19. Januar 2018, 14:00 Uhr

Gegen den Trend

Raues Klima macht Sozialverband attraktiv

Ob Chor, Gartenbau oder Feuerwehr – Vereine haben es schwer. Der Nachwuchs bleibt aus. Eine Ausnahme ist der Sozialverband VdK. Wie das?
19. Januar 2018, 14:00 Uhr
Perfektes Zusammenspiel: Starke und Schwache halten zusammen. (Fotos: pm/Fotoila/C. Schüßler)

Was heißt eigentlich VdK? Irgendetwas mit kriegsversehrt? Jüngere Leute kommen ins Grübeln, wenn sie das Kürzel entschlüsseln sollen. Richtig ist: Früher hieß es »Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner«. Nach 1946 schlossen sich sozial engagierte Menschen zusammen, um Not leidenden Witwen, Waisen und weiteren Opfern des Krieges zu helfen. »Das war damals überlebenswichtig, manche wären ohne die Unterstütztung verhungert«, erinnert Michael Borke, der Vorsitzende des VdK-Lützellinden.

Verstaubtes Image abgelegt

Mit Wirtschaftsaufschwung und zunehmendem Wohlstand legte sich über den VdK ein etwas verstaubtes Image. Doch das ist lange her. Der Staub ist weg, der VdK ist heute einer der größten und aktivsten Vereine des Landes. Die Bezeichnung »Verband der Kriegsbeschädigten« wird schon lange nicht mehr verwendet – die Buchstaben »VdK« sind geblieben.

Die Babyboomer nähern sich der Rente. Für viele wird es jetzt eng

M. Borke, VdK-Vorsitzender

Je rauer das Klima ist und je mehr »Verlierer« es in unserer Gesellschaft gibt, desto mehr Zulauf hat der Sozialverband. Die Mitgliederzahlen steigen an. Das ist auf allen Ebenen und in allen Landesverbänden so. Mit einem Zuwachs von fast 50 Prozent in den vergangenen zehn Jahren ist Marburg einer der erfolgreichsten Bezirksverbände im VdK Hessen-Thüringen. Der Bezirksverband Gießen ehrte im Oktober 2016 seinen 50 000. Mitstreiter. Der VdK hat sich auf seine Fahnen geschrieben, für Gerechtigkeit und Gleichstellung zu kämpfen und sich gegen Sozialabbau stark zu machen. Er bezieht politisch Stellung, ohne parteipolitisch zu agieren.

60 Euro Beitrag pro Jahr

Mitglieder zahlen 60 Euro im Jahr und bekommen dafür im Notfall kompetente Rechts- und Sozialberatung vor Ort. Ob es um eine abgelehnte Rehabilitation, den zurückgewiesenen Antrag auf Erwerbsminderungsrente oder den Schwerbehindertenstatus geht – der Vdk hat nicht nur Fachleute für alle Gebiete und auf allen Ebenen in seinen Reihen, sondern übernimmt für seine Mitglieder auch den Kampf im Dschungel der Bürokratie; es gibt Hilfe bei Antragstellungen oder Widersprüchen.

Auffallend ist, dass es immer mehr Hilfesuchende aus der Generation der »Babyboomer« gibt, schildert Borke. Die Jahrgänge von Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre nähern sich langsam dem Rentenalter. Sie kämpfen mit steigendem Druck und den sich verändernden Bedingungen in der Arbeitswelt. Arbeitgebern sind die älteren, teuren Mitarbeiter oft ein Dorn im Auge. Ob im Handwerk oder in Bürojobs: Für viele ist schon lange vor dem Renteneintrittsalter mit 67 Jahren Schluss.

Teilzeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Krankheit – die drohende Altersarmut ist folglich ein großes Thema im VdK. Neben Sozialberatung und rechtlichem Beistand bietet der VdK Informationsveranstaltungen an: Zu Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung oder zur Wohnraumanpassung bei Pflegebedürftigkeit.

Jüngerer Vorstand

Diese Vorteile sind nach Ansicht des VdK-Vorstands in Lützelliden Grund genug, dem Verband beizutreten – aber sie sind nur ein Teil des Erfolgsrezepts. Kümmern und Gemeinschaft sind Stichworte, die gerade in den kleinen Ortschaften groß geschrieben werden. Vielerorts gibt es motivierte Ehrenamtliche, die sich in unterschiedlichen Projekten sozial engagieren. Während in Dörfern die Feste mangels Interessenten oft vor sich hin dümpeln, freut man sich beim Vdk über steigendes Interesse.

Vor zehn Jahren hatte der Verband um die 60 Mitglieder, heute sind es fast 200. Der Vorstand hat sich verjüngt, neue Gesichter und neue Ideen haben für eine Öffnung gesorgt. Borke und seinen Mitstreitern Heike Lenz, Wolfgang Spengler, Gabriele Jung, Monika Mudrak, Dieter Heye, Margit Weller und Hannelore Müller ist es wichtig, dass man im Dorf wieder mehr für einander da ist, gesellige Ereignisse sind dafür ein gutes Instrument.

Zusatzinfo

Der Sozialverband VdK

Der Sozialverband VdK hat bundesweit mehr als 1,8 Millionen Mitglieder. Die Sozialrechtsexperten des Verbands erstreiten jährlich in mehreren tausend Verfahren Millionenbeträge an Nachzahlungen und Ansprüche für die VdK-Mitglieder. Der Ortsverband Lützellinden gehört zum Kreisverband Wetzlar. Tel. 0 64 41/4 23 01. Der VdK Kreisverband Gießen (Geschäftsstelle Liebigstraße 15) hat 63 Ortsvereine mit 12 000 Mitgliedern. Tel.: 06 41/9 69 68 99.

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