05. Juli 2017, 19:00 Uhr

Tierheim

Rüdigers Schicksal geht Tierfreunden ans Herz

Das Tierheim ist auf Echsen, Schlangen und Vogelspinnen eigentlich nicht eingerichtet. Doch immer häufiger landen hier entsorgte Reptilien und Co.
05. Juli 2017, 19:00 Uhr
Aus einer niedlichen kleinen Wasserschildkröte wird schnell ein großer Bursche – wie das Beispiel von Rüdiger zeigt. (Foto: Schepp)

Rüdiger schaut grimmig. Die Wasserschildkröte hat keine Lust auf ein Foto-shooting und rudert heftig mit ihren kräftigen Beinen. Erst als sie merkt, dass Tierpflegerin Hannah Wern ihr nichts Böses will, entspannt sie sich. Rüdiger hat eine feine Maserung, das schwarz-gelbe Muster sieht aus wie ein kleines Kunstwerk. Der scheinbar alterslose Bursche ist auf eine ganz eigene Art schön. Aber ist er ein Haustier, nach dem man sich sehnt? Immer mehr Menschen tun das, weiß Astrid Paparone, die zweite Vorsitzende des Tierschutzvereins.

Reptilienbörsen haben einen regen Zulauf. Hier kann sich jeder für wenige Euro eine Kornnatter oder eine Wasserschildkröte kaufen. Die winzig kleinen Schildkröten sind niedlich, es macht Freude, sie im Aquarium schwimmen zu sehen. Der Haken: Sie wachsen schnell, und dann hat man ein Platzproblem. Dieses lösen viele Schildkrötenbesitzer auf unschöne Weise. Sie setzen die Tiere aus – zum Beispiel im Bereich des Schwanenteichs und Neuen Teichs. Die Folge: Sie bringen dort das Ökosystem durcheinander, weil sie den eigentlichen Bewohnern das Futter streitig machen und sie so verdrängen. Tierheimmitarbeiterin Sara Becker empfiehlt daher, sich vor der Anschaffung seinen Klo-Deckel genau anzuschauen: Ungefähr diese Größe erreichen die Krötlein, und das recht schnell.

Mangel- und Fehlernährung führen bei Schildkröten nicht nur zu deformierten Panzern, sondern paradoxerweise auch zu schnellerem Wachstum. Dabei, weiß Tierpflegerin Nora Grandke, ist es oft keine böse Absicht, dass Tierbesitzer die Exoten nicht richtig halten und füttern. »Sie wissen zu wenig, und deshalb läuft ganz viel falsch«.

Wer sich Schlangen oder Agamen anschaffen möchte, muss Lebensbedingungen schaffen, die das natürliche Umfeld nachahmen. Licht, Wärme und Luftfeuchtigkeit sollten regulierbar und den jeweiligen Befindlichkeiten angepasst sein. Das Tier muss Spiel- und Klettermöglichkeiten sowie Rückzugsorte haben. Außerdem ist es unerlässlich, sich über die Ernährungs- und Fressgewohnheiten kundig zu machen. Dies alles kostet viel Zeit und Geld. »Es kann wirklich toll sein, so ein faszinierendes Tier zu beobachten, aber man darf das auf keinen Fall unterschätzen«, sagt Becker. Ein weiterer Punkt, den es zu bedenken gilt, ist das Alter. Wasserschildkröten werden gut 40 Jahre alt, Landschildkröten können über 100 Jahre alt werden – der Zeitraum der Verantwortung ist also nicht wie bei Hund oder Katze auf 12 oder 15 Jahre begrenzt.

Es gibt Liebhaber, die wahre Experten in Sachen artgerecheter Haltung sind und komplette Zimmer ihrer Wohnung für die Exoten reservieren. Doch es gibt auch viele ahnungslose Angeber, wissen die Tierpfleger. Für viele Fans dieser Tiere sind Meerschweinchen oder Kaninchen langweilig, die Haltung von Exoten finden sie dagegen cool. Eine Natter im Wohnzimmer hat nicht jeder. Oft bieten sie den Tieren nicht einmal ein Terrarium, sondern lassen sie in den kleinen Transportboxen, in denen die Tiere auf Messen verkauft werden. Angesagt in diesen Kreisen ist auch die Fütterung von lebenden Tieren, was nicht notwendig ist. Die Halter finden es großartig, Filme ins Netz zu stellen, in denen ihre Schlange Mäuse verspeist. Wenn das Interesse dann erlahmt, werden Nattern und Schlangen ebenso wie die Schildkröten ausgesetzt. Entweder, sie verenden in der Natur – oder sie werden gefunden und ins Tierheim gebracht. Noch vor Jahren waren Exoten dort die Ausnahme. Das hat sich geändert. »Explosionsartig«, sagt Becker. Es gibt mittlerweile einige große Terrarien, und im Innenhof soll in Kürze ein Freigehege errichtet werden.

Auch die Tierpfleger müssen sich auf die Bedürfnisse und Eigenarten der ungewöhnlichen Bewohner einstellen. Sie begegnen ihnen mit Respekt – eine züngelnde Natter oder eine strampelnde Schildkröte sind nicht spaßig. Kürzlich legten zwei stattliche Vogelspinnen einen mehrwöchigen Zwischenstopp im Tierheim ein. Sie wurden zur Erleichterung bald an Liebhaber vermittelt – manchmal ist es doch ein Glück, dass sich nicht jeder nach einem kuscheligen Haustier á la Hund und Katze sehnt.

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