Stadt Gießen

Rätsel um den lautlosen Lärm

Petra Burmann ist verzweifelt: Die Gießenerin hört Lärm, den keiner hört. Wie soll sie beweisen, dass etwas existiert, das nur etwa zwei Prozent der Menschen wahrnehmen können?
01. Februar 2018, 14:00 Uhr
Valerie Pfitzner
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Petra Burmann gehört zu den wenigen Menschen, die Schall auf tiefer Frequenz hören können. Mit einem Messgerät versucht sie zu dokumentieren, was sie hört. (Foto: Schepp)

Es sind drei Geräusche, die Petra Burmann hört: Ein Brummen; ein Geräusch, als ob ein Motor läuft; und eines, das klingt wie ein Presslufthammer. Seit fast drei Jahren geht das so. Das Erstaunliche: Ihr Ehemann hört keines davon. Ihre Nachbarn auch nicht. Sie habe schon öfter herumgefragt. Hat sie den Verstand verloren? Nein, sagen Experten. Sie gehört zu einer sehr kleinen Gruppe von Menschen, die hören, was andere nicht hören: tieffrequenten Schall.

»Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer Großstadt, in der ein Berg steht. Je weiter Sie den nach oben gehen, desto leiser wird der Lärm. Weil die hohen Frequenzen an Energie verlieren. Tiefe Frequenzen tun das nicht. Die bleiben. Das ist das Phänomen tieffrequenter Töne«, erklärt Diplom-Ingenieur Reinhard Müller. Er betreibt das Akustiklabor am Uniklinikum Gießen-Marburg. Ein Experte sei er nicht für das Phänomen. Dass es aber Menschen gebe, die Infraschall wahrnehmen können, könne er bestätigen: »Nach meiner Erfahrung spüren Betroffene diese Frequenzen aber eher, als dass sie sie hören. Meist im Bauch.« Petra Burmann jedoch schwört, den Lärm zu hören. Und sie hat auch eine Idee, woher er kommt.

»Darauf gekommen bin ich dadurch, dass ich seit 2015 Probleme habe«, sagt Burmann. Das war nämlich das Jahr, in denen die Stadtwerke die Blockheizkraftwerke (BHKW) umbaute, sagt sie. Eines davon liegt 600 Meter von ihrer Wohnung entfernt, ein anderes rund 150 Meter. »Da nichts anderes in der Nähe ist, was solche Geräusche sonst verursachen könnte, können es ja nur die BHKW sein.«

Je mehr Zeit verging, desto mehr litt Petra Burmann unter dem geheimnisvollen Lärm: »Im Winter 2016 wurden die Geräusche so laut, dass ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre.« Also begann sie, aktiv zu werden. Sie wandte sich an die Stadtwerke, die Betreiber der BHKW. Pressesprecherin Ina Weller erinnert sich gut: »Wir haben eine Messung machen lassen, sogar in der Wohnung der Dame. Dabei war aber nichts erkennbar, keine Störgeräusche, gar nichts.« Petra Burmann sei darüber hinaus die einzige, die sich bislang über derartige Geräusche beschwert habe. Wenn so etwas passiere, nehme man das bei den Stadtweken grundsätzlich ernst: »Wir wollen ja nicht, dass unser Gießener Grünstrom für Anwohner zur Belästigung wird.« Seitdem Petra Burmann über das Ergebnis der Messung informiert wurde, hätten sie nichts mehr von ihr gehört. »Weitere Beschwerden – selbst aus der BHKW-Anlage näheren Wohnhäusern – gab es nicht«, sagt Weller.

Doch Petra Burmann gab nicht auf. Sie wandt sich an einen Experten für tieffrequenten und Infaschall aus Wuppertal. Dieser riet ihr, sich ein Messgerät zuzulegen und wertete die Ergebnisse anschließend aus. Fazit: »Er sagte, die Schallwellen ließen auf eine technische Anlage mit zwei Betriebsmodi oder zwei Anlagen oder beides schließen.« Eine weitere Messung des Regierungspräsidium ergab: Ja, im Außenbereich stelle man ein tieffrequentes Geräusch fest. Eine Zuordnung zu einer Schallquelle sei jedoch nicht möglich. Und eine Gesundheitsgefahr könne man quasi ausschließen. »Die hierfür erforderlichen Pegel sind so hoch, dass diese bei Ihnen zu Hause praktisch nie erreicht werden können«, heißt es in dem Gutachten.

Bis heute hört Petra Burmann also Geräusche, die sonst keiner hört. Sie könne nicht schlafen, habe ständig Kopfschmerzen. »Ich weiß gar nicht, wie es ist, wenn es nachts ruhig ist.« Auch psychisch sei die Belastung enorm. »Wenn ich weiß, dass es wieder losgeht, spüre ich einen Druck auf der Brust.« Laut Schallexperte Müller sei dieser Faktor unter Umständen entscheidend: »Man wartet regelrecht darauf. Und je mehr man sich darauf konzentriert, desto schlimmer wird es.«

Gibt es also nur einen Ausweg? »Klar habe ich schon darüber nachgedacht, umzuziehen. Aber wir haben die Wohnung erst vor ein paar Jahren gekauft und können nicht einfach alles über den Haufen werfen«, sagt Petra Burmann. Ihre einzige Hoffnung: Betroffene zu finden, denen es genauso geht. Vielleicht habe sie ja dann eine Chance. Denn eine Stimme sei vielleicht einfach nicht laut genug.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Raetsel-um-den-lautlosen-Laerm;art71,382831

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