17. Februar 2018, 18:33 Uhr

Sexarbeit

Prostitution in Gießen: Die meisten Frauen bleiben nur wenige Tage

Prostitution findet in Gießen fast immer in Wohnungen statt. Die dort arbeitenden Frauen stammen überwiegend aus Rumänien. Meist bleiben sie nur wenige Tage hier.
17. Februar 2018, 18:33 Uhr
Gelegentlich stehen »Love-Mobile« in Gießen. Die meisten Prostituierten arbeiten aber in so genannten Tagesterminwohnungen. (dpa)

Wenn Frauen in den achtziger Jahren abends rund um die Crednerstraße unterwegs waren, mussten sie häufig Autofahrer abweisen, die sie ansprachen. In Anzeigenzeitungen gab es reihenweise »Erotik«-Werbung. Heute ist Prostitution in Gießen öffentlich weniger sichtbar. Dennoch gibt es sie, wenn auch in überschaubarem Ausmaß – jedenfalls so weit die Stadtverwaltung weiß.

Im Juli trat das »Prostituiertenschutzgesetz« in Kraft. Seitdem müssen sich die im Gewerbe tätigen Personen beim Ordnungsamt anmelden. In etlichen Städten lief die Umsetzung schleppend; man wartete auf eine Landesverordnung. Gießen begann früh mit der Schulung der Mitarbeiter sowie der Registrierung der Prostituierten.

 

Schweigen im Beratungsgespräch

Im vergangenen Jahr meldeten sich 36 Frauen an, erklärt die Stadt auf Anfrage. Die allermeisten von ihnen stammen aus Osteuropa, überwiegend aus Rumänien. Nur drei hatten einen deutschen Pass, eine kam aus Asien. In diesem Jahr waren es bisher 18, darunter zwei Südamerikanerinnen. 14 kommen aus osteuropäischen EU-Ländern, zwei aus anderen Staaten in Osteuropa.

Einen »Straßenstrich« gibt es in Gießen anscheinend nicht mehr, ebenso wenig ein Bordell; zuletzt hat die Stadt mit baurechtlichen Mitteln das Vorhaben für ein Etablissement in der Lahnstraße verhindert. Die Pohlheimer »FKK-World« allerdings ist mit Plakaten auch in Gießen präsent.

In der Stadt arbeiten die Frauen in der Regel in so genannten Tagesterminwohnungen. Die meisten bleiben nur kurz: »Je nach Umsatz zwischen zwei und sieben Tage lang« belegt eine Frau eine Wohnung, bevor sie weiterzieht. 20 solcher »Prostitutionsstätten« sind der Stadt gemeldet, teilweise im selben Gebäudekomplex, erläutert das Ordnungsamt. Der Kontakt zum »Kunden« wird meist über das Internet oder Handy geknüpft.

Die Übergänge zum Straftatbestand des Menschenhandels sind fließend

Verein Frauenrecht ist Menschenrecht

Jede Frau wird bei ihrer Anmeldung beraten – das schreibt das Gesetz vor, um Menschenhandel möglichst einzudämmen. Die Stadt Gießen hat den Frankfurter Verein »Frauenrecht ist Menschenrecht« (FIM) mit diesen Vier-Augen-Gesprächen beauftragt. Streetworkerinnen, die selbst aus Osteuropa stammen und zumindest teilweise die Muttersprachen der Klientinnen beherrschen, versuchen herauszufinden, ob die Frau zu ihrer Tätigkeit gezwungen wird. Sie informieren sie über Rechte, Finanzen und Hilfsangebote.

Doch meistens stoßen sie auf Schweigen und Misstrauen, so die Erfahrung des Ordnungsamts. Um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, wären mehrere Gespräche nötig – das sei aber kaum möglich, wenn die Frau höchstens eine Woche in Gießen verweilt. Öffnet sich eine Prostituierte doch einmal einer Beraterin gegenüber, so stimmt sie der Weitergabe der Informationen in der Regel nicht zu.

Grundsätzlich seien die Frauen »äußerst skeptisch« gegenüber der Polizei und Behördenvertretern, etwa weil sie in ihrer Heimat schlechte Erfahrungen mit Korruption gemacht haben.

 

Ordnungsamt überprüft Vorgaben

Das Schutzgesetz schreibt die Kontrolle der »Prostitutionsstätten« vor, zu denen auch Wohnungen gehören. Unter anderem soll der Betreiber dafür sorgen, dass keine Minderjährigen dort arbeiten, dass Kondome benutzt werden und dass die Sicherheit gewährleistet ist. Er muss schriftlich versichern, dass Prostituierte nicht ausgebeutet werden und selbst über die Art ihrer Dienstleistungen entscheiden. Das Ordnungsamt überprüfe die strengen Vorgaben bei jeder Anmeldung, so die Stadt.

Nicht erlaubt ist das Gewerbe im Sperrbezirk, also in der gesamten Innenstadt. Im Januar kontrollierten Stadt und Polizei einige Wohnungen in diesem Bereich und untersagten den Weiterbetrieb. Die Frauen, die sie dort antrafen, seien fast ausnahmslos angemeldet gewesen. Weitere regelmäßige Kontrollen seien beabsichtigt. »Dazu laufen derzeit Absprachen mit der Polizei, der Zollfahndung und dem Finanzamt.«

Wortkarg antwortet die Polizei auf eine GAZ-Anfrage zu Straftaten rund um Prostitution in Stadt und Kreis Gießen. Das Fachkommissariat habe mehrere Kontrollen mit dem Ordnungsamt durchgeführt.

Laut FIM ist Deutschland für Zuhälter besonders attraktiv. Das Prostitutionsgesetz von 2002 erwecke den Eindruck, dass hier »legal und unkompliziert Geld verdient werden kann«. In Gießen hat sich kürzlich der Verein »Alarm! Gegen Sexkauf und Menschenhandel« gegründet, der aufklären und die Rechtslage ändern will (Bericht folgt).

Zusatzinfo

Schneller Wechsel hat Methode

Fast immer stecke heute Armutmigrations dahinter, wenn sich Frauen und Männer in Deutschland prostituieren, erläutert der Verein »Frauenrecht ist Menschenrecht«. Die meisten hätten schon als Kinder Gewalt erlebt. »Die Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern macht sie zu leichten Opfern von Menschenhändlern, ›Freunden‹ und Familienangehörigen, die sie in die Prostitution drängen oder zwingen.« In der Regel wüssten sie bei der Einreise, was auf sie zukommt. Weil sie meistens jung und ungebildet seien, könne man von Selbstbestimmung nicht reden: »Vielmehr werden sie von Zuhältern kontrolliert und wirtschaftlich ausgebeutet. Die Übergänge zum Straftatbestand des Menschenhandels sind fließend.« Der schnelle Wechsel der Arbeitsstätten habe Methode. »Die Frauen werden von einer Stadt in die andere gebracht, um ihre Abhängigkeit zu erhöhen.«

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