31. August 2017, 11:00 Uhr

Massenschlägerei

Prozess wegen Prügelei in Flüchtlingsunterkunft

Wer ist schuld an der Massenschlägerei in der Flüchtlingsunterkunft in der Rödgener Straße mit rund 60 Beteiligten? Am Amtsgericht läuft ein spektakulärer Prozess.
31. August 2017, 11:00 Uhr
14 Angeklagte, ebenso viele Verteidiger, sieben Dolmetscher, drei Richter und ein Staatsanwalt – fast 40 Personen nehmen an dem Prozess teil, in dem eine Massenschlägerei in einem Gießener Flüchtlingsheim aus dem Jahr 2015 aufgearbeitet wird. Nur die Cafeteria des Amtsgerichts ist da als Verhandlungssaal groß genug. (Foto: sha)

Auf den Tischen klebten fast 40 Zettel mit Namen. Angeklagte, Verteidiger und Dolmetscher. Ein Mammutprozess, wie er am Gießener Amtsgericht noch nicht geführt worden ist. Als Vorsitzender Richter Harald Wack und zwei Schöffen am Mittwoch die kurzerhand zum Verhandlungssaal umfunktionierte Gerichts-Cafeteria betraten, waren noch längst nicht alle auf ihren Plätzen.

Schwerer Landfriedensbruch

Auch sämtliche Fenster blieben geöffnet, obwohl Lärm von einer benachbarten Baustelle hereindrang. Aber die vielen Prozessbeteiligten benötigten jede Menge Sauerstoff an diesem schwülen Tag. Zudem sorgte das sonore Murmeln der zahlreichen Dolmetscher ohnehin für eine dauerhafte Geräuschkulisse. Die übersetzten den Angeklagten, was ihnen vorgeworfen wurde: schwerer Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung.

Am 10. November 2015 sollen sie an einer Massenschlägerei in ihrer Unterkunft in der Rödgener Straße beteiligt gewesen sein. Rund 30 Syrer und Iraker hatten sich mit etwa genau so vielen Afghanen geprügelt. Da die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass die Afghanen von den anderen angegriffen wurden, befanden sich nur Syrer und Iraker auf der Anklagebank. Allerdings musste Richter Wack feststellen, dass nicht alle 14 Angeklagten erschienen waren.

Zwei Männer – 42 und 22 Jahre alt – waren nicht da. Weil der Ältere in einer großen Frankfurter Flüchtlingsunterkunft mit lediglich einem Sammelbriefkasten lebe, habe ihn die Ladung vermutlich gar nicht erreicht, spekulierte dessen Anwalt. Falls der Mann sich überhaupt noch dort aufhält. Er selbst habe einen an seinen Mandanten geschickten Brief als unzustellbar zurückerhalten. Die Rechtsanwältin des 22-Jährigen berichtete, ihr Mandant habe die Ladung erhalten. Das wisse sie von dessen Sozialarbeiterin. Warum der Mann trotzdem nicht erschien, blieb unklar. Um den mit großem logistischen Aufwand verbundenen Prozess – unter anderem musste eine Mikrofonanlage für die Cafeteria angemietet werden – nicht platzen zu lassen, trennte Wack die Verfahren gegen diese beiden Männer ab.

Empörter Iraner

Für Verwunderung sorgte ein weiterer Angeklagter, der plötzlich behauptete, erst 17 Jahre alt zu sein – statt 22. Man habe ihn bei der Ausländerbehörde falsch verstanden. Außerdem sei er Iraner, ereiferte sich der junge Mann. Er habe weder mit den Irakern und Syrern noch mit den Afghanen etwas zu tun gehabt. Das habe er der Polizei aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse aber nicht klarmachen können. Die restlichen Angeklagten werden – trotz teils überraschend guter Deutschkenntnisse – zu den Vorwürfen schweigen, wie ihre Verteidiger mitteilten.

Ein Polizist schilderte, dass sich die Situation schon fast vollständig beruhigt hatte, als die Beamten mit einem Großaufgebot anrückten. Ein afghanischer Zeuge und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, von denen vier verletzt worden waren, hätten mehrere der Angeklagten als Aggressoren identifiziert. Sie sollen vorab Aluminiumstangen aus ihren Bettgestellen genommen haben, um damit auf die Gruppe der Afghanen einschlagen zu können. Schwerer verletzt wurde aber zum Glück niemand.

Die Gründe für diesen Gewaltausbruch sind unklar. Ob Mädchen aus der einen Gruppe von Mitgliedern der anderen belästigt wurden oder es bereits zuvor Spannungen gab, wusste der Polizist nicht zu sagen. Nur so viel: In der Situation des Jahres 2015, »wenn solche Menschenmassen auf engstem Raum zusammenleben müssen, sind Spannungen unausweichlich«. Dass es bei der Schlägerei hoch herging, bestätigte ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. »Ich habe gesehen, wie ein Besen an mir vorbeiflog.« Der 36-Jährige war selbst niedergeschlagen worden, als er einem am Boden liegenden Kollegen helfen wollte.

 

Fortsetzung am Samstag

 

Weil beim Eintreffen der Polizei keine Afghanen mehr vor Ort gewesen waren, vermuten die Verteidiger, dass die Aggression eher von dieser Gruppe ausging. Wahrscheinlich habe ein afghanischer Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes seine Landsleute rechtzeitig gewarnt. Um das herauszubekommen, wird weiterverhandelt. Zum Leidwesen der Beteiligten am 16. September, einem Samstag, da die Verteidiger sich nicht auf einen Werktag einigen konnten.

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