24. Januar 2019, 22:07 Uhr

»Passivrauchen ist viel gefährlicher«

Die Erklärung von über 100 Lungenärzten zur Debatte um Schadstoff-Grenzwerte und Diesel-Fahrverbote hat im wahrsten Sinne des Wortes viel Staub aufgewirbelt. Der Gießener Kinder-Pneumologe Prof. Hermann Lindemann gehört zu den Unterzeichnern.
24. Januar 2019, 22:07 Uhr
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Von Burkhard Möller
Luftmessstation an der Gießener Westanlage. (Fotos: Schepp)

Renate Lindemann wusste sofort um was es geht, als ein Redakteur der Gießener Allgemeinen ihren Mann sprechen wollte: »Die FAZ hat auch schon angerufen.« Ihr Mann Hermann ist einer von 112 Lungenärzten, die in den letzten Tagen von Zeitungen aus ihrer Region um eine Stellungnahme gebeten wurden. Denn die Erklärung der Mediziner hat wie eine Bombe in die Debatte um die Diesel-Fahrverbote eingeschlagen. Innerhalb der Bundesregierung sorgte sie sogleich für einen Disput zwischen CSU-Verkehrsminister und SPD-Umweltministerin, unter anderem in den Internetforen der AfD wurde die Stellungnahme der Experten als Schlag gegen »Diesel-Hysterie« und »Grenzwert-Lüge« bejubelt. Derlei Instrumentalisierungen durch die Politik seien normal, wenn man sich in Debatten einschalte, sagt Hermann Lindemann: »Wir können das schon richtig einordnen.«

In Gießen ist Lindemann, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 Leiter des Funktionsbereichs für Pneumologie und Allergologie an der Unikinderklinik war, gemeinsam mit seiner Frau Renate als Kämpfer gegen die Lungenkrankheit Mukoviszidose bekannt. Sein Wort, was Luftschadstoffe gerade für Kinder bedeuten können, hat also Gewicht. Mit Blick auf seine langjährige ärztliche Praxis stellt er fest: »Stickstoffdioxid ist in der Betrachtung aller Gesundheitsrisiken eine unwichtige Komponente und ein Minimalfaktor.« Asthma-Patienten habe er früher stets geraten, sich nicht dauerhaft einer Belastung von 150 Mikrogramm auszusetzen. Der derzeit so hitzig debattierte Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft; Lindemann nennt ihn »willkürlich«.

Der »punktuelle und monokausale« Umgang mit Luftschadstoffen wie Ozon, Feinstaub oder Stickstoffdioxid ist aus Sicht von Lindemann auch deshalb ein Problem, weil damit von größeren Risiken abgelenkt werde. »Den Kindern wäre viel mehr geholfen, wenn ihre Eltern aufhören würden, in ihrer Gegenwart zu rauchen. Passivrauchen ist viel gefährlicher als der Autoverkehr.« Um die filterlose Verbrennung von Holz im heimischen Kamin schere sich ebenfalls niemand, auch ans Silvesterfeuerwerk, das die Atemluft mit Schadstoffen in hoher Konzentration schwängere, traue sich niemand ran.

Wie Lindemann berichtet, sei die Erklärung seines Kollegen Prof. Dieter Köhler, früher Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, seit dem vergangenen Sommer vorbereitet worden. An der Expertise Köhlers bestehe kein Zweifel. »Er ist ein ausgewiesener Experte, dem ich vertraue«, sagt Lindemann.

Kein Schutzpatron der Autoindustrie

In der Erklärung der Lungenärzte wird der in staatlichen Studien hergestellte Zusammenhang zwischen Todesfällen durch Feinstaub und Stickoxid bestritten, von einem »systematischen Fehler« bei der Erhebung von wissenschaftlichen Daten ist die Rede. Mit ihrer Erklärung wollen die Mediziner einen Beitrag zur »Versachlichung der Diskussion« leisten, wie Lindemann betont. Schutzpatron der Autoindustrie wollen die 112 Fachärzte dagegen ausdrücklich nicht sein. »Unser Beitrag entschuldigt natürlich nicht die unverantwortlichen Manipulationen von Teilen der Autoindustrie bezüglich des Schadstoffausstoßes«, heißt es abschließend in der von dem Gießener Professor unterzeichneten Erklärung.



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