27. Oktober 2017, 17:01 Uhr

"Mr. Seltersweg"

Reaktionen zum plötzlichen Tod: »Ohne Herrn Dirnagel fehlt etwas«

Jürgen Dirnagel war ein Markenzeichen. Er gehörte genauso zum Seltersweg wie die drei Schwätzer. Nach seinem plötzlichen Tod ist die Trauer groß.
27. Oktober 2017, 17:01 Uhr
Im Seltersweg haben Passanten Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. (Foto: Schepp)
Zwei weiße Rosen liegen vor dem DER-Reisebüro im Seltersweg. Und ein Brief. Er ist an Jürgen Dirnagel gerichtet. Er habe stets ein Lächeln auf den Lippen getragen und den Alltag seiner Mitmenschen so ein bisschen leichter gemacht. »Sie waren die Sonne vom Seltersweg.« In der Nacht zum Donnerstag ist diese Sonne erloschen.
Drei Jahrzehnte lang war Dirnagel das Gesicht der Gießener Allgemeinen Zeitung. Bei Wind und Wetter stand er an seinem Stammplatz vor dem Reisebüro und versorgte die Menschen mit Lesestoff. Für einen Plausch war er immer zu haben, und ein Lächeln hatte er für jeden übrig. Kein Wunder, dass sein Tod so viele Menschen berührt.
 

 

Er hat ein Denkmal verdient

Manuela Hanel


»Er wird fehlen. Ein freundlicher, immer froher Gentleman der alten Schule«, schreibt eine Frau auf der Facebook-Seite der Gießener Allgemeinen. Es ist eine von Hunderten Beileidsbekundungen. Sie erreichen auch die Hinterbliebenen. Ein Familienmitglied schreibt: »Es ist schön, hier zu lesen, wie viele Menschen ihn zu schätzen wussten. Das gibt Kraft.« Viele Gießener verbinden mit Dirnagel frühe Kindheitserlebnisse. »Ein Stück Kindheit ist gestorben. Bin so unendlich traurig«, heißt es zum Beispiel.



Eine Frage, die nachhallt

Ein anderer schreibt: »Bin so traurig, dass er nicht mehr da ist. Ich werde ihn sehr vermissen. Er war seit meiner Kindheit eine Institution im Seltersweg und ich habe mich immer sehr gefreut, ihn zu sehen und ihn seine Frage stellen zu hören.« Die Frage »Darf ich Ihnen eine Gießener Allgemeine Zeitung schenken?« verbinden etliche Gießener mit Dirnagel. Es ist eine Frage, die nachhallt. Nicht wenige sprechen sich daher dafür aus, Dirnagel ein Denkmal zu bauen. »Ein Lächler zu den Schwätzern.«


Auch auf dem Seltersweg ist die Trauer groß. Im Laufe des Tages bringen immer mehr Menschen Blumen und Kerzen an Dirnagels Stammplatz. »Ein guter Mann, der Jürgen. Einer der letzten echten Gießener«, sagt einer der Männer, die bei Tchibo ihren Kaffee trinken. Jeden Tag haben sie mit ihm gesprochen, meist über Fußball, aber auch über alles andere. Auch sie wünschen sich eine Gedenkstätte, vielleicht eine Büste, oder aber einen Stolperstein. »Das hätte Jürgen verdient gehabt.«

 

"Das schönste was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln bei jenen, die an ihn denken."

Diane Schmidt


Tränen kullern

Wie viel Dirnagel den Menschen bedeutet hat, zeigt sich auch im Schuhhaus Waldschmidt. Verkäuferin Jennifer Aikins kullern Tränen über die Wange, als sie über Dirnagel spricht. »Er war so ein herzensguter Mensch und hatte immer ein Lächeln auf den Lippen.« Kollegin Bianca Mirzaei-Kian reibt Ainkins tröstend die Schulter. »Wir sind alle sehr traurig.«

Jeden Morgen habe er den Geschäftsleuten die Zeitung vorbeigebracht, immer sei er zuvorkommend und freundlich gewesen. Und bescheiden: »Wir haben ihm immer mal wieder etwas angeboten, einen Kaffee oder Schokolade«, sagt Mirzaei-Kian. »Er hat aber immer dankend abgelehnt.« Außer einmal, fügt Aikins an. »Im Winter haben wir ihm mal ein Paar warme Handschuhe geschenkt. Darüber hat er sich sehr gefreut.« Für die beiden Verkäuferinnen steht fest: »Ohne Herrn Dirnagel fehlt etwas. Wir werden ihn vermissen.«

Seine Stimme fehlt

Dem Team des DER-Reisebüros geht es genauso. »Als wir von der traurigen Nachricht erfahren haben, hatte die eine oder andere von uns einen Kloß im Hals und eine Träne im Auge«, sagt eine der Mitarbeiterinnen. Auch sie spricht von dem häufig genannten Lächeln, das der 78-Jährige stets auf den Lippen getragen habe. »Er hatte ein so freundliches Wesen, er war nie missmutig.« Die Mitarbeiter des Reisebüros hatten wohl den intensivsten Kontakt mit Dirnagel, schließlich stand er jahrelang direkt vor ihrer Tür. »Uns fehlt schon jetzt seine Stimme. Dieser viel zitierte Satz. Wir haben ihn immer im Büro gehört«, sagt die Mitarbeiterin. Das ganze Team sei traurig. »Der Platz ist jetzt leer. Herr Dirnagel fehlt uns.«

 

 

Er wird dem Stadtbild fehlen

Gudrun Diehl

Und nicht zuletzt trauern wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gießener Allgemeinen Zeitung. »Wir sind alle tief betroffen von dem plötzlichen und unerwarteten Tod. Wir wünschen seiner Familie ganz viel Kraft in dieser schweren Zeit«, sagt Geschäftsführer Dr. Max Rempel. Er würdigt Dirnagel als Aushängeschild des Verlags, als das Gesicht der Gießener Allgemeinen. »Seine Art war einzigartig. Jeder kannte ihn, und sein ›Daaarf ich Ihnen eine Gießener Allgemeine Zeitung schenken?‹ hallt mir selbst aus meinen Kindheitstagen noch in den Ohren. Es wird fehlen. Er wird fehlen! Wir werden ihn alle sehr vermissen.«

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