18. Juni 2018, 22:37 Uhr

Prügelei am Bollerwagen

18. Juni 2018, 22:37 Uhr
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Von Stephan Sippel

Es sind keine unbeschriebenen Blätter, die sich hier vor Gericht verantworten müssen: Eugen L., 31, wird in Handschellen hereingebracht, sitzt in der JVA Butzbach ein. Mehrfach vorbestraft. Alexander S., 47, bringt es auf 15 Einträge im Bundeszentralregister, die Mitangeklagte Olga M. (41) immerhin noch auf vier Vorbelastungen. Alle sind Deutsche mit hartem Akzent, der ihre russische Herkunft verrät. Alle waren über viele Jahre fest in der Drogenszene verankert. Alexander S. und Olga M. sind seit langem arbeitslos und beziehen Hartz IV, so wie L. bis zum Haftantritt. Da dürfte es doch eigentlich keinen Zweifel geben. Oder?

Klar ist dies: Am 1. Mai 2017 feierten die Drei mit weiteren Freunden an der Wiese am Gießener Lahnufer. Es wurde gegrillt, natürlich getrunken, und als der Vorrat aufgebraucht war, fuhr Eugen L. – damals noch nicht inhaftiert – mit dem Fahrrad zur nächsten »Tanke«, um Nachschub zu besorgen. Am Rückweg kam ihm dann eine Gruppe entgegen, die selbst ordentlich gebechert hatte. L. geriet ins Schlingern – der Boden war nass, außerdem hatte er zum Bier einen Joint geraucht. Und dann knallte er gegen den Bollerwagen der jungen Leute.

Verbürgt ist auch, dass es einen kurzen Wortwechsel mit einem jetzt 30-Jährigen gab, der den Wagen zog. Dann schlug L. zu und traf den Mann hart am Oberkörper. Es folgte ein Gerangel, beide rollten in Richtung Ufer, liefen wieder hoch, als L. bemerkte, dass er sein Handy vermisst. Das fand dann tatsächlich einer aus der Bollerwagen-Gruppe am Rasen und überreichte es L.

Damit hätte der Konflikt beendet sein können. Allerdings forderte L. wohl per Handzeichen Hilfe von seinen Freunden an, die in Sichtweite grillten. Sie eilten herbei, und nun gab es eine Massenkeilerei.

Vieles bleibt im Nebel

Eugen L. und Alexander S. waren vor Gericht mit Anwalt erschienen, Olga M.s Anwalt blieb dem Prozess ohne Entschuldigung fern. Möglicherweise war das am Montag ihr Pech: Denn sie räumte freimütig ein, dass sie einer Frau aus der Bollerwagen-Gruppe in den Bauch getreten habe. Die hatte damals tagelang über Schmerzen geklagt. Es war neben dem Faustschlag von L. die einzige Handlung, die das Gericht einer bestimmten Person zuordnen konnte. Alles andere blieb im Nebel.

Weder eine Polizistin, die damals mit anderen Beamten zum Einsatzort gerufen worden war, noch fünf Zeugen der Bollerwagen-Freunde konnten zur Aufklärung etwas Wesentliches beitragen. Bei der Aufnahme ihrer Anzeigen im letzten Jahr hatten sie viele konkrete Aussagen gemacht; etwa, dass ein »Mann mit einer brauen Jacke ein Messer gezogen« habe. Dafür gab es nun keine Augenzeugen mehr.

Letztlich verurteilte Richterin Antje Kaufmann Eugen L. wegen gefährlicher Körperverletzung zu 15 Monaten Haft, wobei ein Urteil wegen zwei Diebstählen (Gesamtwert: 46,14 Euro) einbezogen ist. Olga M. erhielt acht Monate, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, plus 150 Stunden gemeinnützige Arbeit. In beiden Fällen folgte die Richterin den Anträgen der Amtsanwältin.

Alexander F., für den die Anklagevertreterin ebenfalls acht Monate gefordert hatte, wurde freigesprochen. Hier war die Beweislage zu dünn, zwei Zeugen waren sogar sicher, dass F. bei der Prügelei fernab am Grill gestanden habe.

Alle Angeklagten entschuldigten sich mehrfach bei den Opfern. »Alles gut. Ich habe die Sache schon abgehakt«, sagte daraufhin der Mann, der damals den ersten Schlag abbekam. Er selbst hatte beim Gerangel am Lahnufer einen Alkoholpegel von stolzen 2,15 Promille.



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