Stadt Gießen

Räume mit Schnee und Konfetti

Die neunte Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises im Stadttheater war ein Who’s who der Gießener Kultur- und Bildungsszene. Die alle zwei Jahre laufende Veranstaltung ist zum gesellschaftlichen Ereignis geworden, die Reihen des Zuschauerraums waren fast bis zum letzten Platz gefüllt.
07. April 2019, 19:01 Uhr
Dagmar Klein
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Markus Kiefer, der neue Vorsitzende der Gesellschaft, OB Dietlind Grabe-Bolz, Förderpeistreisträger Manuel Gerst, Preisträgerin Katrin Brack, Minsterin Angela Dorn und die bisheriger Vorsitzende Dietgard Wosimsky (von links) bei der Preisverleihung. (Foto: dkl)

Der diesjährige Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis ging an Katrin Brack, vorgeschlagen vom Vorgänger Gero Troike, der Heckroth-Förderpreis ging an Manuel Gerst, vorgeschlagen von Brack. Der Vorsitzende der veranstaltenden Heckroth-Gesellschaft heißt jetzt Dr. Markus Kiefer. Die Initiatorin, Gründerin und langjährige Vorsitzende Dietgard Wosimsky ist ins zweite Glied zurückgetreten, will Kiefer aber weiter mit ihren vielen Kontakten unterstützen. Ihr Wirken wurde mit warmem Applaus bedacht. Die Moderation übernahm die Schauspielerin Petra Soltau.

Kiefer wies darauf hin, dass beide Theatergebäude mit Bezug zur Hauptpreisträgerin Katrin Brack um die Jahrhundertwende 1900 herum vom Wiener Architektenbüro Helmer & Fellner erbaut wurden. Das gilt für das Stadttheater Gießen und das Akademietheater in Wien, wo Brack in den 80er Jahren ihr erstes Bühnenbild schuf und vor sechs Wochen ihre jüngste Premiere hatte.

Als Vertreterin der preisstiftenden Landesregierung war Kulturministerin Angela Dorn anwesend. Sie bezog in ihrer Rede auch politisch Stellung, gegen alle Versuche »von rechts«, Kunst und Kultur den Geldhahn zuzudrehen. Sie dankte allen Gießenern für ihr kulturelles Engagement. Und das sagte sie mit Augenzwinkern auch als Marburgerin.

Das Grußwort der Gießener Intendantin Cathérine Miville war ebenfalls ein politisches: ein Plädoyer für den Berufsstand Bühnen- und Kostümbildner, an dem immer wieder versucht werde zu sparen, obwohl er grundlegend für das Theater sei. Sie stellte den Heckroth-Bühnenbildpreis in eine Reihe mit renommierten Kulturpreisen wie dem Faust und dem Goldenen Löwen von Venedig.

Den Vortrag zum Namensgeber des Preises, dem Bühnenbildner Hein Heckroth (1901-1970), hielt Sigrid Hofer, Kunstgeschichtsprofessorin an der Uni Marburg. Sie fokussierte den Blick auf Heckroth als Maler und zwar auf seine Frankfurter Zeit, die mit dem Beginn der Nachkriegskunst und der legendären Frankfurter Quadriga zusammenfiel. Ähnlichkeiten im abstrakten Malstil, der die Bezeichnung »informel« erhielt, sind augenfällig, auch wenn Heckroth in den maßgeblichen 50er Jahren nicht gemeinsam mit den Vieren (Götz, Greis, Kreutz, Schultze) ausgestellt hat. Was auch daran liegen mag, dass Heckroth bekannt, etabliert und wohlhabend war, während die anderen am Beginn ihrer Karriere standen.

Die Laudatio des Journalisten Till Briegleb auf Katrin Brack fand teils lyrische, teils humorvolle Beschreibungen für ihre Bühnenbilder. Sein Vortrag war begleitet von einer großformatigen Bildprojektion auf die Bühnenrückwand, so dass alle eine Ahnung davon bekamen wie Bracks Schnee-, Konfetti oder ballongefüllte Bühnen aussehen. Ihr eigentliches Hauptmedium sei die Luft, konstatierte Briegleb, als Füllung, Bewegungsmittel oder Widerstand, den es zu überwinden gelte.

Er bescheinigte ihrem gut 30-jähriges Bühnenschaffen, als »Klimametapher mit Wetterprognosen für Menschheitsfragen« zu fungieren.

Nach Überreichung von Urkunde und Medaille folgte Bracks Dank, verbunden mit einer persönlichen Würdigung des Lebens und Wirkens von Hein Heckroth, der eine in Aussicht stehende Professur sausen ließ, weil er sich nicht, wie von den Nationalsozisalisten gefordert, von seiner jüdischen Ehefrau scheiden lassen wollte. »Das macht demütig«, sagte sie.

Ihre Laudatio auf den Förderpreisträger Manuel Gerst, der bei ihr an der Münchener Akadamie den Diplomabschluss als Bühnenbildner gemacht hat, war warmherzig und persönlich. Sie würdigte ebenso die besondere Arbeit von Gerst als Teil des Performance-Kollektivs Monster Truck wie seine Arbeit als Regisseur und seine ausgefallenen Ideen für Bühnenbilder. Auch für ihn ist es wichtig, dass die Bühnenmittel sich während des Stücks verändern.

Er sagte in seinem Dank, dass er von seiner Professorin vor allem gelernt habe, »sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und allen Schnickschnack wegzulassen.« Für ihn schließt sich zudem ein Kreis, denn sein erstes Studium hat er bei den Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen absolviert. Sein damaliger Professor Heiner Goebbels war ebenfalls zur Preisverleihung gekommen. Die den Preis überreichende Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz nannte ihn zur allseitigen Freude einen »Lebensabschnittssohn der Stadt Gießen«.

Zum Gelingen dieser Veranstaltung trug ein ungewöhnliches Musikduo bei. Rike Huy an der Trompete und Katrin Zurborg an der E-Jazz-Gitarre interpretierten eigene Kompositionen und solche von Markus Stockhausen. Beim anschließenden Sektempfang gab es reichlich Gesprächsstoff.

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