Stadt Gießen

Puppentheater aus Kapstadt weckt tiefe Emotionen

»Woyzeck on the Highveld«: Die südafrikanische Handspring Puppet Company haucht hölzernen Figuren erstaunliches Leben ein.
25. Juni 2013, 17:38 Uhr
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Woyzeck findet keine Ruhe und starrt in die Sterne, in die William Kentridge symbolisch einen Laufschuh gezeichnet hat. (Foto: pv)

Es hätte nicht besser laufen können: Gleich das erste internationale Gastspiel beim Büchner-Festival wurde am Ende frenetisch gefeiert. Die fünf Akteure der Kapstädter Handspring Puppet Company spielten sich mit ihrer fantasievollen Version des »Woyzeck«-Stoffs, den sie in das von Bergarbeitern geprägte Johannesburg verlegten, am Montagabend in die Herzen der begeisterten Zuschauer im Stadttheater. Ein Gesamtkunstwerk, das nicht nur durch sein lebendiges Puppenspiel und die melancholischen südafrikanischen Rhythmen beeindruckt, sondern durch die Videoanimationen des documenta-Künstlers William Kentridge völlig neue Dimensionen eröffnet.

Die Produktion ist ein Dauerbrenner: Bereits 1992 in Zeiten des politischen Umbruchs in Südafrika entstanden, holte das Team um Kentridge wegen der großen Nachfrage die griffige Interpretation 2008 wieder aus der Kiste – nur dummerweise hatten sie die Puppen in der Zwischenzeit dem Stadtmuseum in München geschenkt. Originalgetreue Kopien mussten gefertigt werden, die in der jetzigen Aufführung von Mongi Mthombeni (Woyzeck), Busi Zokufa (Maria), Gabriel Marchand (Doktor) und Nkosinathi Gaar (Hauptmann) ganz wunderbar geführt und gesprochen werden. Die flüssige Simultanübersetzung mittels Knopf im Ohr erleichtert das Verständnis.

Tale Motsepe hat die Rolle des Ansagers übernommen, der – gern auch mit altmodischem Trichtermegafon – deutlich durchs Geschehen leitet. Denn Woyzeck, hier mit dem Vornamen Harry versehen, schuftet in den Minenfeldern auf der Hochebene vor den Toren Johannesburgs, findet – obwohl er todmüde ist – keinen Schlaf mehr. Rastlos läuft er hin und her, starrt sinnierend in die Sterne. Dazu hat Kentridge die passenden Bilder gezeichnet, die im Hintergrund ablaufen und vielfältige Assoziationen wecken: qualmende Industrieschornsteine, verdreckte Bauten, eine verödete Landschaft, aber auch das bescheidene Heim von Maria und ihrem Kind sowie das Bettenlager, in dem Harry und sein Kumpel Andres auf dem Fabrikgelände hausen. Andres versteht sich übrigens herzzerreißend aufs Ziehharmonikaspiel. Und wenn der Conférencier das Märchen vom verlassenen Kind vorträgt, das sonst der Großmutter vorbehalten ist, kennt die Traurigkeit keine Grenzen mehr.

Die südafrikanische Truppe weckt tiefe Emotionen, demonstriert mit ihrem erfrischend direkten Spiel, wie herrlich einfach es sein kann, eine altbekannte Geschichte neu zu erzählen und sie aktuell mit Sinn zu füllen. Dabei geht der Wiedererkennungseffekt keinesfalls verloren, und man wundert sich, wie viel Leben in den hölzernen Figuren steckt. Haben wir uns den dicken Doktor, der Woyzeck mit wundersamen Instrumenten traktiert, und den hageren Hauptmann – »was hetzt er sich so, Woyzeck!« – nicht immer schon so vorgestellt?

Wer’s in Gießen verpasst hat, kann den ganzen schönen Zauber heute Abend noch einmal im Schauspiel Frankfurt erleben.

Marion Schwarzmann

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Puppentheater-aus-Kapstadt-weckt-tiefe-Emotionen;art71,82417

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