibt wohl kein zweites Gebäude in Gießen, dessen Fassade so viel über das Innenleben verrät wie das blau gestrichene und mit Tänzern verzierte Haus der Tanzschule Bäulke. Hier an der Licher Straße forderten bereits vor hundert Jahren junge Männer Damen zum Tanz auf. Die Geschichte der Tanzschule geht aber noch viel weiter zurück.
23. März 2017, 20:15 Uhr
Axel und Claudia Bäulke können es noch. Heute geben sie ihre Kenntnisse an den Nachwuchs weiter. (Foto: chh)

Axel Bäulke steigt die Treppe hinauf. Selbst bei einem solch profanen Vorgang strahlt er dezente Eleganz aus. Kein Wunder, schließlich hat der Gießener den Großteil seines Lebens auf der Tanzfläche verbracht. Im ersten Stock angekommen, bleibt er vor einer Bilderwand stehen. Sie zeigt Schwarz-Weiß-Fotografien von Wettkämpfen, Schnappschüsse von Tanzbällen und Portraitfotos der Familie. Es sind Zeugnisse eines ganzen Jahrhunderts Tanzgeschichte. Professionell getanzt haben die Bäulkes allerdings schon weit vor der Erfindung der Fotografie. »Wir feiern am Samstag unseren 230. Geburtstag«, sagt Bäulke und nimmt in einer Ecke des großen Tanzsaales Platz.

Angefangen hat alles mit dem Musiker Emanuel Einolf, der ab 1787 Menschen in Biedenkopf das Tanzen beibrachte. 1836 übernahm Sohn Johann Georg das Geschäft. 30 Jahre später wurde Georgs Tochter Luise zur Chefin und heiratete Theodor Bäulke, der den Sitz des Unternehmens 1906 nach Gießen verlegte. 1919 kaufte Theodor Bäulke junior das Haus an der Ecke Wolfstraße/Licher Straße. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerbombt, in die Bahnhofstraße fand die Tanzschule eine neue Bleibe. Genauer gesagt über der Metzgerei Faulstich. »Die Tanzschüler mussten immer Kohle zum Heizen mitbringen. Außerdem hat es häufig unangenehm gerochen, weil Dämpfe aus der Wurstküche hochstiegen«, erinnert sich Axel Bäulke an Erzählungen seines Vaters. Kein Wunder, dass die Familie den Wiederaufbau des alten Domizils vorantrieb. 1958 war es dann so weit, der Rückzug wurde gefeiert. Zu jener Zeit übernahm auch Günther Bäulke den Betrieb. Dass Sohn Axel irgendwann einmal in seine Fußstapfen treten würde, war anfangs noch nicht abzusehen.

Bäulke schmunzelt: »Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich überhaupt nicht getanzt. Ich fand das total affig.« Erst als seine Schulfreunde in die Tanzschule geströmt seien, habe auch er daran gefallen gefunden. Der Rest ist schnell erzählt: Sechs Monate nach dem Anfängerkurs wurde Bäulke Hessenmeister der untersten Klasse der Standardtänze, viele weitere Titel folgten. Den größten Triumph feierte er 1985, als er Vierter bei der Weltmeisterschaft im Rock’n’Roll wurde. Als 22-Jähriger stieg er dann ins elterliche Unternehmen ein. Hier lernte er auch seine spätere Ehefrau Claudia kennen, die ebenfalls in das Unternehmen einstieg. Sie war es auch, die vor knapp 15 Jahren die bunte Fassade des Hauses kreierte.

Heute ist Bäulke heilfroh, dass er in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist. »Tanzlehrer ist einer der krisensichersten Berufe überhaupt.« Seine Erklärung: Während das Internet vielen Branchen zu schaffen mache, seien die Tanzschulen von der Online-Konkurrenz weitgehend verschont geblieben. »Tanzen kann man eben nicht online lernen, es lebt von der Geselligkeit.« Gewandelt habe sich das Tanzwesen trotzdem – und zwar nicht zu knapp. Bäulke kann sich noch an die Zeiten erinnern, als an dem Haus an der Licherstraße in großen Lettern »Tanzlehrinstitut« prangte. Der Name lässt erahnen, dass es früher weitaus ernster zur Sache ging. »Damals wurde viel mehr Wert auf Etikette gelegt«, sagt Bäulke. Wer die favorisierte Tanzpartnerin nicht mit dem gebotenen Maß an Anstand – vortreten, Füße zusammen, verbeugen – aufgefordert habe, sei schon mal des Saales verwiesen worden. »Die Herren mussten ihre Tanzpartnerinnen auch immer nach Hause bringen. Beim letzten Tanz des Abends gab es daher immer einen Run auf Frauen, die in der Nähe wohnten«, sagt Bäulke und lacht. »Wer Pech hatte, musste schon mal einen Fußweg bis nach Steinbach auf sich nehmen.«

Die Zeiten mögen sich geändert haben, die Lust am Tanzen ist jedoch geblieben: Bis auf eine kleine Flaute Ende der 60er Jahre, als die Studenten rebellierten und von dem ganzen alten Muff nichts mehr wissen wollten, habe das Tanzen immer geboomt, betont Bäulke. »In den 70ern zum Beispiel dank Saturday Night Fever. Und als in den 80ern Dirty Dancing mit Patrick Swayze in den Kinos lief, kamen die Leute in Scharen zu uns.« Heute betreuten die acht Tanzlehrer der Schule knapp 1000 Schüler pro Jahr. Es gibt Breakdance- und Hip-Hop-Kurse, Modern Jazz und Zumba. Bereits Dreijährige schwingen ihr Tanzbein im Mini-Club, mit 83 Jahren schwoft der älteste in der Seniorengruppe. Trotzdem sind die beliebtesten Kurse immer noch die Klassiker: Standard- und Lateinamerikanische Tänze. »Die kann man auch zu aktueller Musik von Rihanna oder Pitbull tanzen«, sagt Bäulke.

Bei allem Fortschritt dürfte die Tradition aber nicht vollends über Bord geworfen werden, betont der Tanzschulchef. »Unsere Abschlussbälle sollen mehr sein als reine Party. Die Schüler müssen sich festlich kleiden, die Herren bringen den Damen Blumen mit. Das ist wichtig, damit der Abend auch zu etwas Besonderem wird. Außerdem haben die jungen Leute Spaß daran, sich herauszuputzen.«

Es hat sich also viel verändert in Gießens ältester Tanzschule. Doch der Kern ist gleich geblieben: Männer bitten die auserkorenen Damen zum Tanz – vermutlich mit genauso schwitzigen Händen wie vor 230 Jahren.

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