07. Januar 2019, 06:00 Uhr

Einfach helfen

Polizei bietet Kurse für Zivilcourage an

Es reichen oftmals Kleinigkeiten, um andere Menschen vor Gewalt zu bewahren oder ihnen aus Notsituationen zu helfen. Deshalb bietet die Polizei zusammen mit der Stadt Gießen Kurse für Zivilcourage an.
07. Januar 2019, 06:00 Uhr
Eine nachgespielte Notsituation in einer Bahn: Eine Frau (links) wird von einem Mann bedrängt, die anderen Fahrgäste reagieren aber nicht. (Foto: dpa)

Antje Suppmann ist eine erfahrene Polizistin. Trotzdem gibt es Dinge, die sie traurig stimmen – so wie der Fall eines Mädchens, das in der Vorweihnachtszeit zuerst in der Nähe des Gießener Bahnhofs und dann in einem Linienbus von einem Mann sexuell belästigt wurde. »Dass sich ein 15-jähriges Mädchen nicht traut, um Hilfe zu bitten, dass andere Fahrgäste ihre Not nicht sehen und nicht helfen…« Suppmann beendet den Satz nicht. Ein Fall wie dieser, sagt sie nach einer Pause, habe sie bestärkt, weiter für mehr Zivilcourage einzutreten.

Suppmann kennt sich aus mit dem Thema Zivilcourage – und wie man sie lernen kann. Die Jugendkoordinatorin des Polizeipräsidiums Mittelhessen ist als Multiplikatorin für das Programm »Gewalt-Sehen-Helfen« tätig, das die Polizei zusammen mit der Stadt Gießen anbietet. In Kursen können die Teilnehmer erleben, wie sie sich in Konflikt- und Gefahrensituationen verhalten sollen. Seit 1997 gibt es diese Seminare. Die Überraschung und die Einsicht der Teilnehmer sei am Ende immer ähnlich, sagt Suppmann: »Es kann manchmal so einfach sein, Hilfe zu leisten.«

 

Bedrohliche Situationen erkennen

Wer zum Beispiel eine bedrohliche Situation bemerkt, soll auf keinen Fall den Helden spielen, sagt Suppmann. Jeder könne mit seinem Smartphone den Notruf wählen – auch ohne Guthaben. Es genügten in der Regel auch Kleinigkeiten, um einem Opfer zu helfen. Beispiel Belästigung im Bus oder im Zug: Ein Mann sitzt bei einer Frau, rückt immer näher auf, legt seine Hand auf ihr Bein. Die Frau fühlt sich augenscheinlich nicht wohl. »Zeugen sollten eine Brücke zum Opfer bauen«, rät Suppmann. Hingehen, so tun, als ob man die bedrängte Person kennt. »Ach, du auch hier?« Sie dann an die Hand nehmen und aus der Gefahrensituation wortwörtlich herausziehen. »Der Täter will keine Öffentlichkeit«, sagt die Expertin, »deswegen sollte man immer das Opfer ansprechen und nicht den Täter.« Der werde immer sagen, dass alles in Ordnung sei.

Dabei geht es nicht darum, wer Recht hat

Antje Suppmann

Ansonsten helfe es auch, andere gezielt zur Hilfe zu animieren: »Sie da mit dem Bart, rufen die Polizei. Sie mit dem gelben Kleid gehen zum Busfahrer, und Sie mit dem braunen Hut kommen jetzt mit mir, und wir helfen der Frau gemeinsam«, sagt Suppmann.

Und was ist, wenn man selbst in eine bedrohliche Situation gerät? Die Expertin rät, zuerst aufs Bauchgefühl zu hören. Manchmal sei es besser, einfach die Straßenseite zu wechseln, anstatt mitten in einen Konflikt hineinzulaufen. Sollte man in ein Streitgespräch verwickelt werden – immer beim Sie bleiben. Das schaffe Distanz. Und laut und deutlich artikulieren, dass man in Ruhe gelassen werden will.

 

Vorfall auf der Frühjahrsmesse

Manchmal sieht man eine Bedrohung nicht kommen. Beispiel Frühjahrsmesse in Gießen. Ein Mann kommt mit Wut im Bauch auf den Festplatz. Er sieht einen Jugendlichen, der in sein Smartphone vertieft ist. Der Mann geht an dem Jugendlichen vorbei und rempelt ihn absichtlich an. Eine Reaktion des Jugendlichen könnte sein, den Mann zu fragen, was das sollte – oder ihn anzumeckern. Hier wäre ein Konflikt programmiert. »Man kann sich aber auch einfach wegdrehen und weitergehen, sich entschuldigen oder den Mann ignorieren«, sagt Suppmann. Distanz schaffen – und damit nicht zum Opfer werden. »Dabei geht es nicht darum, wer Recht hat«, sagt sie.

Suppmann betont: Die Teilnehmer der Kurse sollen lernen, sich selbstbewusst im öffentlichen Raum zu bewegen. Denn Straftäter suchten sich gezielt und wortwörtlich Opfer – und keine Gegner.

Zusatzinfo

Organisation beim Ordnungsamt

Wer Interesse hat, an einem Kurs im Rahmen des Projektes »Gewalt-Sehen-Helfen« teilzunehmen, wendet sich an das Ordnungsamt der Stadt Gießen unter der Telefonnummer 06 41/3 06-19 10 oder schickt eine E-Mail an gsh@giessen.de. Weitere Info unter www.gewalt-sehen-helfen.hessen.de.

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