19. September 2019, 19:00 Uhr

Bahoz-Prozess

Randfigur oder fesselnder Helfer?

Im Prozess um eine Gewaltorgie in einer Bar in der Gießener Weststadt haben die Verteidiger das Wort ergriffen. Die Anwälte fordern für ihren Mandanten einen Freispruch.
19. September 2019, 19:00 Uhr
Im Erdgeschoss dieses Hauses haben die Übergriffe stattgefunden. (Archivfoto: khn)

Seine Beteiligung an der Gewaltorgie in einer Weststadtbar im November hatte bereits die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer als gering bezeichnet. Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monate auf Bewährung forderte Rouven Spieler beim vergangenen Prozesstag für einen 25 Jahre alten Angeklagten aus dem Rhein-Main-Gebiet wegen der Beihilfe zur Geiselnahme. Vorm Landgericht Gießen sahen das am Mittwoch dessen Verteidiger naturgemäß anders. Die Frankfurter Rechtsanwälte Torsten Fuchs und Wiebke Otto-Hanschmann fordern Freispruch für ihren Mandanten.

Breites Kreuz, groß, muskulös und ziemlich schweigsam - so zeigt sich der 25 Jahre alte Mann seit einem halben Jahr vor dem Landgericht. Stellt man seine Biografie neben die der übrigen fünf Angeklagten aus dem Milieu der aufgelösten, rockerähnlichen Gruppe Bahoz, sticht sie heraus. Vor Gericht spricht man wohl von geordneten familiären Verhältnissen. Er war mal Betreuer bei Ferienspielen und hat ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Heute arbeitet er als Groß- und Einzelhandelskaufmann.

Staatsanwalt Spieler sieht es als erwiesen an, dass dieser Mann Teil des Gewaltexzesses war, der sich im November in einer Bar an der Rodheimer Straße abgespielt hat. Am letzten der beiden Tattage soll er bei der Fesselung von den vier Männern beteiligt gewesen sein, die später mit Bambusstangen, einem Hammer, Tritten und Fäusten schwer misshandelt worden sind. Der Grund: Der Hauptangeklagte, ein 35 Jahre alter Biebertaler, soll ein Mordkomplott gegen sich gewittert haben. Mit roher Gewalt habe er Geständnisse oder Hinweise auf die Verschwörung erpressen wollen.

Die Verteidigung hatte ihr Plädoyer aufgeteilt: Fuchs schilderte seine Sicht auf die mögliche Beteiligung des Angeklagten, Otto-Hanschmann übernahm die juristische Würdigung. Am ersten Abend, an dem drei Männer mit einer Rohrzange und Bambusstöcken, Tritten und Schlägen misshandelt wurden und einem in den Oberschenkel geschossen wurde, war der 25 -Jährige nicht anwesend. Bei der zweiten Tat, schilderte Fuchs, sei er in der Bar gewesen. Als es beim sogenannten Kampftraining härter zur Sache gegangen sei, habe er nicht mehr mitgemacht.

»Plötzlich und unerwartet«, betont Fuchs, habe der Hauptangeklagte sein Verhalten geändert, eine Waffe gezogen und die vier späteren Opfer aufgefordert, sich auf den Boden zu legen. Jemand habe ihm etwas ins Glas geschüttet, habe der Bandenboss behauptet, sagte Fuchs weiter. Dabei vertauschte er den Vor- mit dem Nachnamen des Hauptangeklagten beinahe durchgängig.

Dass die vier Männer gefesselt wurden, sei unstrittig. Nur sei es nicht »hinreichend wahrscheinlich«, dass sein Mandant daran beteiligt gewesen sei. Die zwei Mitangeklagten, die das geschildert hatten, seien hier nicht glaubhaft, betonte Fuchs. Sie wollten ihren Tatbeitrag beschönigen. Sein Mandant habe vielmehr zusammen mit einem weiteren Angeklagten die Bar verlassen, bevor es zur Gewalt gekommen sei. »Weil sie zum Ausdruck bringen wollten, sie unterstützen das nicht.« Für Fuchs ist es auch von Bedeutung, dass sein Mandant am ersten Tatabend nicht dabei war. »War es für ihn völlig klar, was später noch passieren würde?«

Zweifel am Tatvorwurf

Den Ball nahm Otto-Hanschmann auf: Sie bezweifelt, dass selbst der Hauptangeklagte in dieser Situation gewusst habe, was er tun wollte. Auch alleine das Fesseln der Hände bedeute nicht, dass sich die Opfer nicht hätten bewegen können. Deshalb entfalle auch der Tatvorwurf der Beihilfe zur Geiselnahme; es sei dann eher Nötigung. Generell sei nicht erwiesen, dass ihr Mandant an der Fesselung beteiligt gewesen sei. »Er ist eine Randfigur in dem Verfahren«, sagte sie. »Niemand beschreibt ihn als aggressiv, er ist keiner, der Spaß am Schlagen hat. Er hat keine Vorstrafen, eine geregelte Arbeit, kein Alkohol- oder Drogenproblem.« Deswegen fordert sie einen Freispruch. Sollte das Gericht doch eine Beihilfe zur Geiselnahme annehmen, sei ein Jahr auf Bewährung angemessen.

Nach der Verhandlung stand der 25-Jährige vor dem Gerichtsgebäude und rauchte eine Zigarette. Als die Pressevertreter an ihm vorbeigehen, rief er: »Schreibt: Freispruch.«

Die Prozess wird mit den Plädoyers der Anwälte der anderen fünf Angeklagten im Oktober fortgesetzt.

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