Stadt Gießen

Philosophika I und II werden wohl abgerissen

Gießen (si). Die Justus-Liebig-Universität muss die bauliche Entwicklung für einen ihrer drei Großstandorte komplett überarbeiten. Betroffen ist der gesamte Bereich vom Philosophikum I in der Otto-Behaghel-Straße bis zum Philosophikum II in der Karl-Glöckner-Straße.
18. November 2009, 09:02 Uhr
Die aus den 60er Jahren stammenden Gebäude - hier das  Philosophikum II an der Karl-Glöckner-Straße - sind baufällig. 	(Foto: Sc
Die aus den 60er Jahren stammenden Gebäude - hier das Philosophikum II an der Karl-Glöckner-Straße - sind baufällig. (Foto: Schepp)

Gießen (si). Die Justus-Liebig-Universität muss die bauliche Entwicklung für einen ihrer drei Großstandorte komplett überarbeiten. Betroffen ist der gesamte Bereich vom Philosophikum I in der Otto-Behaghel-Straße bis zum Philosophikum II in der Karl-Glöckner-Straße. Grund: Die dort in den 60er Jahren errichteten Häuser sind in einem viel schlechteren Zustand als gedacht. Aller Voraussicht nach müssen sie abgerissen werden - weil ein Neubau kostengünstiger als die Instandsetzung ist. Das sagen die Fachleute, die dort im Auftrag der Hochschule seit über einem halben Jahr die Gebäudequalität untersuchen. Kanzler Dr. Michael Breitbach bestätigte der Allgemeinen Zeitung, dass die Untersuchungen »ernüchternde Ergebnisse« gebracht hätten. Ein Abriss sei denkbar. Voraussichtlich Ende Februar liege das Abschlussgutachten vor. Dann werde entschieden, sagte Breitbach, der hier als Baubeauftragter der Universität zentral zuständig ist.

Die Erkenntnisse berühren den Kern des Entwicklungskonzepts, das ein Planungsteam aus Vertretern der Hochschule, weiteren Behörden und privaten Einrichtungen wie Architekturbüros seit 2007 entwickelt hat und das im vorletzten Frühjahr erstmals vorgestellt wurde. Hintergrund war damals die Zusage der Landesregierung - die nach wie vor gültig ist -, dass im Rahmen des Investitionsprogramms »Heureka« weit über 500 Millionen Euro an die Justus-Liebig-Universität fließen sollen. Das Expertengremium hatte damals vorgeschlagen, die Hochschule solle sich auf drei Standorte konzentrieren: einen Campus »Lebenswissenschaften« im Bereich Heinrich-Buff-Ring (die Veterinärmedizin in der Frankfurter Straße eingeschlossen), ein Universitätszentrum für die Verwaltung mit Serviceeinrichtungen im Bereich Hauptgebäude (Ludwig-, Bismarck-, Goethestraße) - und eben den »Campus Kultur- und Sozialwissenschaften« mit den Philosophika als Kern und erweitert um die Bereiche Recht und Wirtschaft in der Licher Straße sowie Sport am Kugelberg.

Dass das »Phil.« große bauliche Mängel hat, ist seit langem bekannt. Schon in den 80er Jahren blätterte dort die Fassade ab, Außentreppen im Bereich Karl-Glöckner-Straße sind teils schon seit über 20 Jahren nicht mehr benutzbar und gesperrt. Immer wieder drang Regen in die Innenräume ein. Allerdings gingen Universität und auch das Land noch vor wenigen Monaten davon aus, dass die Gebäude in der Substanz gesund seien. Die Hochschule beantragte deshalb auch ausdrücklich für diesen Standort Mittel aus dem »Konjunktursonderprogramm II« des Bundes und der Länder. Bewilligt wurden noch im Mai 5,65 Millionen Euro allein für das Philosophikum II; vor allem für energetische Maßnahmen, aber auch zur Flachdachsanierung und um »barrierefreie« Zugänge zu schaffen. Weitere 2,5 Millionen Euro wurden für das Philosophikum I (Haus A) freigegeben. Die Mittel dürfen nur zweckgebunden verwendet und müssen bis Ende 2011 ausgegeben werden, sonst verfallen sie.

Die Universität werde hier auf jeden Fall sanieren. Das sei notwendig, um die Gebäude weiternutzen zu können, sagte Breitbach. »In den nächsten Jahren« würden sie sicherlich noch stehen. Konkrete weitere Pläne gebe es nicht. In jedem Fall müsse auch bei einer Neubebauung der Vorlesungsbetrieb weiterlaufen, bekräftige Breitbach. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Justus-Liebig-Universität wie alle anderen Hochschulen mittelfristig mit weiter steigenden Studentenzahlen rechnet. Es kommen geburtenstärkere Jahrgänge und 2013 sogar zwei Jahrgänge gleichzeitig, da dann die ersten G-8-Schüler in Hessen ihr Abitur absolvieren.

Die Landesregierung ist schon seit Monaten über die neue Entwicklung informiert. Stadtbaurat Thomas Rausch weiß seit vergangener Woche, dass die Universität mit einer Neubebauung rechnet. Die Stadt sei für alle Pläne offen; auch in der Frage, ob das Gebiet eventuell verkehrlich anders angeschlossen werde, sagte Rausch der Allgemeinen Zeitung. Die Hochschule müsse nur ihre Vorstellungen konkretisieren und Daten liefern. Bei einem Projekt dieser Größenordnung sei er grundsätzlich für einen Bebauungsplan. Sonst drohten Konflikte mit Anwohnern und Klagen vor dem Verwaltungsgericht.

Offen ließ der Dezernent, ob er eine Verkehrsberuhigung im Bereich Rathenaustraße/Alter Steinbacher Weg akzeptieren würde - was die Consiliumspläne der Universität vorsehen, weil hier das »Herz« des neuen Campus Kultur- und Sozialwissenschaften schlagen soll. Vorgesehen sind dort auch eine neue Mensa, eine neue Theaterprobebühne und ein größerer Anbau an die Zentrale Universitätsbibliothek. Die jetzige, erst in den 80er Jahren errichtete Neue UB würde auch bei einem Abriss des Philosophikums stehenbleiben.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Philosophika-I-und-II-werden-wohl-abgerissen;art71,38631

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