09. November 2018, 21:55 Uhr

Wort zum Sonntag

»Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«

09. November 2018, 21:55 Uhr

Ein typisch deutsches Sprichwort ist »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold« – meint mein Gesprächspartner, während wir uns über Redewendungen in unterschiedlichen Sprachen unterhalten. »Warum typisch deutsch?«, frage ich und erwarte Kritik an vermeintlich deutscher Nüchternheit, vielleicht auch Gleichgültigkeit oder Schicksalsergebenheit. Sich bloß nicht einmischen, zu allem schweigen, Rückzug ins Private? Will das Sprichwort etwa dazu animieren?

»Nein«, meint mein Gegenüber, »typisch deutsch ist es, weil Ihr nicht versteht, dass Silber und Gold, Reden und Schweigen, zusammengehören. Reden macht nur dann Sinn, wenn man auch Schweigen kann. Hör dir doch mal die Gespräche an, hier reden alle durcheinander, keiner hört zu, und wer am lautesten reden kann, hat gewonnen.«

Eine interessante Sicht auf unsere Gespräche. Ich werde das mal beobachten. Wie verhält es sich nun tatsächlich mit unserem Reden und Schweigen? Immerhin sind beide dem Sprichwort nach wertvolle Edelmetalle: Silber und Gold. Schmuckstücke oder wertvolle Münzen zeigen, wie kostbar das eine wie das andere sein kann.

Kostbar und wohltuend

Wie wohltuend kann Reden nach einem heftigen Streit oder traurigen Abschied sein. Belebend und inspirierend wirken schöne Worte, die Nähe und Vertrautheit zum Ausdruck bringen. Was wäre die Welt ohne »Ich liebe dich« und der schönste Heiratsantrag ohne die erhoffte Antwort: »Ja, ich will«?

Reden ist also wirklich so kostbar wie Silber. Doch wozu eigentlich Schweigen? Manchmal ist Schweigen tatsächlich die bessere Wahl und manches wird zu Recht verschwiegen. Wer jedoch bei offensichtlichem Unrecht wegsieht und schweigt, macht sich mitschuldig. Und doch: auch unsere Kultur kennt das Schweigen. Viele Klosterregeln sehen ein Schweigegelübde für bestimmte Tages- oder Jahreszeiten vor, in denen sich Bilder ohne Worte entfalten können. Die Schweigepflicht auch von Pfarrerinnen und Pfarrern bietet einen Schutzraum, in welchem das Unsagbare seinen Platz bekommt und geschützt ist.

In diesen Novembertagen gedenken wir des unaussprechlichen Leides, das Menschen in Deutschland zugefügt wurde. 80 Jahre liegt die Nacht zurück, in welcher Synagogen in Brand gesetzt und jüdische Geschäfte und Wohnhäuser geplündert und zerstört wurden. Da sind klare Worte vonnöten, die geschehenes Unrecht deutlich beim Namen nennen. Jenseits aller Worte kommen im gemeinsamen Schweigen tiefer Respekt und innere Anteilnahme zum Ausdruck.

Solches Gedenken zeigt, wie eng beides miteinander verwoben ist: Reden und Schweigen – das eine tun und das andere nicht lassen.

Pfarrerin Barbara Lang

Ev. Marienstiftsgemeinde Lich

Schlagworte in diesem Artikel

  • Gießen
  • Gold
  • Redewendungen
  • Silber
  • Sprichwörter
  • Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit
  • Wörter
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos