18. Juli 2017, 19:27 Uhr

»Rucksackpriester« für Vertriebene

18. Juli 2017, 19:27 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Mühsam sind damals die Arbeiten an der Kirche in Londorf. (pm)

Gießen/Allendorf/Lumda (kw). Es fehlt ihnen an vielem, ein eigenes Haus haben sie noch nicht bauen können – doch am Bau ihrer Kirche halfen sie mit Geldspenden und Tatkraft. »Heutzutage würden sich wohl nur noch wenige Menschen bereit erklären, sich bei der Erschaffung einer Kirche finanziell oder gar handwerklich zu beteiligen«, staunt Nils Damm. Der Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums hat in seinem Beitrag zum Geschichtswettbewerb erkundet, welche Rolle Kirche und Glaube bei der Integration der Vertriebenen in seinem Heimatort Allendorf/Lumda 1946 gespielt haben. Für seine Arbeit wird der Zwölftklässler mit einem Landessieg ausgezeichnet.

»Meines Erachtens ist es wichtig, dass wir aus der Integration der damaligen Vertriebenen lernen, aus Fehlern, aber auch aus Erfahrungen. Schließlich besitzt die damalige Situation Ähnlichkeiten mit der heutigen, in der Herausforderung, hunderttausende Menschen in unser Land zu integrieren«, schreibt Damm mit Blick auf die Flüchtlingskrise. Die Situationen ließen sich aber kaum vergleichen, stellt er in seinem Fazit fest. Insgesamt habe die Religion an Bedeutung verloren. Und für die meisten Mittelhessen war der katholische Glauben zwar Neuland – dennoch habe man in ihm keine Gefahr gesehen wie heute mitunter im Islam.

Unter anderem über einen Aufruf in der GAZ hatte der Schüler Zeitzeugen gesucht – mit Erfolg. In etlichen Gesprächen schilderten ihm Senioren, wie sie die Vertreibung aus dem Sudetenland und die Aufnahme in Allendorf erlebt haben. Einheimische, die noch mit den Folgen des Krieges zu kämpfen hatten und am Existenzminimum lebten, mussten Teile ihrer Wohnungen für die Vertriebenen räumen und sie versorgen. »Nicht alle zeigten Verständnis.« Manche Neuankömmlinge erlebten einen herzlichen Empfang. Doch fast alle stießen auch auf Misstrauen und hörten manchmal Beschimpfungen.

Damals und erst recht in Notzeiten hatte der Glaube noch eine größere Bedeutung – für die größtenteils evangelischen Allendorfer wie auch für die katholischen Neubürger. Die Konfessionsunterschiede führten mitunter zu Reibereien, schildert Damm: Etwa wenn Katholiken als Gäste in evangelischen Räumen Gottesdienst feierten und dabei ein Luther-Bild von der Wand nahmen. Oder als eine Lehrerin mit ihren Schulkindern zu lauter Musik tanzte und der katholische Religionslehrer die Kinder deshalb ausschimpfte. Als besonders schwierig galt eine »Mischehe«. Andererseits seien die Einheimischen den Traditionen der Neubürger durchaus mit Neugier begegnet, etwa der Fronleichnamsprozession oder dem Fasching.

Der Andrang der Vertriebenen auf katholische Gottesdienste war zunächst groß. An zwölf verschiedenen Orten in der Umgebung wurde die Heilige Messe gefeiert, jeden Tag mindestens eine. Die Pfarrer gingen dazu kilometerweit zu Fuß, das Wort »Rucksackpriester« entstand. Eine eigene Kirche musste her. Die Bemühungen um einen Bau in Allendorf scheiterten. Im benachbarten Londorf fand man ein geeignetes Gelände; 1955 wurde die Kirche St. Franziskus eingeweiht.

Heute wird sie längst nicht mehr so gut genutzt wie einst die provisorischen Gottesdienste. Das liege wahrscheinlich daran, dass die Menschen in Deutschland kaum noch existenzielle Not kennen, meint Damm. »Für manche galt die Kirche vielleicht auch als Symbol der ›schlechten Zeit‹, weshalb man begann, sie zu meiden.« Bei der heutigen »Flüchtlingsherausforderung besinnen sich viele Menschen, auch jüngere Generationen, wieder verstärkt auf die Religion«.

Insgesamt sei die Integration erfolgreich verlaufen, schließt Damm. »Zwar war die Kirche an der Entwicklung beteiligt, jedoch nicht ausschlaggebend. Als Hauptgrund sehe ich eher die Willenskraft der Vertriebenen, sich in Deutschland etwas aufbauen zu wollen, und die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Einheimischen und Vertriebenen in Zeiten großer Nöte.«



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